Denke nicht daran, wie du mehr Geld verdienst …

Seit 25 Jahren ist er Kellner in Wels. An die verschlungenen Wege wie er just hierher kam, mag er sich nicht erinnern. Das sei nicht mehr wichtig, sagt er. Seine Frau arbeite in einer Bäckerei, leider seien ihre und seine Arbeitszeiten kaum kompatibel; doch den Sonntag, den hätten sie wenigstens füreinander. Ihr Sohn, mittlerweile 28 Jahre alt, lebe in Linz. Trotzdem sei es wie eh und je: Komme der Junge nach Hause, werde der Kühlschrank geleert; und jede Menge elterliche Kochkunst vor der Abreise obendrein eingepackt. »Öfters sage ich zu meinen Leuten, es ist notwendig, dass wir noch viel besser sind. Besser als alles, was andere über uns reden.« Irritiert sehe ich ihn an. Feindschaft und Gehässigkeit werden nicht weniger werden, bloß weil man denjenigen diese Ungerechtigkeit mit gleicher Münze zurückzahle, sagt er und fährt fort: »Ich habe schon viel gesehen und erlebt. Es hat Zeiten gegeben, da habe ich jeden Morgen mit ›Bitte, Gott, hilf mir!‹ begonnen. Und mit heftigen Kopfschmerzen.« Natürlich sei es kränkend, wenn manche Gäste so dreist sind und sich nicht von ihm bedienen lassen wollen, sondern ihm befehlen, einen Kollegen zu holen oder seinen Namen ignorieren, weil er ihnen zu fremd klingt. Vor allem in den ersten Jahren sei dies häufig geschehen. Sein Vater, erzählt er, sein Vater habe ihm etwas Wichtiges beigebracht: »Denke nicht daran, wie du mehr Geld verdienst. Denke lieber daran, was du besser machen kannst!«

Mittlerweile habe sich Wels an seinen Anblick gewöhnt, und er eine Anstellung gefunden, bei der ein Morgen nicht mehr mit Elend beginne. Im Küchenteam dieses Lokals ist er der Älteste, und manchmal habe er jungen Lehrlingen, welche ihre Arbeitsatmosphäre hier für normal hielten, den Kopf zurechtzurücken: Der Norm entspreche es nämlich weder, dass die Arbeit in der Gastronomie Spaß mache, dass im Team gelacht und gewitzelt werde, man miteinander befreundet sei. Viel eher seien ein recht rauer Umgangston und wüste Beschimpfungen an der Tagesordnung, denn in einer Küche gelte es immer, Krisen zu bewältigen. Aber: »Welche Chefin wischt die Tomatensuppe auf, die durch ein Unglück auf den Schuhen des Angestellten landet? Putzt dem Küchenhelfer die Schuhe! Welcher ›Chef‹ macht das sonst?« 

Derweilen ist einer seiner Kollegen gekommen, nimmt an unserem Tisch Platz. Dieser junge Herr sei die Chronik des Hauses: Kein Datum entfalle ihm je, kein Jahrestag, kein Fest … »Und weißt du noch, wie du geschaut hast, als die Chefs mit einem Päckchen kamen und alle »Happy Birthday« gesungen haben? Solche Augen hast du gemacht! So groß …« Gegenseitig rufen sich die beiden Herren Ausflüge, Weihnachtsfeiern, Jahrestage ihres Lokaleintritts in Erinnerungen – ja, es sind diese Kleinigkeiten, welche den Teamgeist nähren, der im »Würtshaus in der Kohlstatt« zu spüren ist. So hieß das Lokal nämlich bei seiner ersten urkundlichen Erwähnung im staunenswerten Jahr 1788; und der Name hat nichts mit dem Gemüse zu tun, sondern mit den Köhlern, die sich dort trafen. 

Als der heutige Küchenchef Franz es übernahm, war er erst 21 Jahre jung. Er und seine Eva leiten bis heute die »Kohlstatt«; ihr Kellner Frances aus Ghana erzählte mir seine Geschichte, Mohammed aus Bagdad ist das Gedächtnis der Truppe: Ändern die Namen, die Herkunftsorte, die Hautfarbe jene Geschichte, die Sie gelesen haben? Sie sollten keine Rolle spielen – und tun es doch … Wenn Sie in die »Kohlstatt« gehen, grüßen Sie mir diese liebenswürdigen Menschen – und werfen Sie unbedingt einen Blick in ihr Küchenballett!

