Nachlese

Karl Markus Gauss:

»Wie viele Autorinnen versammeln sich unter dem Pseudonym Marlen Schachinger? Ich schätze mindestens fünf. Die eine ist eine feministische Intellektuelle und Kämpferin erster Güte. Die zweite eine echte Stubengelehrte, die sich für so ziemlich alles interessiert. Die dritte gibt als fleißige und kollegiale Anthologistin einen Sammelband nach dem anderen heraus. Die vierte veröffentlicht Biografien, Sachbücher, Studien, Essays, Kurzgeschichten. Und die fünfte schreibt Romane, in denen sich alle fünf Frauen, die sich auf ihr gemeinsames Pseudonym geeinigt haben, regelmäßig treffen und bestens miteinander auskommen.«

 

 


Christian Schacherreiter:

 »Marlen Schachinger ist eine unberechenbare Autorin. Seit ungefähr 15 Jahren publiziert sie zwar kontinuierlich, aber man kann nie vorhersagen, womit sie uns beim nächsten Mal überraschen wird.«

  


Dominika Meindl:

»[…] lyrisch verdichtetes Schreiben, das stark auf sinnliche Erlebnisse abhebt.«

 


Simon Hadler:

Marlen Schachinger, »[…] ein Fixpunkt der heimischen Literaturszene […]«


ANTON THUSWALDNER:

»Für sie bedeutet Schreiben gleichermaßen Passion und Notwendigkeit.«


Es beginnt mit der Mantelteilung von Sankt Martin. Ein Akt aus Nächstenliebe. Eine Tat, die bis heute bekannt und sogar gefeiert wird. Martiniloben ist ein Winzerfest, auf dem Wein der Region verköstigt wird. Aus dem vorangestellten Zitat von Friedrich Achleitner: „Das Dorf ist eine Versammlung von netten Menschen, die untereinander alle verfeindet sind“ wird die Tendenz des vorliegenden Romans deutlich.  Marlen Schachinger hat ein Werk geschaffen, in dem es viel zu erkunden gibt. Es ist ein sprachlich ausgefeilter, tiefgründiger Roman, der einen Lesesog entfaltet, der bis zum Ende spannend bleibt. Der Text mag an „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann erinnern, ist dann aber viel verschachtelter und bietet neben dem Stalking-Thema eine gegenwärtige politische und gesellschaftliche Beklemmung. Das Christliche im Ursprung des Festes Martiniloben als Vorwand für das Gutbürgerliche, das zumindest im Roman sehr beängstigende Tendenzen zum rechten Gedankengut entwickeln kann.

 

Mona ist mit ihrem Mann dem stressigen Stadtleben entflohen und auf das Land gezogen. Als Philosophiedozentin pendelt sie zwischen dem namenlosen Dorf und der Stadt, in der sie tätig ist. Mona und Emil, ihr Ehemann, ein zurzeit arbeitsloser Journalist, haben vor kurzem ein Kind verloren und durch seine Arbeitslosigkeit wird ihre Beziehung auf eine Probe gestellt. Emil lässt sie auch oft alleine mit dem Vorwand von Recherchen für mögliche Artikel. Ist er Mona treu? Besonders als die Nachbarin den Kontakt zu ihnen vermehrt sucht, wird ihr Misstrauen geschürt. Im Dorf leben Flüchtlinge, um die sich Mona ehrenamtlich kümmert. Die Gruppe an weiteren Freiwilligen ist sehr geschrumpft und die Stimmung im Dorf wird durch den Rechtsruck immer unangenehmer. Die Flüchtlingswelle wird für die ohnehin rechtsorientierte Dorfgemeinschaft als eine Art Naturkatastrophe empfunden und Mona muss sich immer mehr Anfeindungen gefallen lassen. Sie bekommt Drohbriefe und Emil versteht nicht, warum Mona nicht zur Polizei geht. Als sie einen Schlüssel vermisst, nimmt die Bedrohung immer mehr zu. Verschafft sich jemand Zugang zum Haus? Die Katze verschwindet, der Kamin ist plötzlich mit Wasser übergossen und eines ihrer Manuskripte wurde an ihrem Computer manipuliert. Monas Texte, Essays sind meist ans Ende eines Kapitels gestellt und runden die Charakterisierung gekonnt ab. Die Drohgebärden werden massiver und die Briefe beinhalten immer mehr einen beängstigenden Ton und sogar kleine Mordwerkzeuge.

 

Auch das Berufsleben zerrt an Monas Psyche und Gesundheit. Ihre Stellung steht in Frage und ihre ehrenamtliche Tätigkeit wird ihr von ihrem Vorgesetzten angelastet. Mona leidet immer mehr und es kommt zu einem Zusammenbruch. Es zeigt sich, wem sie vertrauen kann und der gesellschaftliche Druck spitzt sich immer mehr zu. Das ganze Dorf bereitet sich auf das kommende Martiniloben vor und während des Trinkgelages eskaliert die Situation.

 

Ein Gesellschaftsroman oder eine gegenwärtige Dystopie, die einen Spannungsbogen aufbaut und bis zum Ende aufrechterhält. Marlen Schachinger spielt mit der Literatur und kann einfach sehr gut schreiben. Wer die Autorin nicht kennt, sollte unbedingt ihrer Stimme Gehör schenken. Ein Buch, das fesselt, begeistert und den Leser innehalten lässt.

 

Eine lohnenswerte Lektüre. Ein literarisches Werk, das in sich einen Thriller verbirgt und  Sozialkritisches aufzeigt. Eine ländliche Idylle, die durch den Menschen keine mehr ist. Die Angst vor dem Unbekannten verbreitet sich beängstigend und die gefühlte egozentrische Verletzlichkeit dominiert und macht ein friedvolles Miteinander kaum möglich. Hass ist ein Gift, das schleichend wirkt und Angst verbreitet. Im Roman prallt das Stadtleben auf das Landleben und die Fronten zwischen Arm und Reich verhärten sich in Missgunst und Neid. Die Religion als Vorwand der eigenen Kultur, die doch weit vom Ursprung gelebt wird und ein Martiniloben zum Desaster führt.

(Hauke Harder: Leseschatz. Vgl.: https://leseschatz.com/2016/12/23/marlen-schachinger-martiniloben/)

 

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Marlen Schachinger schreibt sich mit diesem Roman an der Gegenwart entlang, in der sich in einem fiktiven Dorf B., unweit der Hauptstadt [Österreichs], gleich mehrere Dramen ereignen.

Die Gegenwart, das ist die sogenannte Flüchtlingskrise, die in Österreich vor allem ab dem Sommer 2015 sicht- und spürbar wurde. Die Gegenwart, das sind terroristische Anschläge, die vermehrt auch europäische Städte treffen. Sie ist gezeichnet vom Wachsen der Angst und des Unbehagens in der Bevölkerung und vom aufflammenden Hass gegen die Fremden und auf jene, die die Fremden willkommen heißen.

Protagonistin Mona ist selbst eine Fremde im Dorf B. Die „Frau Professor“ pendelt in die Hauptstadt, wo sie am Institut für Philosophie lehrt. Im Dorf kümmerte sie sich um die dort untergebrachten Flüchtlinge, auf den Zugfahrten verfasst sie provokante Essays zur aktuellen Lage. Letzteres durchaus auch für ihren Freund Emil, der gerade seine Stelle und damit auch seine Lust auf Mona und die Beziehung verloren hat. Im alten Hof, den sie gemeinsam bewohnen, fühlt Mona sich dennoch zuhause und sicher. 

Zu Beginn sind es auch „nur“ Drohbriefe, die sie erhält und die sie in einer Schublade ihres Schreibtisches stapelt. Doch ab dem Zeitpunkt, zu dem die neue Nachbarin Daniela im Hof ein- und auszugehen beginnt, wird die Bedrohung zunehmend diffuser und bringt Mona an ihre Grenzen. Nicht nur Emil macht sich aus dem Staub, auch der Kater verschwindet. Ein ehemaliger und ein Möchte-Gern Liebhaber machen ihr zu schaffen. Bald hängen Monas Job und ihre Gesundheit an seidenen Fäden.

Gleichzeitig nehmen Angst, Gewalt und Gegengewalt im gesamten Land zu. So auch im Dorf B., das sich nichts desto trotz für das alljährliche „Martiniloben“ herausputzt. Die einzige Person, die Mona uneigennützig zur Seite steht, ist die geflüchtete Salma. Mit ihrer kleinen Tochter Rana zieht sie aus dem Asylquartier aus und bei Mona ein. Und schließlich ist sie es, die am Tag des Martinilobens zum Opfer wird.

Gesäumt von zwei Prologen, einem Epilog und einem Nachwort entfaltet sich die komplexe Handlung des Romans auf 500 Seiten. Neben zahlreichen Dialogen, inneren Monologen und Essays finden sich auch Ausschnitte eines Krimis, den die Protagonistin liest.  So vermischen sich Realität und Fiktion auf mehreren Ebenen, so steuert das Politische wie das Private unweigerlich auf seinen tragischen Höhepunkt hin. Spannend, schrecklich, kunstvoll. Eine Dystopie? Das bleibt zu hoffen!

(Barbara Rieger, BOeS. Vgl.: http://www.schreibpaedagogik.com/Rezensionen/rezensionen.htm)

 

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Volkstümelnd gegen die Probleme der Zeit 

Ländliche Idylle – mehr Schein als Sein, muss Mona nach ihrem Umzug aufs Land feststellen. Als Außenseiterin im Mikrokosmos Dorf erlebt die Heldin in Marlen Schachingers »Martiniloben« politisch raues Klima. Ein dystopischer Roman – der sich als Thriller entpuppt.

