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Joseph Brodsky. Oder: Haltestellen in der Wüste oder vom Glück intuitiver Recherchen

Ich wollte nach W. reisen, doch stellte sich mir, kaum dass mein Weg dorthin begonnen hatte, ein mannshohes Schild in den Weg: »Umleitung« stand darauf. Und: »Ab ans Grab von Joseph B.!« Dort solle ich mich in die Trauergemeinde einfügen, hieß es, und sei es auch nur am Rand. Ich habe Joseph B. nie kennen gelernt, weder kreuzte er zuvor meinen Weg noch begegnete ich ihm jemals durch Dritte. Wie sollte ich nun also angemessen gedenken? Hurtig würde ich mich schlau machen müssen, schon tippte ich und suchte in Antiquariaten. Wenige Tage später brachte der Postbote, was von B. zurückgeblieben war: Ein paar Erinnerungen, unzählige Notizen an Haltestellen, einige Worte, die er da oder dort sprach. Weil man ihn darum gebeten hatte, den Mund aufzumachen!

Mir genügte ein erster Blick auf jene Seiten, um zu wissen, dass seine Worte mich glücklich machen würden; nicht weil er für einen erhaltenen Nobelpreis dankte, sondern der Schönheit seiner Sprache wegen. Nicht weil diese schmalen Bändchen wohlfeil gewesen waren, sondern weil ich daraus Satz um Satz in mein Notizbuch abschreiben, sie mir mit dieser Niederschrift aneignen und einverleiben würde. Auch nicht weil ich mittels der Lektüre eine mir durchaus genante Bildungslücke schließen konnte (Ja, auch ich kenne solch blinde Flecken auf der literarischen Landkarte … natürlich, natürlich.), sondern weil mich so manche Zeile seiner Gedichte fürderhin begleiten wird; ebenso wie sein Nachsinnen über das Schreiben, mit dem er mir seitenweise aus der Seele spricht.

Deshalb lege ich Ihnen seine Lyrik, seine Essays ans Herz, deren wundervoll überraschende Wendungen, von einem Satz zum nächsten, ich ebenso genoss wie B.s Humor, der aus ihnen spricht.

 

Damit Hund nicht Hund frisst

 

Um die Notwendigkeit der Spezies »Literat*innen« zu begründen, schreibt er, Literatur sei das einzige Gegengift gegen das Gesetz ›Hund frisst Hund‹ (SD. S. 33). Die im Literarischen dargestellte Verschiedenheit der Menschen schärfe nämlich unseren Blick für die Welt um uns. Daher definiert er Literatur als ein »Wörterbuch der Sprache, in der das Leben zum Menschen spricht.« (SD. S 44) Komme eine Gesellschaft also der Literatur in die Quere – sei es aus politischen und/oder ökonomischen Gründen –, reduziere eine Gesellschaft damit ihr eigenes Potential, verlangsame ihr Entwicklungstempo und gefährde letztlich ihr Gefüge (vgl.: SD. S. 34). Solch eine Gesellschaft schade folglich nicht bloß den Literat*innen, sondern vor allem sich selbst.

Eine der aktuellen Miseren der Literatur sei das Faktum, dass zu wenig gelesen werde – diese Tatsache erkannte B. schon 1987: »Pro Leser gibt es heute einfach zu viele Schriftsteller« (SD. S. 39), vermerkte er. Dem wäre hinzuzufügen, dass ›Schriftsteller‹ in B.s Kontext Dichter*innen und Literat*innen meine; doch keineswegs Schreiberlinge. Deren Publikum habe nämlich nicht nur seit jeher Bestand, es nehme sogar zu; der stetig sich steigernde Gusto auf Massenwerke habe keineswegs damit zu tun, dass das Publikum »abartig oder fehlgeleitet« (SD. S. 39) sei, polemisiert B., »[…] sondern weil es statistisch auf der Seite von Normalität und Schund steht. Mit anderen Worten, es will von sich selbst lesen.« (SD. S. 39) Damit fangen die Probleme an. Für B. Und an seinem Grab: die unsrigen. Murmle ich und weiß, dass es ihm mittlerweile gänzlich egal ist. Davon sind wir jedoch noch entfernt – unbekannt, ob weit oder nicht.