Von Nachtschwärmerinnen und Somnambulen

 

Grau in all seinen Schattierungen ist nur eine Nachtfarbe von vielen. Rot leuchtet es um die Schönhübschlerinnen. Gelb strahlt die Hafergasse in ihrer Vielzahl an Lokalen, Weiß-Pink das »Shot« in der Pfarrgasse … Auf der Straße treffe ich einige jüngere Semester. Ihre Worte lassen Roman, Wirt im »Black Horse«, einen Idealisten erscheinen, denn er meinte, die Studierenden der FH seien zu eifrig ihrer Bildungswahl ergeben, um sich in Lokalen die Nächte um die Ohren zu schlagen. »Wohin solle man denn gehen, in Wels, wo alles so teuer ist wie in Linz? Da fahre man doch lieber gen Osten«, sagen die Studierenden. Nun, was dem einen Oase, ist dem anderen zu wenig Schickeria. So erhält ein jeder seine ›cup of tea‹. Ich jedenfalls genieße meinen Abend im »ReWü«, lausche mich durch die Jahrzehnte, jedes Mal aufs Neue gespannt, was mir als nächstes serviert wird. Und die Kellnerin hat es eilig, springt ohne Weiteres von 1960 zu 2010. Nicht so der Herr an Edi’s Bar im Hotel Hauser: Komme er in die Bäckergasse, bestehe sein Hündchen Julienne darauf, hier eine Pause einzulegen, ziehe und zerre an der Leine, bis er nachgebe, wissend, dass hier ein Leckerli auf sie warte. 

Und die Businessgäste? Sie frequentieren nicht mehr so häufig wie früher die Bar. Ein anderer Lebensstil sei Usus geworden: Fitness nach der Arbeit und um zehn ins Bett; statt wie einst fünf Bier allabendlich zu kippen. Auch als Seelendoktor sei der Barkeeper im Hotel selten gefragt – im Gegensatz zu Julia im »Shot«, ein Lokal, welches vor allem von jungen Erwachsenen besucht wird, die sie beim Hereinkommen wie eine Freundin umarmen, durchaus auch Liebeskummer und freundschaftliche Lebensenttäuschungen ausheulen; oder sich über ›die blöde Mama‹ beschweren. Meist rede Julia ihnen dann ins Gewissen, erzähle von ihrer Jugend und betone, dass sie heute eines sicher wisse: »Stänkernde Mütter machen sich bloß Sorgen!«

An ihrer Berufswahl habe Julia eine Weile gezweifelt, sei für einige Monate sogar zu ihrer erlernten Tätigkeit zurückgekehrt. »… aber Zahntechnikerin? Nicht wirklich so cool, oder?« Im Gespräch mit ihr wie auch mit Severin, dem jungen Besitzer des Lokals, bekommt man bald den Eindruck, sie ist die verkappte Sozialarbeiterin und er der Lehrer, für den er einst studierte: »Die Sprache unserer jungen Gäste stimmt mich nachdenklich. Sie verarmt. Einige Ausdrücken, in denen erschöpft sich ihre Kommunikation«, sagt Severin. »Ganz zu schweigen von der Rechtschreibung in den Postings!« Selbst ihr, Julia, falle das auf, und sie sei kein Ass der Orthographie.

Rund um uns wird ›Party gemacht‹, Einzelgänger reihen sich an der Bar auf. »Der Winter ist unsere Hochsaison. Wenn es immer warm wäre, gäbe es uns nicht mehr.« Das bald in Kraft tretende Rauchverbot jedoch liegt Severin schwer im Magen. Ohne einen Türsteher, der sich gut mit den jungen Leuten verstehe, werde die Nachtruhe der Anrainerinnen und Anrainer wohl kaum zu sichern sein. Mittlerweile, merkt Julia begütigend an, genüge es meist, wenn sie böse schaue: »Sie bemühen sich wirklich, brav zu sein«, versichert sie, und da sie ihn an das Zeitalter des Akku-Schraubers erinnert, lacht Severin lauthals: Während der ersten Wochen sei kein Morgen ohne Reparatur vergangen; heutzutage zücke er bloß allmorgendlich die Fundkiste. Seit einiger Zeit ist für ihn nämlich Tagesdienst angesagt. »Du hast ja jetzt das schönste Kind der ganzen Stadt«, grinst Julia schelmisch, »und das Shot, das ist mein Baby, gell?«