 

Lange hatte das Dorf in der Literatur keinen guten Stand. Großstadt war angesagt, weil sich hier all das ereignete, was in die Zukunft wies. Zudem setzten sich zeitgenössische Schriftsteller nicht gern dem Vorwurf des Konservativismus aus, dass sie auf dem Land eine Idylle vorfänden, die der Überprüfung nicht standhielte. Die Stadt als Ort der Anonymität, der Geschwindigkeit, der Gewalt, des Asphalts und des Betons als Widerpart des Dorfes, wo sich die Menschen untereinander kennen und Nachbarschaftshilfe als selbstverständlicher Wert gilt, die Natur als Rückzugsgebiet für vom Druck der Wirtschaft überforderte Arbeitsbienen – dieser Gegensatz hat ausgespielt. Das wissen österreichische Autoren wie Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Gerhard Roth sehr genau. Die Niederösterreicherin Marlen Schachinger passt gut in die Reihe jener, die in der Provinz nichts anderes als die große Gesellschaft in der Nussschale sehen. Alles, was unsere Gegenwart ausmacht, findet sie im Dorf auch, im überschaubaren Rahmen also, sodass jene Konflikte, die uns heute bedrängen, ein Phänomen sind, das überall vorzufinden ist.

Eine Heldin aufrechten Gangs

Mona hat sich das anders vorgestellt. Sie war tatsächlich der Meinung, dass sie beträchtliche Vorteile hat, wenn sie aufs Land zieht. Sie ist eine, die zum Kämpfen gezwungen wird. Sie arbeitet an der Universität, wo sie, weil es um ihren beruflichen Aufstieg geht, Neider auf den Plan ruft. Im Dorf wird sie sowieso skeptisch beäugt als eine, die von außen kommt und nicht dazu gehört. Es ist wohl ihr Schicksal, am Rande zu stehen, ein Leben auf Glatteis zu führen. Dazu gehört, dass auch ihr Lebensgefährte, ein Journalist, dem das Sicherheitsnetz abhanden gekommen ist, wenig Verlass bietet. Weil sie sich auch noch für die wenigen Flüchtlinge im Ort einsetzt, gilt sie als nicht vertrauenswürdig. Immerhin haben die Maulhelden einer neuen autoritär auftrumpfenden Politik hier das Sagen. Das macht Mona zur angefeindeten Außenseiterin, was nicht nur lästig, sondern auch gefährlich ist. Ein Leben zählt jetzt eben nicht mehr so viel wie noch vor einiger Zeit, als Toleranz als nobel galt.

So sieht die Konstellation aus, in die Marlen Schachinger ihre Heldin des aufrechten Gangs stellt. Sie steht reichlich verloren in einer Welt, die drauf und dran ist, sich von den Grundsätzen einer aufgeklärten Zivilgesellschaft zu verabschieden. Eine gegen den Rest der Welt, das ist der Stoff, aus dem Spannungsliteratur hergestellt wird. Tatsächlich legt Schachinger einen Roman vor, der sich mehr und mehr von einer Geschichte, die heutige politische Probleme sehr direkt anspricht zu einem Buch wandelt, das sich Thrillerelementen öffnet. Das nimmt ihm letztlich einiges von seiner Schlagkraft, die ihm von Anfang an so wuchtig zur Verfügung steht. Steht vorerst das Milieu, in dem sich menschenfeindliche Haltung herausbildet, unter Beobachtung, liegt am Ende das Augenmerk auf der Psychologie einer Person, die mordet. Und die handelt nicht aus politischer Motivation, sondern aus gekränkter Liebe.

Die überraschende Wendung von der Autopsie dumpfer Mentalität zur Beschreibung eines psychopathischen Charakters geschieht aus formalen Gründen. Mona lebt ja in zwei Welten, die nichts miteinander zu schaffen haben. An der Universität in der Stadt, die sie als Pendlerin aufsucht, befindet sie sich in einer Geis-teswelt, wo Rivalitäten und Konflikte mit verletzender feiner Klinge geführt werden. Hier ist sie die Intellektuelle, die Rebellin für Aufklärung, die zurückgedrängt werden soll. In ihrem Haus auf dem Land wird sie zur Praktikerin, die sich kümmert um die Vernachlässigten. Sie ödet an mit ihrem Engagement, das sie als Feindin der heimattümelnden 
Fraktion ausweist. Die Verbindung beider Welten stiftet ihre Nachbarin, die, aus der Stadt gekommen, auf dem Land einen privaten Rachezug als verschmähte Liebhaberin eines Professors von Monas Uni führt. Sie ist eine heimtückische Killerin, die sich das aufgeheizte Klima gegen Flüchtlinge zunutze macht, um ihre eigenen Gewaltfantasien brutal durchzuziehen.

Heimeligkeit, demagogisch einfach 

Martiniloben steht als Symbol für jene Art von Volkskultur, die die Leute als Einheit zusammenschweißen soll, damit sie gegen alles Fremde gewappnet sind. Das führt Schachinger recht eindringlich vor Augen, sodass der Leser automatisch weiß, auf welcher Seite er steht. Das wirkt bisweilen etwas gar demagogisch einfach im Dienst der gerechten Sache.

Das Buch, das aktuelle Zustände in eine zügig voranschreitende Geschichte packt, ist nicht in unserer unmittelbaren Gegenwart angesiedelt, sondern in einer nahen Zukunft unter verschärften Bedingungen. Das politische Klima ist noch rauer geworden, die Stimmung aufgeheizt, Gewalt eskaliert, die Ratlosigkeit nimmt zu. Und nirgends gibt es Aussicht auf Entspannung der Lage. Eine Zwei-Welten-Theorie bietet uns Schachinger zur Erklärung an. Die Spaltung der Gesellschaft, von der jetzt so häufig die Rede ist, ist in diesem Roman längst unüberbrückbar geworden. Hier die, die auf Abschottung drängen und eine falsche Heimeligkeit erzeugen, dort die Verteidiger einer offenen Zivilgesellschaft. Eine Feindseligkeit hat die Menschen ergriffen, die Vernunft hat abgedankt, die Gefühle sind ab jetzt für Politik zuständig.

Der Roman ist flott geschrieben und sehr handlungsorientiert und aufs Ende hin gearbeitet, sodass es der Autorin auf Spracharbeit nicht so sehr ankommt. Von der österreichischen Mentalität jedenfalls weiß er eine Menge zu berichten.

(Thuswaldner, Anton: Volkstümelnd gegen die Probleme der Zeit. Die Furche. Vgl.: http://www.furche.at/system/downloads.php?do=file&id=3832)

 

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„Das Dorf ist eine Versammlung von netten Menschen, die untereinander alle verfeindet sind.“ Diese Worte stellt Marlen Schachinger ihrem Roman Martiniloben voran, und man wird an ein weiteres umfangreiches Buch erinnert, das Beginn des Jahres erschienen ist, Juli Zehs Unterleuten. Doch in Letzterem litten die alten und neuen Dorfbewohner, alle Deutsche, nur aneinander, alten Zwistigkeiten und neuen Grabenkriegen, während Marlen Schachinger die Problematik verschärft, indem sie eine Gruppe „echter“ Fremder ins Spiel bringt, wurden doch im fiktiven Dorf B. eine Handvoll Flüchtlinge untergebracht. […] Marlen Schachinger erzählt gekonnt quasi nebenbei die Geschichte eines Gutmenschen zu Beginn der Flüchtlingskrise, wobei sie die zukünftigen Entwicklungen, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt, als Dystopie skizziert. Die Anfeindungen, die Mona über sich ergehen lassen muss, dürften vielen, die sich im vergangenen Jahr aktiv für Flüchtlinge eingesetzt haben, bekannt vorkommen. Die Vorurteile und gesellschaftlichen Entwicklungen vor allem in einem dörflichen Umfeld, werden ohne erhobenen Zeigefinger von allen Seiten beleuchtet. Dass die Protagonistin neben ihrem ehrenamtlichen Engagement auch noch eine ereignisreiche Phase ihres Lebens durchmacht, bietet einen Spannungsbogen, der den Leser jenseits der Flüchtlingsproblematik bei der Stange hält.

Die Geschichte wird kunstvoll, von zwei Pro- und zwei Epilogen umrahmt, chronologisch erzählt und ab und an von fiktiven Essays der Protagonistin unterbrochen – oder besser: durch diese ergänzt. Außerdem wird ein Thriller eingewoben, den sie in diesem Zeitraum liest. Vieles ist wirklich sehr detailliert ausgeführt und manches Spielerei, und doch langweilt Martiniloben keine Sekunde, sodass man das Buch nur schwer wieder aus der Hand legen kann, wenn man einmal mit der Lektüre begonnen hat.

(Brunnenkamp, Christina: booknerds. Vgl.: https://www.booknerds.de/2016/11/marlen-schachinger-martiniloben-buch/)

 

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»Martiniloben« ist ein äußerst brisanter und politischer Roman, in dem die Autorin unangenehme Themen wie die Kluft zwischen Arm und Reich, die Flüchtlingsproblematik, Unruhen und Gewaltexzesse schonungslos niederschreibt. Die Geschichte spielt in einem Dorf in Ostösterreich. Dorthin ist Mona, die Protagonistin des Romans, mit ihrem Lebensgefährten Emil gezogen, um dem anonymen Stadtleben und der zwischenmenschlichen Kälte zu entfliehen. Doch die ländliche Idylle ihrer Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun. Als sich Mona für die im Ort untergebrachten Flüchtlinge einsetzt und dann auch noch eine junge Syrerin und deren Tochter bei sich aufnimmt, ist es mit der Ruhe vorbei: sie erhält Drohbriefe, erfährt Missgunst und Ausgrenzung am eigenen Leib.

Die Autorin Marlen Schachinger wurde 1970 in Braunau geboren. Nach der Matura zog sie nach Wien. Auf einen längeren Studienaufenthalt in Paris, folgte 1996 die Rückkehr nach Wien. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Niederösterreich.