 

Vom Wesen der Arroganz

 

»Nur wenn man davon überzeugt ist, daß die Entwicklung des homo sapiens zum Stillstand kommen sollte, muß die Literatur die Sprache des Volkes sprechen. Andernfalls sollte das Volk die Sprache der Literatur sprechen« (SD. S. 65), zitiere ich seine Worte in einer Diskussionsrunde, weshalb man mir sogleich mit dem Vorwurf der Arroganz kommt. Den finde ich höchstens amüsant, doch nicht zutreffend, denn Qualität zu wünschen, kann in meinen Augen doch wohl nicht blasiert sein; im Gegensatz zu einer Haltung, die ›Niederschwelligkeit‹ für die ›dummen Massen‹ fordert und ›Verständnis‹ für ihre ›geistige Begrenztheit‹. Das finde ich nämlich ungemein impertinent, diese Annahme. Auch fehlt es mir an jedwedem Verständnis dafür, wie ich gerne einräume, und dies schon aus bildungspolitischen Gründen. Schließlich bin ich auch nicht der Meinung, der angestrebte Wissensstand der Schüler*innen einer Klasse sollte sich tunlichst nach dem oder der Allerschwächsten richten; ebenso wenig wird einer, der nie las, auch dann nicht zum Buch greifen, wenn jeder Satz ein Absatz, jeder Absatz aus maximal fünf Wörtern besteht, und von jenen fünf Wörtern zwei die klare Formulierung ›und dann‹ wiederholen. Das aber scheinen diejenigen allen Ernstes zu glauben, die von uns immer einfachere Sätze, Konstrukte mit kurzen Beinen und knappen Armen verlangen. Damit es sich verkaufe. Damit von keinem Kritiker anzumerken wäre, es sei kompliziert. Die Sprache der Statusmeldungen in Social Media Foren lässt grüßen. Mich an diese anzupassen, weigere ich mich. Literatur war immer schon ein Minderheitenprogramm, und das wird sich wohl auch nie ändern.

 

Die Verbrechen wider die Literatur

 

Doch dass sich steigende Literat*innenzahlen von allein regulieren, glaubt man dem neoliberalen Wirtschaftsblabla, sich durch sinkende Leser*innenzahlen die überbordende Publikationslust der vergangenen Jahrzehnte von alleine begrenzen wird, das mag durchaus geschehen; und vermutlich werden diejenigen übrigbleiben, welche die Massen gut bedienen, glaube ich meinem Hausverstand. Und einige wenige Literat*innen, welche in der PR massentauglich zu agieren verstehen, von Jurygremien wohlwollend bedacht werden und diesen Spagat überleben, ohne an innerem Gehalt zu verlieren.

Leider sind nämlich solche Verbrechen wider die Literatur nicht mittels Strafjustiz zu ahnden. »Dem schlimmsten Delikt, Bücher gar nicht erst zu lesen, stehen wir machtlos gegenüber. Wer dieses Verbrechen begeht, büßt dafür mit seinem Leben […].« (SD. S. 69)  Das aber, sage ich in B.s Grab ist auch keine Genugtuung, diese Süffisanz, denn sterben werden auch die anderen: am Schweigen, am Verstummen.

Bedauerlicherweise lässt sich hierzulande eine Debatte über den Zustand des literarischen Feldes nicht in Ruhe und basierend auf Argumenten, Daten, Fakten führen. Es sei dahingestellt, ob für die sogleich aufflammenden Gehässigkeiten, die chronischen Krankheiten der Kunstwelt – Mangel an Anerkennung und geringe Bezahlung (SD. S. 208) – verantwortlich sind oder ›nur‹ ihre Kostgänger, die unsere Haut Jahr um Jahr abraspeln: Wen wundert es da noch, dass sie bei leisester Kritik oder Infragestellung blutig reißt und die emotionalen Wogen fluten?