 

Genussphilosophie oder: Raum für Novitäten lohnt sich

 

Wo immer man sich auf dieser Welt befinden mag: Das Kaffeehaus ist ein guter Ort, um anzukommen. Nirgendwo sonst wird einem das Alleinsein so leicht gemacht wie im Café. Es darf Platz genommen werden, ohne den Vorwurf eines gegenüberliegenden Gedecks. Die Anwesenheit zahlreicher Periodika nährt zusätzlich den Eindruck, es sei in Ordnung, zu bleiben, zu lesen – nur die Qual der Wahl beim Blick in die Karte bleibt nicht erspart. Außer man hat eine dezidierte Vorliebe. Von der wissen Kellnerinnen ihr eigenes Lied zu singen: Es bedürfe geduldigen Charmes, wolle man Stammgästen neue Geschmacksvarianten oder Kaffeekreationen nahebringen. Doch sollte man mit eigener Vermutung richtig gelegen haben, es ihnen folglich munden, ist sogleich alles wieder beim Alten; und das ehedem Gewagte wird ihnen zur neuen Gewohnheit. Ich gestehe: Ich fühle mich ertappt. Die Kellnerin im »Café Mocca« lacht und empfiehlt mir einen Schuss Mandorla-Sirup zum gewohnten Espresso Doppio. Ja, daran könnte ich mich ob leichter Süße und vollem Mandelaroma durchaus gewöhnen!

Seit über einem Jahrhundert beherbergt das »Mocca« an der Ringstraße die Bohne. 1880 ließ Johann Ploberger das Gebäude im Stil der Gründerzeit errichten, er war einst Betreiber eines Kaffeehauses und zudem auch einer ersten Rösterei in Wels. Die Bohne blieb, bloß die Namen änderten sich – so galt es unter »Markut« in den 1920er-Jahren als ›das‹ Café der Stadt … Verglichen mit seiner langer Historie und seinem heute jungen Interieur, erzählt das »Hoffmann« am Stadtplatz die Geschichte von junger Gründung und altem Stil. Der Zufall wollte es, dass die Chefin des Hauses in einem Linzer Lokal die Arbeiten der »id Werkstatt Traun« entdeckte, und diese mit der Umsetzung ihres Interieur-Wunsches beauftragte, sodass seither unter der Gewölbedecke eine Melange aus Alt-Wiener-Café und Wohnzimmeratmosphäre residiert, in welcher man sich auf Anhieb wohl fühlt.

Mit der lustvollen Wissenschaft der anregenden Bohne, beschäftigen sich im heutigen Wels Peter Zechmeister, für den bei »dunkelhell« der Genuss im Vordergrund steht, und das junge Paar der informativen »Kaffeeothek«. Nach Jahren im Ausland kehrten die beiden Gastronomen zurück, um den Variantenreichtum des Kaffees in Wels in Workshops und Beratung zu fördern. Von einem Cold Brew Tonic ist da die Rede, einem Kaltauszug, der keineswegs wie ›kalter Kaffee‹ schmeckt, vielleicht aber trotzdem schön macht? Oder von einem erfrischenden Eistee, der aus Kaffeekirschen gewonnen wird … Auch »dunkelhell« berät bei sogenannten Cuppings, bei denen die Entdeckerlust gleichfalls genährt wird. Zechmeisters Experimentierfreude zeigt sich außerdem darin, dass er seinen Röster selbst baute, überzeugt, es lohne sich eher, in guten Rohkaffee zu investieren statt in ein Ensemble an Maschinen.

Entgegen allen Unkenrufen zu hiesiger Mentalität wird der Mut dieser innovativen Köpfe durch zahlreichen Kundenbesuch belohnt, und wer es – wie jene beiden Damen, die neben mir die Nasen an die Auslage drückten –, bislang nicht wagte, überzeugt, absolut unerschwinglich sei, was sich in solch urbanem Chic präsentiere, empfehle ich einen Besuch, denn Neues kann stets nur wachsen, wird es aktiv rezipiert.