(http://ooe.orf.at/radio/stories/2806655/)


Marlen Schachinger zu Betty Paoli

»Betty Paoli, Lyrikerin und Journalistin, war zu ihrer Zeit (1814-1894) hoch angesehen und wurde viel gelesen. Sie lebte ein für ihr Geschlecht und ihre Zeit ungewöhnliches Leben, nicht „unter Hut und Haube“, nicht den häuslichen, mütterlichen oder ehelichen Pflichten hingegeben, sondern sie schrieb, weil sie es tun musste, und sie musste, um leben zu können, sich als Gouvernante verdingen oder als Journalistin ihren Lebensunterhalt verdienen. „Ich war ein Weib und kämpfte wie ein Mann“ steht in einem ihrer Gedichte. Sie kämpfte „um Publikationsmöglichkeiten, Honorare und deren Auszahlung, lange Jahre auch ums Überleben“ […]. Dieses Buch ist aber nicht eine Biographie oder eine ausführliche Würdigung ihres Werkes. Es ist eine anspruchsvolle „analytisch-literarische Auseinandersetzung“ […] mit der Dichterin, mit dem Schreiben als Beruf und Berufung, mit den Möglichkeiten damals und heute, schreiben zu können und auch davon zu leben. […] Die (im ursprünglichen Sinn) naive Leserin jedoch erfährt und lernt viel, freut sich über die Anregungen und Hinweise in diesem Buch und liest mit Genuss und Interesse die Gedichte der Paoli, die in das Buch eingestreut sind. Marlen Schachinger hat es bestens verstanden, uns auf eine Lyrikerin hinzuweisen, die auch für heute noch Einiges zu sagen hat.«

(Dr. Monika  Jarosch, AEP, Innsbruck, März 2016) 


Undine in der Kirche

Marlen Schachinger fabuliert, lügt das Blaue vom Himmel herunter, mischt Realität mit Irrealität und hat keine Scheu vor ungeheuerlichen Behauptungen: „Albors Asche“, ein parabelhaftes Märchen im Horrorgewand.

Marlen Schachinger schüttelt in „Albors Asche“ den Undinen-Stoff kräftig durch und zeichnet eine Diktatur von Bürgermeistern: ein parabelhaftes Märchen im Horrorgewand. In ihrem Institut für Narrative Kunst im niederösterreichischen Land um Laa hält Marlen Schachinger leidenschaftliche Plädoyers für ein hemmungsloses Fabulieren, die Studenten sollen „das Blaue vom Himmel herunterlügen“ und „dem Wahnsinn des Alltags sprachlich ein Schnippchen schlagen“. Die sanften Hügel des Weinviertels sind ja dafür bekannt, sagenhafte Wortfelder hervorzubringen, die nur noch bestellt werden müssen.

In ihrem neuen Roman tut Schachinger genau das: Sie fabuliert, lügt das Blaue vom Himmel herunter, mischt Realität mit Irrealität und hat keine Scheu vor ungeheuerlichen Behauptungen und großen Worten. „Albors Asche“ spielt in einem abgeschlossenen Kosmos. Drei Generationen von Bürgermeistern (der erste war „der General“) aus einer Familiendynastie formten die Gemeinschaft einer kleinen Stadt um zu einer wahren Bilderbuchdiktatur. Einzig und allein der amtierende Bürgermeister bestimmt, was passiert.

Umso erstaunlicher, dass Pastora, eine Nixe, die an der Quelle des Ebro geboren ist und nach 100 Jahren genug vom Leben im Wasser hat, nach Albor kommt, um dort ihre Zelte aufzuschlagen. Sie nimmt dreist die verwaiste Kirche in Beschlag. Eine Ungeheuerlichkeit in Albor, wo sogar der Pfarrer geflüchtet ist, weil er die dunklen Machenschaften des Bürgermeisters und des „Komitees“ (das aus hochrangigen männlichen Bürgern der Stadt und der unehelichen Tochter des Sohnes des Generals besteht) nicht mehr mittragen konnte.

Pastora hat bodenlanges rotes Haar, auch das eine Unmöglichkeit in Albor, da hier die Frisuren der Frauen maximal Schulterlänge haben dürfen. Zu Zeiten des Generals mussten sie sogar ihre Haare unter Tüchern, Hauben oder Ähnlichem verbergen, und die Bürger durften nur blaue Anzüge aus grobem Stoff tragen. Zumindest das hat sich im Laufe der Jahre gelockert, was nichts an der allgemeinen Unterdrückung ändert.

Jeden Morgen nimmt Pastora ein Bad im Fluss, bei jeder Witterung. Die Männer, die man – frei nach Ingeborg Bachmann – alle Hans nennen könnte, streichen wie liebestolle Kater um die Kirche, legen Geschenke auf der Schwelle ab, sitzen stundenlang auf den Bänken des Kirchplatzes und campieren dort sogar. Die Bäckerin, eine Witwe, macht mit ihrem kleinen Café das Geschäft ihres Lebens. Die Mädchen der Bar Delight hingegen, des einzigen Freudenhauses, liegen lässig auf den Sofas und freuen sich über die „erholsamen Stunden“: ein Szenario, das Federico Fellini gefallen hätte. Pastora muss sich wegen des Aufruhrs, den sie verursacht, bald einer öffentlichen (peinlichen!) Anhörung unterziehen, der Journalist stellt Fragen zu ihrer Herkunft und ihren Absichten. Immerhin erhält sie die offizielle Erlaubnis, in der Kirche wohnen zu bleiben, wenn sie sich dazu verpflichtet, diese instand zu halten.

Das Dach muss gestopft werden, die Turmuhr repariert und Risse in der Treppe müssen ausgebessert werden. Das Komitee wird regelmäßig den Stand der Dinge kontrollieren. Außerdem beschließt es, Pastoras Haare abzuschneiden. Wie in einem Schauprozess kommt ein Mann mit großer Schere und kürzt brutal den Haarmantel bis auf Ohrenlänge. Die roten Strähnen schweben durch die Luft, schlingen sich um hölzerne Äste und menschliche Hälse. Die erotische Anziehung ist für das Erste gebannt. Die rätselhafte Tatsache, dass den Männern Pastora als junges Mädchen erschien, jedoch für die Frauen alt – sogar „verschrumpelt“ – wirkte, ist nun vorbei, im Fortgang der Geschichte nähern sich die unterschiedlichen Blickwinkel an, und Pastora wird von beiden Seiten als nicht mehr so ganz junge Frau gesehen.

Soweit das Setting. Marlen Schachinger ist eine Autorin, die sich stark mit der Theorie des Schreibens und mit feministischer Literaturgeschichte auseinandersetzt. Sie ist zudem eine Wissenschaftlerin, die ihre Leser an ihrem Wissenshunger teilnehmen lässt. Allein die Kapitelüberschriften zeigen ihren Willen zu einer Universalbildung, zum Beispiel: „XI Ätzmattieren mit Fluorwasserstoffsäure (seit 1668). Nicht zu verwechseln mit der Technik des Amelierens, nicht zu verwechseln mit Amelie, ,die Tapfere, die Tüchtige‘.“

Die Figur von Valerian, einem Mann, der seit mehr als 20 Jahren sein Haus nicht mehr verlassen hat, und die Vorgänge in Albor von seinem Fenster aus verfolgt, ist die Verkörperung dieses Gelehrtenprinzips. Zitate, griechische, lateinische und althochdeutsche Begriffe schwirren um seinen Kopf, er kann keinen Gedanken fassen, ohne dass sich die dazugehörenden Quellen einschalten. Historische Kochrezepte murmelt er vor sich hin wie Mantras. Valerian schreibt, skizziert, liestund denkt. Hier kommt die klassische humanistische Bildung zum Ausdruck, wie es sie in dieser Form wohl immer seltener gibt. Der Universalgelehrte in seinem Kämmerchen ist eine aussterbende Spezies.

Pastora hingegen verkörpert mit ihrer sagenhaften Herkunft das poetische Prinzip, die Intuition, allerdings auch die Schicksalshaftigkeit, der – nicht nur – der Mensch unterworfen ist. Denn die Anziehung, die zwischen ihr und Valerian von der ersten Minute an herrscht – obwohl sie sich nur von der Ferne aus sehen –, mündet in keine dauerhafte Liebesgeschichte. Nur eine erotische Begegnung wird ihnen zugestanden.

Valerian spürt die Gefahr, in der Pastora schwebt. Der Bürgermeister erlässt eine Verordnung, die das Campieren auf öffentlichen Plätzen unter Androhung monatelanger Haftstrafen untersagt. Von da an werden beinahe täglich neue Verordnungen herausgegeben, je nachdem, was sich Pastora an Verfehlungen geleistet hat – auf dem Kirchdach spazieren (sie muss ja das Loch in den Schindeln reparieren!), Heilkräuter verabreichen (sie serviert einer Besucherin eine Tasse Tee) oder Nutztiere (im Gegensatz zu Haustieren) im Haus respektive in der Kirche halten (sie schläft neben zwei Schafen, denn im Kirchenschiff ist es im Winter bitterkalt).

Die Autorin dreht nun Schraube um Schraube fester, und langsam wird aus dem poetischen Märchenkaleidoskop ein Horrorthriller. Aus der Vergangenheit gibt es blutige Ereignisse zu berichten, in der Gegenwart braut sich das Unheil zusammen. Das erste Opfer ist die Kellnerin des Wirtshauses Zum Hirschen, sie muss sich irgendwie unbotmäßig verhalten haben – wie, das bleibt im Unklaren. Das Patriarchat kann seine Vormachtstellung nur durch eine Schreckensherrschaft aufrechterhalten. Es liegen keine Geschenke mehr auf der Schwelle, sondern Pastoras kleiner Kater ist an das Kirchentor genagelt. Eines der Schafe wird geköpft, das andere stirbt an Kummer.

Zeit zu gehen. Der Titel verrät das Ende, das auch Valerians Ende ist, das Schicksal des Undinen-Liebhabers ereilt auch ihn.

(Linda Stift: Undine in der Kirche. Die Presse. 28.2.2015) 

 

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»Eine Geschichte wie ein böses Märchen, brutal und unbelehrbar, aber auch voller Lebenskraft und Widerstand. Ein Buch, das durch Handlung und Stil schnell in den Bann schlägt, und das lange nachhallt.« 

(gam, in: Weiber-Diwan) 

 

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Am Abgrund der Philisterseele

Für ihren neuen, stilistisch souveränen Roman "Albors Asche" hat Marlen Schachinger tief in die Mythenkiste gegriffen.

Die gebürtige Oberösterreicherin Marlen Schachinger erzählt in ihrem neuen Roman "Albors Asche" von einer fiktiven Stadt mit ungefähr 50.000 Einwohnern. Dass der Ebro in der Nähe liegt, muss man nicht geografisch genau nehmen. Im Grunde geht es um einen großen Fluss, der auch Ebro heißen könnte, um das Wasser, aus dem die weibliche Hauptfigur nach Albor kommt, um in einer langsam verfallenden Kirche ihr Quartier zu beziehen.