 

Panik im Schaffensprozess …

 

Obendrein sollte man zu diesen Zermürbungen vielleicht noch hinzufügen, dass der gemeinsame Nenner aller literarischen Arbeit die »Anhäufung der Ungewissheiten« (EP. S. 25) ist. Im Gegensatz zu allen anderen beruflichen oder alltäglichen Tätigkeiten, bei denen von Mal zu Mal die Sachkenntnis steigt, die Gewissheit wächst, stürzt sie bei uns Literat*innen mit jedem neuen Werk ins Bodenlose – muss sie sich stürzen und uns Schreibende dabei mitreißen, damit neues Terrain überhaupt beschritten werden kann. Es tröstet auch kaum, dass schon B. vermerkte, dies sei »[…] nur ein anderer Name für Kunstfertigkeit.« (EP. S. 25) Da ermutigt schon eher sein Satz, dass die Panik im Schaffensprozess der häufigste Geisteszustand sei (Vgl.: EP. S. 25). Zumindest zum ironischen Grinsen.

Den Literat*innen im Besonderen wie auch den Leser*innen im Allgemeinen empfiehlt B. den Griff in den Medikamentenschrank: die Lektüre guter Literatur. Um diese  fürderhin erkennen zu können, täten vor allem zwei Entwicklungen not: das Verstehen, was schlechte Literatur ist; und das Lesen von Lyrik, im optimalsten Fall von–bis und quer durch alle Länder, Sprachen, Zeiten. Nicht da B. Lyriker sei, empfehle er dies, sondern weil dieses Unterfangen innerhalb eines Jahres durchaus zu bewältigen sei. Schließlich sei die Lyrik immer schon am Rand gewesen. Im Gegenteil zum Prosa-Gedankenspiel: viel zu viele Romane, um je auch nur daran zu denken, die sprachlich sowie strukturell interessantesten Werke der Weltliteratur bis zum eigenen Lebensende alle gelesen zu haben … Von einem eigenen Schreiben wäre alsdann ganz zu schweigen. Ohnedies frisst die stetig zunehmende Notwendigkeit der PR gewaltig am Zeitkuchen.  

Jenen Autor*innen, die lieber sich selbst in den Mittelpunkt rücken, um sich dort grandios oder grottenschlecht zu inszenieren, lässt B. freundlich ausrichten: »Unseren Platz auf dem Bücherbord nehmen nicht wir ein, sondern unsere Bücher.« (SD. S. 42) Über unser Leben als solches bräuchten wir doch bitte deshalb wohl kaum ein Wort verlieren (Schön wäre das!): »Die Biographie eines Schriftstellers ist [nämlich] in seinen Sprachwindungen enthalten.« (EP. S. 7). Und sei dem nicht so? Möge er oder sie schweigen. 

 

… und eine Haltestelle in der Wüste!

 

B. jedenfalls solle dies nicht: schweigen. Seine Sprachwindungen, die Zeugnis ablegen, sind es nämlich absolut wert, gelesen zu werden, und deshalb sollten wir ihn hurtig von den Regalfächern heben, ihn von den Staubschichten der Antiquariate befreien, und lesen, was er uns zu sagen hat. Nachsinnen. Wiederlesen. Dringend – ganz dringend. Ah, von wem hier die Rede sei, fragen Sie. Ist das noch nicht klar geworden? Dann lassen Sie mich Ihnen vorstellen: Brodsky, Joseph Brodsky, liegt seit 1996 hier in Venedig begraben! Sie sollten unbedingt seine Bekanntschaft schließen – vielleicht an der »Haltestelle in der Wüste«! Das, dünkt mich, wäre ein guter Anfang … 

 

Brodsky, Joseph: Der sterbliche Dichter. Essays. Frankfurt a. M.: Fischer 2000. (SD)

Brodsky, Joseph: Erinnerungen an Petersburg. München: Hanser 1986. (EP)

Brodsky, Joseph: Haltestelle in der Wüste. Frankfurt a. M.; Suhrkamp 1997.

 

Brodsky, Joseph: Ufer der Verlorenen. München: Hanser 1991.