 

»Das ist ein anderes Leben!«

Den Markt muss man leben, will man diese eigene Gemeinschaft in der Gesellschaft begreifen; oder die Menschen eines Ortes kennenlernen. So erstehen die Welser und Welserinnen laut den Standlerinnen kalkuliert ihren Bedarf. Weder liefen sie tagtäglich um Lebensmittel noch sei umfangreiche Vorratshaltung ihr Ding. ›Auf’s Geld‹ hingegen schaue man erst nach dem 20., wenn immer noch ein Drittel des Monats für alle über sei. Ein Faktum, von dem auch zahlreiche Wirte mir berichteten.

Markt ist nicht gleich Markt, doch allen gemein ist das fröhliche Rufen, das Stimmengewirr der Dialoge, die kleinen Erkundigungen über den Alltag. Wer als Standlerin, ihr Leben verdient, brauche ein feines Gespür für Menschen, denn an der ›Budel‹ handle man eben nicht bloß mit Waren, sondern immer auch ein wenig mit sich selbst, meinte Fleischer-Josefs Frau. Wem das nicht liege, der könne auf diesem Pflaster nicht lange überleben. Es ist wie bei uns Künstlerinnen und Künstler, und solange es nicht zur Dominanz der Person über (oder in) einem unwichtig werdenden Werk führt, kann ich dem durchaus etwas abgewinnen …

Die gleiche Geschichte erzählt mir übrigens auch der Bauernmarkt, dessen hölzerne Buden sich heutzutage rund um einen überdachten Sitzplatz gruppieren. Der neue Ort gefällt nicht jedem Kunden; den Bäuerinnen hingegen schon. Früher sei man direkt am Messegelände im sogenannten Grill-Pavillon gestanden – bis es hineinregnete, was schon mal zum Kurzschluss führte, erzählte Vereinsobfrau Sabine Morocutti. Nein, der Umzug hierher sei absolut nötig gewesen, auch wenn manche solchen Veränderungen skeptisch gegenüberstehen. Doch so sei eben das Leben: ein fortwährender Wandel. Den Baumriesen, der Liegewiese rundum trauere man schon leise nach; aber auch dieses Bäumchen-Rondeau werde wachsen, nimmt Morocutti es gelassen. »Früher war der Bauernmarkt eine Gaudi! Und heute? Wo sind alle hin? Können doch nicht alle tot sein?«, echauffiert sich trotzdem ein älterer Stammkunde.

Ein Paar kommt des Weges, trägt einen Tortensturz vor sich her; Mehlspeisen verschiedener Buden sammeln sich darunter. Drei backe sie jedes Mal, erzählt Frau Lehner vom Bienen-Stand, und wie auch die flaumigen Bauernkrapfen der Vereinsobfrau gehen hausgemachte Mehlspeisen wie die warmen Semmeln; auch die Warteschlange vor dem Bäcker erzählt wortreich von der Sehnsucht nach guter Backware: Weil Gäste erwartet werden, weil das Wochenende nach Süße verlangt oder der Einpersonenhaushalt gegen das eigene Backrohr argumentiere: Wer in aller Welt sollte den Kuchen vor dem Austrocknen aufessen?

Neben Herren und Frau Lehner, ›Neulinge‹ trotz hohen Alters, residiert der älteste Standler. Trotz seiner 85 Jahre sitzt er jede Woche hinter seinem Honig am Markt. Wer, so frage ich mich, wird hier in zehn, fünfzehn Jahren in den Buden stehen, wenn es die Begleitumstände des Alters nicht mehr erlauben? Ja, betagt sind viele, wenigen wird vom Nachwuchs assistiert, manche Buden sind geschlossen. »Auch wir sind Späteinsteiger«, erzählt Frau Lehner. Aus Gesundheitsgründen hatte ihr Mann seine Branche zu verlassen und in Invaliditätspension zu gehen, dem Umzug in eine kleine Gemeinde folgten bald schon die Bienen; denn für das Hände-in-den-Schoß fühlte man sich doch wahrlich noch zu jung, und der Markt verschafft soziale Kontakte: »Einer allein würde die Arbeit nicht schaffen, aber gemeinsam sind wir stark.«

 

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Lesezirkel zu den soeben erschienen »Kosovarischen Korrekturen«: 22.10.2019, 18:30 Uhr, Stadtbücherei, Wels