Die fremde Frau nennt sich Pastora, ihr Haar ist sehr lang und sehr rot; Herkunft und Identität geben den Bewohnern Rätsel auf. Pastora will nichts Böses, eher im Gegenteil, aber ihr bloßes Anderssein erleben viele als Herausforderung und Bedrohung. Insgeheim beneiden sie auch solche Menschen, die sich von verordneten Konventionen befreit haben und dadurch Lebensintensität gewinnen. Die Kinder und die Tiere hingegen suchen Pastoras Nähe – ein romantisches Motiv mit neutestamentarischem Hintergrund, übrigens nicht das einzige in diesem Roman.

Formal gibt es zwar Wahlen, aber real Unterdrückung und Willkür. Ein ohne demokratische Legitimation agierendes "Komitee zur Aufrechterhaltung der Tugend und Ehrbarkeit Albors" erlässt Dekrete, die gegen die "Hexe" in der Kirche gerichtet sind, und führt willkürlich Inspektionen durch. Das Doof- Biedere des Philisters, das man vielleicht noch tolerieren könnte, hat eine grausame, bösartige Kehrseite, die sogar tödlich sein kann.

Marlen Schachinger hat für ihren neuen Roman tief in die Mythenkiste gegriffen. Der Gedanke an E.T.A. Hoffmann und die deutsche Romantik liegt nicht allzu fern, wenn eine romantische Wasserfrau Verwirrung unter die Philister bringt, wenn sich der Geist eines Verstorbenen meldet und letztlich auch ein apokalyptisches Szenario droht. Aber so mythisch diese Romanwelt vordergründig wirken mag, die Autorin erzählt hier eine essenziell politische Geschichte über Machtmissbrauch, Lüge und opportunistische Anpassung einerseits, über Mut, Zivilcourage und Menschenwürde andererseits.

Dass sie ziemlich gut schreiben kann, hat Marlen Schachinger schon mit ihrem Roman "denn ihre Werke folgen ihnen nach" (2013) bewiesen. Auch das neue Buch besticht durch stilistische Souveränität und ein feines Gespür für den Rhythmus der Sprache.«

(Schacherreiter, Christian: Am Abgrund der Philisterseele. OÖN, 11. Juli 2015. Vgl. zudem: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Buchkritik-Am-Abgrund-der-Philisterseele;art16,1897689) 

 

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›Ein parabelhaftes Märchen im Horrorgewand‹, nennt Linda Stift in der Presse ›Albors Asche‹, den neuen Roman der gebürtigen Oberösterreicherin Marlen Schachinger. Albor ist ein fiktives Städtchen am Ebro, in dem diktatorische Zustände herrschen. Was geschieht, was die Bewohner zu tun und zu lassen haben, bestimmt einzig und allein der aktuell amtierende Bürgermeister. Ausgerechnet in dieses Albor kommt eines Tages die Nixe Pastora und richtet sich in der verlassenen Kirche häuslich ein. Das ist natürlich verboten – wie so vieles, insbesondere auch Pastoras Erscheinung mit ihren bodenlangen roten Haaren und ihrem täglichen Bad im Fluss – und bringt das Leben in Albor gründlich durcheinander, sodass schließlich das ›Komitee zur Aufrechterhaltung von Tugend und Ehrbarkeit‹ einschreiten muss. Albors Männer vergessen ihre Pflichten, weil sie nur noch an der Fremden interessiert sind. Die Frauen schmieden Intrigen und streuen Gerüchte. Der einzige, der sich Sorgen um Pastora macht, weil er sich an schreckliche Dinge erinnert, ist Valerian, der sein Zimmer seit 21 Jahren, drei Monaten und sechs Tagen nicht mehr verlassen hat, dafür das Geschehen im Ort vom Fenster aus beobachtet und akribisch dokumentiert, was ihm schon seit Jahrzehnten zur Gewohnheit geworden ist. ›Albors Asche‹ ist eine opulente Erzählung, die verschwenderisch viel Wissenswertes über allerlei Lebensbereiche transportiert und die vor allem durch Stilsicherheit und sprachliche Schönheit beeindruckt. Ein Märchen und doch gleichzeitig eine durch und durch wahre Geschichte von der Buntheit des Lebens und darüber, wie es in die Katastrophe führt, wenn die Vielfalt unterdrückt und bekämpft wird.

(Maria Fellinger-Hauer: Grenzen, Macht und ein Fall für das Tugendkomitee. In: KirchenZeitung Diözese Linz, 25. Juni 2015. S. 28.) 

 

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Die Peripherie wird zum Zentrum

Die aktuelle Saison ist besonders ergiebig, was heimische Autoren betrifft. Seit Februar sind Dutzende Bücher erschienen, die nicht nur lesens-, sondern auch erinnernswert sind. 

Es gibt in Österreich Generationen an Schriftstellern, die tendenziell aus der Offensive heraus schreiben, und solche, die defensiv agieren. Die Nachkriegsgeneration, das war der Aufbruch aus dem Mief Richtung etwas Neuem, Eigenen und der Angriff gegen die Ewiggestrigen. Bis weit in die 80er Jahre hinein hielt dieses Gefühl an. Danach, spätestens ab den 90er Jahren, folgte die Generation jener, die einen Abwehrkampf führten. 

Wer maßgeblich in den 90er oder Nullerjahren sozialisiert wurde, also Autoren, die zwischen 25 und 50 Jahre alt sind, die hat man an der Uni gelehrt, dass die Geisteswissenschaften nichts wert sind, außer vielleicht, weil sie im Einzelfall multitaskingfähige, kreative Geister für studienferne Wirtschaftsberufe hervorbringen. Und dann als Schriftsteller: Verkauft wird, was in großen Verlagen erscheint und von den großen Kaufhäusern gepusht wird. Für alle anderen gilt: Rückzugsgefecht und Kampf um die Fördertröge. Wer sich da nicht einfügt und vorprescht, macht das mit dem Gestus eines „Trotzdem“ oder „Jetzt erst recht“. […] Ein Fixpunkt der heimischen Literaturszene ist Marlen Schachinger, die in ihrem Institut für narrative Kunst in Niederösterreich Interessierte das Schreiben lehrt. In ihrem jüngsten eigenen Roman „Albors Asche“, einer wild fabulierten Parabel über Außenseitertum, arbeitet sie das Eigenbrötlerische an der ritualisierten Aufrechterhaltung von patriarchalen Hierarchien heraus. Zeitlos ist ihre Welt ebenfalls - aber nicht ahistorisch, sondern voll von Bezügen zur Geistesgeschichte. Die Rothaarige jedenfalls muss weg aus Albor. Und wenn nicht sie, dann zumindest die roten Haare. 

(Simon Hadler, Claudia Gschweitl, Carola Leitner und Lena Eich: Die Peripherie wird zum Zentrum. Vgl.: orf.at/stories/2274224/2274245/) 


Mario C. Kamov ist gemeinsam mit Freunden in einen Verlag eingebrochen. Dort hat er, weil es sonst nichts zu holen gab, abgelehnte Manuskriptemitgehen lassen. Irgendwann hat Kamov dann doch ein Blick in die Manuskripte geworfen und sie umgeschrieben. So ist ein Beststeller nach dem anderen entstanden. Nun, Jahrzehnte später, wird Kamov an die Uni berufen und da passiert es." Luca zögerte, bevor er fortfuhr: Während er vergangenen Monate habe er all meine Werke gelesen (...) und dabei sei ihm aufgefallen, welch große Analogie mein Erstling mit diesem Manuskript hier aufweise. (...) Er würde, fügte er mit einem Lächeln nach einer kurzen Pause hinzu, diese Gleichartigkeit bloß gerne verstehen. Möglicherweise hatte ich immer damit gerechnet, dass dies geschehen würde (...). Daran, dass ich Wut empfinden könnte, hatte ich nicht gedacht."

Indem der 50-Jährige den jungen Studenten, der den Plan verfolgt "ein Meisterwerk zu schreiben und dann abzutreten", in seine Fittiche nimmt und scheinbar als sein Mentor agiert, nimmt er den Kampf gegen ihn auf. Und schon heißt es Kamov gegen Luca, Luca gegen Kamov und - Luca um Kamov. Denn der junge Student ist in den Bestsellerautor verliebt. Unsterblich verliebt.

In Marlen Schachingers "denn ihre Werke folgen ihnen nach" dreht sich alles um Macht und Liebe, um Plagiat und Original. Im Sinne des zum Buch passenden Satzes "nichts ist so wie es scheint" liefert die 1970 in Braunau am Inn geborene Autorin frei nach russischer Tradition, in der früher den Hollywood-Filmen ein alternatives Ende verpasst wurde, eine zweite Version des Schlusses des Romans und treibt damit die ständige Mischung zwischen Realität und Fiktion auf die Spitze.

(Kulturbericht OÖ, Sep. 2013) 

 

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denn ihre Werke folgen ihnen nach

Ein Autor, der mit gestohlenen Manuskripten einen Bestseller nach dem anderen landet, und dessen ambitionierter Student, der nicht nur droht, diesem Geheimnis auf den Grund zu kommen, sondern auch ihn literarisch zu übertrumpfen. Der Kampf dieser beiden Figuren steht im Mittelpunkt von Marlen Schachingers spannendem Roman „denn ihre werke folgen ihnen nach“

Lügen, Liebe und Literatur sind die hauptsächlichen Bestandteile dieser durchaus smart gebauten Erzählung, in der mitunter auch ironische Momente erlaubt sind. 

(Hartner, Christoph: Buch Aktuell. Steirer Krone. 12. Juli 2013. S. 42. ) 

 

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Dass alles, was der Mensch tut, Auswirkungen hat und jeder folglich für seine Taten verantwortlich ist, das meint der Bibelvers aus der Offenbarung des Johannes, der als titelgebendes Motto über Marlen Schachingers neuem Roman steht.

Mario Kamov ist ein angesehener Bestsellerautor und Dozent für literarisches Schreiben an der Universität. Es ist ganz gut gelaufen für den ehemals Erfolglosen. Doch die Vergangenheit holt ihn ein, denn sein Erfolg beruht auf einem Diebstahl. Und der droht ans Licht zu kommen, was Kamov verständlicherweise mit allen Mitteln verhindern muss. Zwischen dem Lehrer Kamov und seinem Schüler Luca, dem Sohn der vor Jahrzehnten bestohlenen Autorin, entwickelt sich eine gefährliche Gegnerschaft.

Marlen Schachinger kennt den Literaturbetrieb. Die in Oberösterreich aufgewachsene Autorin unterrichtet seit 1999 Literarisches Schreiben und leitet seit ein paar Jahren eine eigene Schreibschule, das Institut für Narrative Kunst in Wien. Deshalb ist allein ihr kritischer und ironischer Blick auf den Literaturbetrieb schon ein Lesegenuss. Doch das ist nur der Plot. In der originell aufgebauten und sprachlich exzellenten Geschichte geht es um mehr. Es geht um die Farben von Wahrheit und Fiktion und um die Sehnsucht, geliebt zu werden.

(Salzburg, Otto Müller, 2013. - 272 Seiten. ISBN 978-3-7013-1204-7) 

 

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Geklaute Worte, geklauter Ruhm

Marlen Schachinger ist mit allen Wassern des Literaturbetriebs gewaschen, nicht umsonst leitet sie […] das Wiener Institut für Narrative Kunst. Nun setzt die vielfach preisgekrönte österreichische Schriftstellerin ihr Wissen für einen virtuos konstruierten Roman ein. Darin scheint sich in konzentrischen Kreisen die Schlinge um den Hals eines Erfolgsautors zuzuziehen. Er hatte sich seinen Erfolg mit erklauten Manuskripten erfolgloser Schriftsteller ergaunert. Viele Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein – in Form eines Poetikstudenten, der mehr weiß, als dem Literaturstar lieb sein kann. Die Handlung schlägt eine Volte nach der anderen und verschont weder die Protagonisten noch den selbstverliebten Literaturbetrieb.

(Simon Hadler: Der leser wird entführt. Vgl.: http://orf.at/stories/2187202/2187213/ - Zuletzt eingesehen am 24.06.2013.) 

 

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Fremde Federn sind am schönsten

Ein Ideenklau läuft aus dem Ruder: Die junge österreichische Autorin Marlen Schachinger erzählt in ihrem Roman «Denn ihre Werke folgen ihnen nach» von einem scheinbar erfolgreichen Plagiat im kommerziellen Literaturbetrieb – raffiniert und witzig.

Man kennt die Diskussionen über Plagiate nun und hat sie satt. Dabei ging vergessen, dass es unter Autoren bis ins späte Mittelalter als verdienstvoll galt, die Geschichte eines anderen anders – womöglich besser – neu zu erzählen. Und der ursprüngliche Autor fühlte sich durch das Plagiat geehrt. Das soll heute noch vorkommen,ist aber verpönt. Sogar Bestseller-Autor Dan Brown, der eine ganze Armada von Factfindern beschäftigt und angeblich ein umfassendes Quellenstudium betreibt, sieht sich regelmässig mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert.

Wie ein Psychothriller

In diesem Nebel zwischen intellektuellem Betrug und legitimer Bearbeitung öffentlicher Themen siedelt die 43-jährige österreichische Schriftstellerin Marlen Schachinger ihren Roman «Denn ihre Werke folgen ihnen nach» an. Leichtfüssig, charmant und ironisch beschreibt sie, wie der Ideenklau eines Bestsellerautors aus dem Ruder läuft: Der Schriftsteller Mario Kamov hat seine erfolgreiche Karriere als Bestsellerautor auf geklauten Manuskripten aufgebaut. Sie waren ihm in die Hände gefallen, als er in jungen Jahren mit ein paar Saufkumpanen in die Büros eines Verlags eingebrochen war. Niemand vermisste die Papiere, weder der Verlag noch die Autorin. So schlachtet Kamov nach und nach die mehr oder weniger vollständigen Romane aus, die zumindest teilweise auf historischen Ereignissen basieren. Er schreibt die geklauten Texte um, ergänzt sie und publiziert sie unter seinem Namen. Erst nach Jahrzehnten holt ihn die Lebenslüge ein. Luca taucht auf. Er ist der Sohn der Autorin, deren Manuskripte Kamov einst geklaut hatte. Luca will selber Schriftsteller werden. Erfolgreicher als seine Mutter, und dafür besucht er die Vorlesung des arrivierten Kamov.

Was dann passiert, liest sich stellenweise wie ein Psychothriller. Der Leser weiss zwar immer ein bisschen mehr als Kamov und sehr viel mehr als Luca, aber längst nicht alles. Schachinger lässt die beiden Männer Katz und Maus spielen, über viele Seiten hinweg.

Die Beobachterin

Vordergründig erscheint die Handlung stets simpel und einfach, ist sie aber nicht. Kamov weiss nicht, ob Luca seinen Betrug erkannt hat. Luca ist sich nicht sicher, ob Kamov überhaupt ahnt, dass er das Plagiat durchschaut hat. Und der Leser bleibt im Ungewissen darüber, wie viel die beiden voneinander wissen. 

«Denn ihre Werke folgen ihnen nach» ist ein Roman über Recht und Unrecht, über Moral und Flunkerei, Ehrlichkeit und Beschiss. Schachinger erzählt auch von Eitelkeiten und Abhängigkeiten, von Liebe und Enttäuschungen, von Faszination und Abscheu. Letztlich berichtet sie aus dem Nähkästchen des echten Literaturbetriebes . so, wie er zwischen Autoren, Verlagsleuten und Kritikern läuft. Mit Neid, Missgunst und Heuchelei als Triebfedern. Daraus entwickelt Schachinger ein Spiel zwischen dem arrivierten Autor, der nach Bewunderung lechzt, und dem jungen Mann, der unbedingt Schriftsteller werden will.

Schachinger selbst schreibt aus der Perspektive der teilnehmenden Beobachterin. Und sie weiss, wovon sie schreibt. Wie ihre Figur Kamov unterrichtet sie Literarisches Schreiben und hat das "Institut für Narrative Kunst" als Ausbildungsstätte fur junge Literaten - wie Luca einer sein mochte – gegründet.

Einfach und direkt treibt Schachinger die Geschichte von Kamov und Luca voran. Sie verheddert sich auch nicht in Sprachspielereien. Thomas Bernhard als Übervater österreichischer Schreiber ist zwar als Schatten omniprasent, auch ein Hauch von Elfriede Jelinek ist spürbar. Doch das gehort zum erzählerischen Charme Österreichs, in dem bis heute die unnachahmliche Opulenz der Donaumonarchie nachhallt. Und dass beide Protagonisten letztlich scheitern, gibt dem Roman diesen wohlig modrig-morbiden Touch, der die österreichische Literatur seit jeher auszeichnet.

(©kulturtipp/Christian Maurer) 

 

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EX LIBRIS (Ö1)

Die mitunter skurrilen Elemente des Literaturbetriebes, vom Wettlesen bis zur Weltliteratur dienen Marlen Schachinger in ihrem turbulenten, sprachlich exakten Spiel mit Übertreibungen. Die Autorin hat lustvoll das Absurde heraus gearbeitet und überzeichnet. Ihr Buch changiert zwischen Ironie und dem Grauen, das sich in der eigenen Vorstellungswelt mitunter auftut. Wie leicht wäre es schließlich für den draufgängerischen Motorradfahrer Kamov, auf einer gemeinsamen Fahrt seinen Mentee Hofer vom Rücksitz ins Jenseits zu befördern. Im Roman-Universum fungiert Kamov als Akteur des Literaturbetriebs, während Hofer für das innere Universum steht, für die Art wie ein Romanstoff gefunden und zum Faszinosum weiterentwickelt wird. Deutlich geht das Schreiben als Lebensart aus dem Roman hervor. Es gibt keinen Feierabend in der permanenten Beschäftigung mit dem eigenen Schreiben und mit den Werken anderer. 

Marlen Schachinger: "Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich nicht ab und an mal auf Urlaub fahre. Und ich dachte: Wie soll ich denn auf Urlaub fahren? Ich kann ja nicht den Kopf abschrauben und nicht mehr denken, damit ich mich erhole. Das ist eine Vorstellung, die mir völlig fremd ist. – Oder Pension!"

Marlen Schachinger weiß, dass junge Autorinnen und Autoren sich häufig ein sehr großes Vorbild wählen. In Österreich ist das oft Thomas Bernhard. Luca Hofer möchte unbedingt ein Werk über Thomas Bernhard schreiben. Für die Recherche versteckt er sich einige Wochen lang in Thomas Berhards Bauernhof. Da er aber ein Asthmaproblem hat, welches er mit seinem zweiten literarischen Idol, Marcel Proust, teilt, wird er schließlich entdeckt. Mario Kamov dagegen wäre gerne Mario Vargas Llosa. Seine Helden sind die lateinamerikanischen Schriftsteller, die schwierige Themen auf eine einfach zugängliche Weise bearbeiten. Hier fließen Marlen Schachingers eigene Vorbilder in den Roman ein.

Marlen Schachinger: "Vargas Llosa hat im Roman noch eine andere Funktion, abgesehen von literarischen Vorlieben. Vargas Llosa lehrt auch in den USA literarisches Schreiben, und hat zwei Werke publiziert zum Thema, das eine „Briefe“, das andere „die Wirklichkeit des Schriftstellers“. Beide sind sehr empfehlenswerte Lektüre, für angehende Autoren und für jeden, der sich dafür interessiert wie ticken Autoren, was sind die kreativen Prozesse, die da ablaufen?"

Marlen Schachinger baut ihr Wissen um das Entstehen eines Romans und um die Leiden der jungen Literaten leichtfüßig in ihre Erzählung ein. Sie verwebt Handlung und Reflexion zu einem Text, dessen Sprachlich einnimmt und überzeugt. Die Komposition ist gelungen, und die Struktur musikalisch durkomponiert. Schön, ist die Empathie, die die Autorin bei aller Ironie für ihre Gestalten aufbringt. Hilfreich ist genau in der Mitte des Buches, ein „Kurzer Brief an angehende Autoren“. Eine Schlüsselszene führt nach Venedig, wo Kamov erstmals „Der Tod in Venedig“ liest. Kamov meint, heute würde Manns Roman bei Verlagen in den Shredder wandern. Diese Szene ist ganz besonders witzig gebaut. Obwohl der Autor sich über Thomas Mann lustig macht, kommt ihm in Venedig der Tod doch ein wenig zu nahe. Nach der Lektüre der letzten Seite, muss er rasch abreisen. So bleibt ihm Aschenbachs Schicksal erspart. Der Überlebenskünstler Kamov setzt sich erfolgreich gegen die Übermacht der Literatur zur Wehr.