Miteinander – wäre auch anderswo eine gute Idee

5 Uhr morgens: Weder Dunkelheit noch Morgenkühle halten sie vom fröhlichen Grüßen ab, denn Markttag ist, und die Ware hat gut gelaunt präsentiert zu werden, um zu Mittag verkauft zu sein. Die Szenerie ist mir seit dem letzten Jahr vertraut, da ich mit meinem Buchkoffer zur literarischen Nahversorgung meinen Mann von Markt zu Markt begleitete; und die Gesellschaft der Standlerinnen und Standler wahrlich schätzen lernte. »Gemütlich« nennt Doris an der Kaffee-Bude ihre Arbeit. Das frühe Aufstehen störe keineswegs, der Tag erhalte bloß einen anderen Rhythmus. »In Pension gehen? – Sicher nicht!«, solange die Gesundheit irgend mitspiele. Das sei Lebensqualität für sie, ergänzt ihre Zwillingsschwester. Aufgewachsen sind die beiden am Markt, Standlerkinder eben. »Wels ist eine liebe, kleine Stadt. Da redet die Kundschaft sich noch die Probleme von der Seele«, sagt die eine und die andere fügt hinzu: »… und sicher auch mal Blödsinn.« Doch selbst wenn, der sei nicht so wichtig. Viel relevanter sei, dass man hier noch miteinander ins Gespräch komme, der familiäre Charakter des Marktes und die Frische der Ware. Auch die Schwestern kaufen bei den Kolleginnen; die wiederum kommen auf ihren Kaffee herüber, sobald ›ausgelegt‹ sei. Es ist offensichtlich: Man kennt einander, weiß um Geburten wie Todesfälle und das ganze Leben dazwischen: »Die sind mit dir schwanger, und bekommen mit dir die Enkel. Das ist Familie«, sind sich die Damen einig.

Von Zeitungen über Brot, zu Fisch, Ziege und Gemüse; an einem Stand schichtet eine ältere Dame Joghurtgläser ins Kühlregal: Ja, sie stehe regelmäßig am Markt. Zu oft, in den Augen ihres Mannes. »Der könnte dafür Monate mit dem Wohnmobil unterwegs sein, aber da spiel ich ihm nicht mit!« Fröhlich lacht sie, bevor sie hinzu fügt, die Arbeit hier mache ihr ungemein Spaß, denn immer Zuhause sitzen? Das sei auch in ihrem Alter sicherlich nichts!

In wenigen Monaten soll die Markthalle saniert wird, ein Unterfangen, das wahrlich nottue, darin ist man sich einig; hoffentlich denke man im Zuge des Umbaus auch an Sitzoasen, ergänzt eine Kollegin: Für diejenigen, die mal rasch die Schnürsenkel eines Kindes zu binden haben; oder für ältere Kundinnen, die auf Rollator oder Stock angewiesen, ihre Einkäufe erledigen. Als Nahversorger sei man ihnen besonders verpflichtet.

Mir fällt ein etwa 12-jähriges Mädchen auf, das ohne je zu zögern, Pflanzentöpfe aufstellt, Schnittblumen arrangiert, mit der Kabeltrommel fort eilt, um den Stand mit Strom zu versorgen. Ich spreche die ältere Gemüsefrau daneben an. Ja, die Kleine sei ihre Enkelin, dort drüben werke ihre Tochter Inge, »die Chefin«, und im roten Shirt der Enkel: »Allen ziehen an einem Strang.« Denn das Leben spiele eben kein Wunschkonzert, und als ihr Partner überraschend starb, stand sie alleine mit drei kleinen Kindern da: Was tun, sichert der Marktverkauf die Existenz? Also entschied sie sich, den Nachwuchs mitzunehmen; außerdem, die Standler stehen einander bei, sagt Inge. Wie zuvor die Zwillinge und der Imbiss-Richard. Oder des Fleischer-Josefs Frau: »Freud und Leid – ist eben alles in einem Häferl beieinander. Der Markt ist Familie. Und dass auch die Kundschaft dir ihr Leben erzählt? Das ist einfach nur schön!«

 

Zeit prägt oder wie ich Stadtschreiberin wurde

Als neugieriger Geist wechsle ich meine Behausungen wie andere die Farben ihrer Garderobe, denn die Welt ist groß und lädt zur Entdeckung ein. Wie die Literatur!