(Ausschnitt aus Ex Libris, Ö1, Redakteurin: Christina Höfferer, gesandt am 2. Juni 20013.) 

 

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"Diese Versuchsanordnung hat Marlen Schachinger mit großem Geschick und ironischen Kommentaren über den literarischen Jahrmarkt der Eitelkeiten entfaltet. Mit Vergnügen liest sich diese Persiflage auf die hochgestochenen Abgefeimtheiten im Schriftsteller-Getriebe." 

(Ausschnitt. Saalfeld, Lerke von: Original und Plagiat. Deutschlandfunk. Nachzulesen unter: www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/2135612/) 

 

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Abgründe und Schrullen des Literaturbetriebs

Den Rezensenten macht es Marlen Schachinger nicht leicht. Allzu viel darf man nämlich nicht verraten über ihren neuen Roman »denn ihre Werke folgen ihnen nach«, will man den Lesern nicht einen Großteil des Vergnügens rauben.

Der mit Raffinesse aufgebaute Plot bietet Verunsicherungen, Überraschungen und eine Vielzahl an Bezügen und Verweisen – kurzum: Er bietet Spannung. Der Ich-Erzähler heißt Mario Kamovs und ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Die Literaturkritik ist sich nicht einig, ob er nur ein Bestsellerautor ist oder eine Teilzugehörigkeit zur Hochkultur beanspruchen darf. Da die Grenzen zwischen U und E in der Postmoderne ohnehin fließend sind, wird er an ein Literaturinstitut eingeladen, um den Studierenden plausibel zu machen, wie man „gute“ oder zumindest erfolgreiche Bücher schreibt.

Wenn man einen Verlag bestiehlt

Das elementare Geheimnis seiner Karriere als Schriftsteller verschweigt Kamovs den Studenten, aber nicht dem Leser. In einer labilen Lebensphase beging Kamovs gemeinsam mit zwei Freunden einen Einbruch. Wie unerfahren die jungen Diebe waren, beweist das Objekt ihrer kriminellen Handlung. Sie wollten einen Literaturverlag bestehlen, obwohl dort außer ungelesenen Manuskripten nichts zu holen ist. Ausgerechnet diese Manuskripte, die Mario mitnimmt, werden zur Grundlage seines Erfolgs. Literarisch nicht untalentiert, beginnt er die unveröffentlichten Romane zu bearbeiten und unter eigenem Namen zu publizieren.

In Kamovs Literaturseminar sitzt Luca, der Sohn jener Autorin, die für Kamovs ersten großen Erfolg unfreiwillig die Materialgrundlage geliefert hat. Lucas Mutter hat ihre literarischen Ambitionen längst begraben, aber ihr Sohn heftet sich an die Fersen jenes Mannes, dessen erfolgreiches Debüt dem unveröffentlichten Manuskript seiner Mutter so verblüffend ähnlich ist.

Marlen Schachinger entwickelt nicht nur einen spannenden Aufdeckungsplot, sie konstruiert auch ein psychologisch überzeugendes Handlungsnetz der Anziehung und Abstoßung zwischen Luca und seinem Mentor Kamovs. Immer wieder merkt man, wie gut Schachinger die Interna des Literaturbetriebs kennt. Die 1970 in Braunau geborene Autorin gründete 2011 selbst ein „Institut für Narrative Kunst“. Ihr ironischer, abschnittweise satirischer Blick auf den Literaturbetrieb ist nicht nur für Insider ein Genuss. Am Dienstag (23. April, 19.30) kann man sich bei der Buchpräsentation im Linzer Stifterhaus davon überzeugen.

(Schacherreiter, Christian: Abgründe und Schrullen des Literaturbetriebs. Oberösterreichische Nachrichten, 17.04.2013.S. 19. Vgl.:www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Abgruende-und-Schrullen-des-Literaturbetriebs) 

 

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12/04/13 Das Salzburger Literaturhaus stellte am Donnerstag (11.4.) drei österreichische Autorinnen und einen Autor vor, von denen kürzlich neue Bücher erschienen sind. Ein ausgiebiger Abend, denn es gab nicht nur Lesungen, sondern auch Gespräche und zwischendurch Musik, lebende Musik sogar.

Der Fetischkult besagt, es sei möglich, sich die Kräfte eines anderen anzueignen. Man brauche nur in den Besitz eines Objekts, eines Fetisch, aus dem Besitz des Angehimmelten zu gelangen. Vom Tragen einer Hose, die einmal Thomas Bernhard gehört hatte, verspricht sich ein Autor, Figur in dem Buch „denn ihre Werke folgen ihnen nach“ von Marlen Schachinger (Verlag Otto Müller), viel. Noch lieber wäre diesem Autor ein Kleidungsstück von Marcel Proust. Recht originell ist der Einfall Marlen Schachingers, die einen Autor in einem Verlag einbrechen lässt. Dort eignet er sich Manuskripte an, die ihm nützlich für seine weitere Laufbahn sind.

(Thuswaldner, Werner: Was ihnen alles einfällt.In: DrehPunktKultur.Vgl.:www.drehpunktkultur.at)

 

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Wieder High Noon

Autorinnen aus Österreich. Das Potenzial ist groß. Die österreichische Gegenwartsliteratur verfügt über zahlreiche Autorinnen - und es wachsen beständig junge nach -, die einen ganz eigenen Blick auf die österreichische Wirklichkeit werfen und diese nach ihren Vorstellungen literarisch entwickeln. [...] Für sie bedeutet Schreiben gleichermaßen Passion und Notwendigkeit.

Der eine ist auf dem Sprung, Schriftsteller zu werden, der andere hat es schon geschafft. Der Jüngere schraubt seine Ansprüche ganz hoch. Er strebt an, das ultimative Werk zu schreiben, das dauerhaft Gültigkeit beansprucht, das reicht für ein Leben, danach will er abtreten. Er misst sich mit Thomas Bernhard und Marcel Proust, will ganz hoch hinaus. Der Ältere geht Kompromisse ein. Er wendet sich an das breite Publikum, liefert Bestseller, von denen er gut leben kann und ist mit sich und der Welt im Reinen. Die beiden Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bekommen es miteinander zu tun, als Mario Kamov als Gastdozent an ein Institut geholt wird, das junge Autorinnen und Autoren ausbildet. Vor allem machte sich ausgerechnet dieser so anspruchsvolle Luca Hofer stark für jenen Autor, dessen Wunsch, das Publikum zu unterhalten, ihn eigentlich stören müsste. Der jüngste Roman von Marlen Schachinger ist zwar angesiedelt im Schriftstellermilieu, geht aber über eine Geschichte aus dem Inneren des Betriebs weit hinaus. Sie lässt wie in einer römischen Arena zwei Gladiatoren aufeinander los, zwei starke Persönlichkeiten, die einander belauern, einander aushorchen, bespitzeln und sich auf ein Spiel von Nähe und Zurückweisung einlassen. Das alles läuft auf Sieg oder Niederlage hinaus. Zwei Typen sind zu beobachten, die den eigenen Vorteil im Auge haben, aber unterschiedliche Methoden anwenden.

Eigentlich sollte sich der renommierte Autor in der stärkeren Position befinden. Was hat er schon zu verlieren? Er hat den Durchbruch längst geschafft, ein kleiner Nobody vermag ihn nicht ernsthaft zu gefährden. Eine Machtgeschichte mit eindeutigem Ausgang also? David und Goliath im Schriftstellermilieu? Wie aber sieht die Steinschleuder Luca Hofers aus, mit der er den großen Kamov ins Wanken zu bringen vermag? Kamov fürchtet, dass sein Konkurrent mehr weiß, als er selbst der Öffentlichkeit eingestehen möchte. Seine Karriere beruht auf einem Hochstaplertrick. In seinen jungen Jahren stahl er bei einem Einbruch einen Stapel Manuskripte aus einem Verlag - die Beute sonst war gering - und begann einen historischen Roman nach seinen eigenen Vorstellungen umzuarbeiten. Er klaute sich Ideen, möbelte diese auf und gewann. Zwei moralische Kontrastfiguren stehen einander gegenüber, der Betrüger, der es versteht, sich sein Leben angenehm zu gestalten, und der idealistische Berserker, der in seinem Werk aufgeht und Wichtiges schaffen möchte. High Noon unter Intellektuellen, ein Duell auf geistiger Ebene. Langsam baut Schachinger Spannung auf, weil sie erst nach und nach mit Informationen herausrückt, die später von Belang sind. Das Manuskript, das Kamov so schamlos ausbeutete, stammt von Hofers Mutter. Eben deshalb drängte der so vehement darauf, Kamov als Gastdozenten nah zu sein. Der junge Mann wird zum Grübler: "Er, Luca, habe sich seit Jahren gefragt, wie es dazu kommen könne, dass zwei junge Literaten einen historischen Roman zu ein und derselben Person schreiben, selbst wenn die eine seine letzten Jahre, der andere seine beruflich bedeutendsten fokussiere." Und: "Es interessiere ihn als angehenden Autor, warum man jenes Werk seiner Mutter abgelehnt habe, woran mangle es ihm, oder seien - wie man ihnen hier am Institut stets einbläue - andere Faktoren zum Tragen gekommen, Beziehungen, Netzwerke...?" Dem Bestsellerautor wird es mulmig im Herzen. Fliegt die Lüge seines Lebens auf? Wird er als Scharlatan gebrandmarkt und als Ideenklau? Also geht er in die Offensive und nimmt das Leben Lucas in den Blick, entwickelt die Besessenheit einer Observation. Er sucht die Kontrolle über ein fremdes Leben, um das eigene im Griff zu haben. Der Jüngere jedenfalls ist gespalten. Er bekämpft Kamov und liebt ihn mit einer Sehnsucht, wie es nur ein Homosexueller zustande bringt.

Tiefe verleiht Schachinger ihrem Roman dadurch, dass sie über die Gegenwartsebene weit hinausgreift. Sie verpasst dem Konkurrentenpaar eine Vergangenheit, an der sie beide schwer zu tragen haben. Das Drama der Kindheit und frühen Jugend hängt ihnen nach, die Schwierigkeit Fuß zu fassen in einer Gesellschaft, die feindlich ist und in der Gefahren lauern. Beide sind absturzgefährdet, beide suchen nach der Liebe, an der es rundum mangelt. Warum also verlegen sich die beiden aufs Schreiben? Literatur ist ein Bewältigungsverfahren, mit den Mängeln und Widrigkeiten der eigenen Existenz abzurechnen.

Nicht wie fies der Literaturbetrieb funktioniert will uns Schachinger damit beweisen, sondern auf welch prekärem Boden sich menschliches Leben bewegt. Überall sind Fallen aufgestellt, am Beispiel zweier Schriftsteller macht sie das einsehbar. Dennoch betreibt sie, die selbst ein Institut für Narrative Kunst gegründet hat, süffisant Kulturkritik. Der durchaus ernsthafte, manchmal vielleicht etwas boshafte Roman wendet sich zur Satire, wenn sie sich das Fernsehen vornimmt. Auf einem fragwürdigen Sender wird eine Casting-Show für Jungautoren, "Next Bestseller", ausgestrahlt. Die Kandidaten werden nach dem "Big Brother"-System weggesperrt und unter Beobachtung gestellt, wo sie in kurzer Zeit unter verschärften Bedingungen einen dicken Roman verfassen müssen. Auch eine Art von Untergang des Abendlandes. 

(Dr. Anton Thuswaldner: Wieder High Noon. In: Salzburger Nachrichten, 13.04.2013.S. V. Vgl.: salzburg.com/news/artikel

Zuletzt eingesehen am 14.04.2013. )

 


So arbeitet eine Schriftstellerin

Wie lässt sich die Theorie des Schreibens aus der Praxis eines Romans herauslesen?

Die Autorin Marlen Schachinger ist theoretisch gewappnet: Sie hat Komparatistik, Germanistik und Romanistik in Wien wie Paris studiert und dissertiert. Sie unterrichtet Literarisches Schreiben am Institut für Narrative Kunst. Wie fügt sich die Theorie zur Praxis des Schreibens? Zuletzt erschien ihr Roman „¡Leben!“ Dafür entwickelt die 35-jährige gebürtige Innviertlerin ein anspruchsvolles Verfahren. Und das geht so:

In den Mittelpunkt rückt sie die Regisseurin Lea. Die plant einen Dokumentarfilm über Homosexualität im Dritten Reich. Dafür geht sie in Archive, sucht Gedenkstätten auf, führt Gespräche mit Zeitzeugen und droht darüber zu zerbrechen. Die Leiden, die anderen zugemut et wurden, setzen ihr psychisch derart zu, dass sie körperliche Abwehrsymptome entwickelt. Distanz, wie sie Historikern zur Pflicht gereicht, bringt sie nicht auf, zu sehr identifiziert sie sich mit den Opfern.

Um diese verletzbare Frau gruppiert Marlen Schachinger einige andere Figuren, die als Zulieferer für die Charakterbildung und intellektuelle Entwicklung ihre Dienste leisten, ohne selbst ein starkes Profil zu entwickeln.

Der Zufall spielt eine Rolle, weil zur richtigen Zeit jene Figuren auftreten, die der Geschichte den Drall versetzen: Marie zum Beispiel fiel Lea auf einer Rax-Wanderung verletzt vor die Füße. Lea kümmert sich um die alte Dame, die zweiunddreißig Jahre alt gewesen ist, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Marie unterhielt in der Nazizeit zu Sophie eine lesbische Beziehung, die aufflog. Marie überlebte das KZ, weigert sich aber, über Einzelheiten zu reden. Jetzt gibt sie das lebende Modell ab für den Stoff, an dem sich Lea abarbeitet. Und sie verkörpert die Antithese zu Lea, weil sie mit unstillbarem Lebenshunger die Vergangenheit wegschiebt. 

Zudem halst die Autorin ihrer Protagonistin Lea noch eine Emigrantengeschichte auf. Lea entkam dem brennenden Sarajevo, während ihre Eltern und ihre Schwester den Krieg miterleben mussten. Man sieht, Lea imaginiert sich jene fürchterlichen Erlebnisse, denen sie selbst entkommen durfte. „Gegenwartsvermeidung“ wirft ihr Marie vor: „Es ist das Extreme an deiner Haltung, das ich kritisiere. Wir sind Menschen, und Menschen dürfen vergessen, möglicherweise müssen wir es sogar, um weiterzuleben.“

Im Verlauf des Romans bekommt auch Leas Familie ihren Auftritt. Sie verkörpert den nicht realen Schrecken – nicht den, der aus Archiven kommt,sondern den im Jugoslawienkrieg erlebten. Wieder ist Lea, die Davongekommene, bedrückt und lädt sich Schuld auf, die ihr nicht zukommt. 

In dieser Konstellation bewegt sich Marlen Schachingers Roman: lesbische Frauen damals und heute – die Bedingungen haben sich verbessert, es besteht keine Lebensgefahr mehr; Weltkrieg und Jugoslawienkrieg – Augen auf, die Zeit der Gewalt ist noch lang nicht vorbei.

Marlen Schachinger leistet, was ihre Figur Lea nicht schafft: Sie geht auf Abstand. Sie kalkuliert ihren Roman streng und findet für jede Handlungsebene einen eigenen Duktus. Sie wird konventionell realistische Erzählerin, wenn sie Lea über sich sprechen lässt. Aber wenn sie in das Leben Maries abtaucht, geht sie stilistisch holprige Umwege, lässt uns wie durch Milchglas schauen: „Frühling wird es gewesen sein, im Jahr 1938, würde Marie sagen. Ein Frühling, der mit erstaunlicher Macht hereingebrochen sein wird, über dieses Land, das kein Staat mehr gewesen sein wird.“ Und die Autorin lässt uns an Leas Filmprojekt teilhaben, wenn wir in Drehbuchszenen mit historischer Kleinarbeit konfrontiert werden.

Buch: Marlen Schachinger, ¡Leben!, Roman. 257 Seiten, Leykam Verlag, Graz 2013.

(Thuswaldner, Anton: So arbeitet eine Schriftstellerin. In: Salzburger Nachrichten, 07.01.2014.) 

 



Interview

I. Herzlichen Glückwunsch Frau Schachinger. Sie haben das Stipendiat der Mörderischen Schwestern 2015 erhalten. Als ›erfahrene‹ Preisträgerin und Stipendiatin frage ich mich, ob man sich nicht an derartige Auszeichnungen gewöhnt? 

Gewöhnt man sich je an Gutes? Und in diesem besonderen Fall: Ich denke, die Zuerkennung von Preisen oder Stipendien und die damit implizit verbundene Zustimmung ist gewöhnungsfrei, weil das Schreiben, als Akt, ein über weite Streckung relativ anerkennungsfreies Minenfeld ist: Man sitzt allein am Schreibtisch, schwankt zwischen dem Gefühl der Großartigkeit, spielt ja Gott im Erzähluniversum, und  dem an Sicherheit grenzenden ›Wissen‹ eines drohenden totalen Versagens … Diese innere Kritikerin ist nötig, weil sie einen weiter treibt, aber sie braucht auch den Platzverweis, ab und an – sei es durch eine Jury oder durch Leser/innen, welche den Wunsch haben, sich für die Lektüreerfahrung zu bedanken, sich darüber auszutauschen. Dass der Grad der Euphorie im Laufe der Zeit ein wenig sinkt – die gesamte Welt steht nicht mehr still und hält den Atem an, nur weil … –, hat meines Erachtens in vielen Fällen auch damit zu tun, dass man eine solche Auszeichnung meistens für ein Werk erhält, das hinter einem liegt. Man selbst ist schon wieder ganz woanders, beschäftigt sich mit neuen Themen, anderen Fragestellungen, hat erzähltechnische Probleme zu lösen …

 

 

II) Ihre berufliche Laufbahn scheint ja fast ideal für den Einstieg ins Autorenleben zu sein. War das so geplant? Hatten Sie immer schon im Hinterkopf selbst mal zu schreiben und haben Sie deshalb diesen Weg gewählt oder hat gerade dieser Weg sie dazu gebracht, selbst zu schreiben?

Ich habe als kleines Mädchen gewusst: Das ist es. Das will ich machen. – Ich tat ja ohnedies den ganzen Tag nichts anderes. Die Lehrerinnen nannten das ›verträumt‹ oder ›autistisch‹, je nach Temperament und Empathiefähigkeit. Im Gegensatz zu ihnen ging ich jedoch davon aus, jeder erzähle sich selbst Geschichten. Sei es um die Stille zu füllen, sei es weil die Geschichten, die erzählt wurden, immer irgendwo endeten und die Bücher in die Bibliothek zurückgebracht wurden.

Meinen Eltern mitzuteilen, ich wolle als Literatin leben – denn für mein Gefühl war ich es doch seit ewig –, das wäre vermutlich eher ein Fiasko gewesen, weshalb ich ihnen in aller Naivität den Berufswunsch ›Schauspielerin‹ nannte. Das Donnerwetter hatte eine famose Konsequenz: Ab an die Uni, was lernen, alles in den Kopf, der ist nicht so groß, damit der Hut passt, und die einzige Person, auf die du dich je in deinem Leben wirst verlassen können, bist du selbst … Um das Fach zu wählen, und für diese Entscheidung brauchte ich kaum eine Minute: Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik, Französisch, Theaterwissenschaft – letztere tauschte ich im vierten Semester gegen Ästhetik. Und ich habe es nie bereut, vor allem die Vergleichende nicht, was einerseits am Denkansatz, andererseits an den Professoren, vor allem aber an den damaligen Studienbedingungen lag. Wir waren ab dem zweiten Jahr eine winzige Truppe aus etwa acht passionierten Leseratten, Wahlfreiheit in den meisten Studieninhalten wurde groß geschrieben, und wer sich für dieses Gebiet des Erzählraums fernab der Nationalphilologien interessierte, der war im Paradies. Der Studienversuch ist heute auch in Wien Geschichte, der erschreckende Grad an Verschulung, der sich auch darin zeigt, dass Studierende einen auf die Frage ›Aber was denkst du?‹ entsetzt ansehen, zerstört die Universität als Raum, in dem eigenständiges Denken perfektioniert werden soll, Scheitern als Spielraum inkludiert – Exkurs beendet. 