 

So erforschte ich den Bauch von Paris, den literarischen wie den wahrhaftigen, nachdem ich Wels mit 18 Jahren für Wien – via Linz – verließ, um alsdann eine Weile in der französischen Hauptstadt zu leben. Begab ich mich zur Sorbonne, führte mein Weg an einer Bäckerei vorbei, die mit ihren Düften nach Zitronenkuchen, Schokobrötchen und Marzipancroissants lockte, an Cafés, deren Theken zu Espresso-Genuss im Stehen verführten, an einem winzigen Restaurant mit drei Tischen, welches außer den besten Weinbergschnecken der Stadt auch eine famose Quiche Lorraine kredenzte, während der Fischhändler ums Eck die Luft mit seinem Lachen füllte, das Messer schlitzte schon den Bauch. Spätestens nebenan, im Laden der Käsespezialitäten, die sich – abgeschirmt unter gelber Markise – selbstbewusst präsentierten, dachte ich an den »Bauch von Paris«, den Roman wohlgemerkt. Wieso? Na, der Erfindung der Kühlung wegen! 

Émile Zolas olfaktorisches Sammelsurium darin führt nämlich die Käse-Charts der Weltliteratur an: Käselaibe müffeln derart penetrant um die Wette, dass sogar die Fliegen in Ohnmacht fallen – wirklich wahr! Lesen Sie es nach. Aus jeder Zeile dringt der Gestank, von Duft und Genuss kann da keine Rede sein. Bitte argumentieren Sie mir auch nicht, Käse sei per se ohnedies nur ein marginal zu nutzender literarischer Protagonist, besser verspeise man ihn genüsslich; außerdem liege der Hauptfokus in Zolas Roman ohnedies auf den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Einzelhändler und Einzelhändlerinnen; und fügen Sie mir obendrein an, jene Werktätigen würden von der Erfindung der Kühlung ungemein profitieren, stimme ich Ihnen doppelt und dreifach zu. Wer dachte diesen Sommer nicht an frische Brisen, als der Juni bereits August sein wollte?

In jenem Monat war ich übrigens zu Besuch in Wels, des Matura-Treffens wegen. Im Gastgarten des Gösserbräus genossen wohl bloß die Gäste den lauen Abend, während die Kellnerinnen und Kellner die Hitze des eben vergangenen Tages noch unwohl im Körper mit sich herumschleppten, hierhin und dahin eilend, um Getränke kalt zu servieren. Dreißig Jahre seit jener gymnasialen Prüfung – das ist fürwahr eine lange Zeit! Da kommt vieles in den Bauch und will verdaut werden. Meine Mutter jedenfalls nutzte meine überraschende Anwesenheit, um mir eine Bewerbung als Stadtschreiberin ins Ohr zu setzen, und das Haus meiner Schwester in Wels tat seines dazu, hatte ich doch einst knapp fünf Jahre meiner Kindheit dort verbracht, sodass sich die Stadt, aus der ich aufgebrochen war, die sich auffallend verändert hatte, während jener Besuchstage nachhaltig in meine Gedanken schlich: Keiner konnte mir sagen, seit wann es die Milchtrinkhalle der Molkerei Schärdinger nicht mehr gab! In ihr hatte ich mehr oder weniger alle Mittagspausen meiner Oberstufenzeit verbracht, um ewig das Gleiche zu bestellen, Buttersemmel zu Himbeerjoghurt; seltener die Erdbeermilch, welche die (in meiner Erinnerung) rosige, wohlgerundete Dame hinter dem Tresen – kaum war der Hebel gezogen – mit Zischen und Fauchen in das bereitgestellte Glas schießen ließ. Wie viele Werke habe ich ihr gegenüber sitzend gelesen! Den »Bauch von Paris« zum Beispiel. Und erste Gehversuche in Prosa und Lyrik unternommen. Ja, dort, in ebenjener Milchtrinkhalle wanderte mir erstmals die Wahrnehmung einer realen Person in mein Gedicht: Jene stets freundliche Kellnerin, die in meinen Zeilen eine rosa-weiße Schürze trägt und deren Lächeln sich manchmal im Blick hinaus verlor …  ›Geschichten aus dem Bauch‹ – was liegt also näher, als den Welserinnen und Welsern dieses Projekt vorzuschlagen? Ja, gerne würde ich ihre Gastronomie porträtieren, ihre Wirtinnen und Kellner, ihre Gäste und Marktfahrerinnen. Und die einstige Milchtrinkhalle nicht vergessen, die für mich bis heute zu Wels gehört!