Ob das universitäre Umfeld und das literaturwissenschaftliche Wissen dem Schreiben förder- oder hinderlich sind, ich denke, das muss jede und jeder für sich entscheiden. Ich erinnere mich gut an eines meiner ersten Proseminare an der Uni: Der Professor bat all jene, die Autor werden wollen, den Hörsaal zu verlassen. Dafür sei die Philologie nicht gedacht. Warum? Das erläuterte er nicht. Ich sagte mir, er habe ›Autor‹ gesagt, ich bin Autorin, folglich betrifft mich das nicht – und blieb sitzen. Man sieht: Auch von einem chauvinistischen,  eingebildeten Engstirnler kann man einiges lernen; zumindest in den Abteilungen ›Widerspruchsgeist‹ und ›Durchsetzungsvermögen‹ …

 

III) Ihre Ausbildung, Ihre Beschäftigung mit literaturhistorischen Themen, Ihre Essays, Gedichte und Ihre Lehrtätigkeit im Bereich des literarischen Schreibens ergeben für mich das perfekte Bild einer literarischen Schriftstellerin. Doch Sie haben sich für ein Stipendium bei den Mörderischen Schwestern beworben, also einen Krimi oder Thriller. 

Ist das nicht ein Bruch mit Ihrer bisherigen Biografie? Was war der Auslöser, um sich von den schönen und sprachlich anspruchsvollen Texten in die Abgründe von Verbrechen und Gewalt zu begegnen, was auch sprachlich meist ganz andere Anforderungen stellt.

Nein, ich sehe darin keinen Bruch; einerseits publizierte ich vor mehreren Jahren »Verlust der Unschuld«, einen Kriminalroman, andererseits sehe ich im Genre ›Krimi‹ bzw. ›Thriller‹ keinen Grund, sprachlich anspruchslos zu schreiben. Mal ganz davon abgesehen, dass zahlreiche der großartigsten Romane der Weltliteratur Verbrechen und Gewalt fokussieren, denken Sie nur an »Anna Karenina«, an »Mme Bovary« oder an »Die Marquise von O.«, um hier wahllos einige Beispiele zu nennen. Die Schmuddelaura, die vor dem 20. Jahrhundert dem Genre als solches anhaftete, die hat es längst verloren, auch wenn es natürlich neben hochstehenden und durchaus literarischen Werken auch Trash gibt … Und weshalb auch nicht?! Chacun a son goût …

Davon abgesehen verschwimmen die Gattungs- und Genregrenzen zusehends; und das ist gut so, weil es innovativen Spielraum schafft. Übrigens, der erste Roman, den ich konzipierte und zu schreiben begann, war eine nächtliche Zugfahrt, die mit dem Tod beginnt und als Höhepunkt weitere Todesfälle nach sich ziehen sollte. Bedauerlicherweise wurde dieses Werk nie beendet, da ich mich nach Seite dreizehn so sehr ängstigte, dass ich mich unter dem Bett verkroch und nicht mehr in der Lage war, eine weitere Zeile zu schreiben – was sich verstehen lässt, räumt man ein, dass ich gerade 8 geworden war.

 

Derzeit sehe ich für mich persönlich ein anderes Problem: Wie es manchmal während des Schreibens geschieht, entwickelte sich mein Roman weiter, die Figuren etablierten ihr Eigenleben, es ziehen plötzlich andere Menschen in dieses Dorf, das obendrein just auf einer eigenen Erzählstimme zu beharren beginnt, und nun, im zweiten Monat intensiver Arbeit an diesem Roman, macht keine der Figuren mehr, was ich wollte, sondern nur mehr noch, was in deren Eigensinn kramt. Und ich darf hinterherlaufen, Langsamkeit einmahnen und daneben hastig den Bauplan adaptieren – wo das hinführen soll? Ich habe noch keine Ahnung. Mal sehen …

 

Aber das ergeht mir ja nicht zum ersten Mal so, und de facto liegt darin für mich auch ein Teil der Spannung unserer Arbeit als Romancières: Man lässt sich auf Personen ein, die ein Erzähluniversum bevölkern, und kann, bevor die Fahnen in Druck gehen, nie sagen, was daraus letztendlich werden wird. Und selbst danach, an meinem gedruckten Leseexemplar, streiche ich hier und dort noch einzelne Wörter, füge – seltener aber dennoch – eines ein, verändere die Interpunktion. Es wäre einmal spannend eine Ausstellung der Buchexemplare der Literat/innen, die sie für Lesungen verwendeten, zu organisieren … Ich denke, da gäbe es so manches zu sehen …

 

IV) Wie sind Sie auf die Mörderischen Schwestern aufmerksam geworden bzw. auf dieses Stipendium? Kannten Sie die Mörderischen Schwestern schon vorher oder haben Sie erst durch die Ausschreibung des Stipendium von Ihnen gehört?

Ich entdeckte die Mörderischen Schwestern vor rund zehn Jahren über eine liebe Kollegin, die mir dieses Netzwerk empfahl, in dem sie selbst verankert und engagiert war und ist. Manche der Schwestern verlor ich in weiterer Folge aus Zeitgründen und durch Umzüge aus den Augen, freue mich jedoch jedes Mal, wenn ich einer von ihnen bei Festivals oder Autor/innen/treffen über den Weg laufe, Nachrichten von einer Schwester – mir persönlich bekannt oder nicht – in meine Mailbox purzeln. Deshalb ist die diesjährige GV in München auch eine höchst willkommene Möglichkeit, mir lieb gewordene ›Schwestern‹ wiederzusehen und neue kennenzulernen! 

 

V) Wie sehen Sie Ihren künftigen Weg als Autorin? Werden Sie weitere Krimis schreiben? Haben Sie möglicherweise schon Ideen dazu in der Schublade? Sehen Sie sich als künftige Krimiautorin? Oder denken Sie, das war ein einmaliger Ausflug, weil Ihnen genau diese eine Idee im Kopf herumschwirrte und künftig werden Sie sich eher wieder auf literarische Texte konzentrieren. Oder ist das vielleicht der Anfang zu vielen verschiedenen Ausflügen in weitere Genres, weil Sie sich schriftstellerisch breiter ausprobieren / aufstellen wollen? Wird es vielleicht mal einen Fantasyroman von Ihnen geben oder ein Kinderbuch oder gar einen Erotikroman?

Haben Sie diesbezüglich überhaupt einen Plan oder lassen Sie das alles einfach so auf sich zukommen?

Wie ich meinen zukünftigen Weg sehe? Darauf würden Sie an sieben Tagen vermutlich sieben verschiedene Antworten erhalten. Ich habe leider keine Tendenz zu satter Selbstzufriedenheit – mit Ausnahme vielleicht nach einem kulinarischen Hochgenuss in vier Gängen … Ein Adjektiv, das jedoch mit ziemlicher Sicherheit sieben Mal käme, wäre: ›Spannend.‹ Meinen Student/innen versuche ich zu vermitteln, dass in diesem Fach keiner jemals auslernt, dass es stets Neues zu entdecken gibt, Neues, an dem man sich erproben kann und soll, für mich liegt darin auch einer der Reize der Literatur. Jedes Romanprojekt ist ein Beginn beim Punkt Null. Man weiß nicht, was einen erwartet, weder welcher Arbeitsprozess, noch welcher Klangraum. Man klopft die Geschichte ab, und fragt sich besorgt, wird das Faszinosum halten? Trägt die Story, wie soll der Plot gebaut werden? Man beginnt das Figureninventar zu suchen, den Klangraum auszuloten, das Genre im weitesten Sinn. Und all dies liegt in jenen wenigen drei, vier Sätzen, im ersten visuellen Bild geborgen, im Ideenkeim. Und daraus entsteht alsdann das Universum; langsam, manchmal; in einigen Monaten, andere Stoffe benötigen Jahre. Und am Ende kommt irgendjemand und verpasst dem Ganzen ein Etikett, auf dem steht nun Roman, Krimi, Thriller, Faction, Reiseliteratur oder Kinderbuch, Jugendliteratur. Das Etikett ist Marketing: mich persönlich interessiert das nicht. Es hat die Langeweile aller Schubladen: Schön eckig und begrenzt. Ich überschreite lieber Grenzen, und finde, Spannungsliteratur darf literarisch sein, Literatur spannend und das Kinderbuch soll doch bitte auch Erwachsene faszinieren … Oder? Ich mag keine Halbheiten, Talfahrten finde ich, wenn sie nicht auf Skiern erfolgen, eher gruselig, ich will über alle Gipfel und den Sonnenaufgang sehen …  

 

VI) Haben Sie so etwas wie eine Ideenschublade, in der Sie alles aufbewahren, was Sie mal schreiben möchten? Oder setzen Sie um, was Ihnen spontan als Idee in den Sinn kommt? Oder aber lassen Sie sich leiten von dem, was gerade gefragt ist? Schreiben Sie z.B. im Auftrag oder nehmen einen Wettbewerb bzw. eine Stipendiumausschreibung zum Anlass, sich einen passenden Text / eine passende Geschichte auszudenken. Spielen Ereignisse aus Ihrem persönlichen Leben eine Rolle? 

Wie zum Beispiel kamen Sie auf die Idee, diesen Krimi zu entwerfen?

Ich bin eher eine Romancière als eine Kurzgeschichtenschreiberin, mir liegt der große Raum der Erzählung oder des Romans, der es mir erlaubt, einen Bilderbogen auszubreiten weitaus mehr. Solche Wettbewerbe sind dünn gesät. Und ja, natürlich, die Ideenschublade gibt es, aber um die Wahrheit zu sagen, ich habe noch nie hineingeguckt. Denn es verhielt sich bislang eher so, dass ich viel zu viele Ideen hatte, sie dort nur deponiere, um nichts zu vergessen – und dann nie wieder hineinsehe. Und diejenigen, die sich nicht ablegen lassen, weil sie sogleich zu wuchern beginnen, mich packen, aus denen entsteht dann dies - oder das. Die meisten entwickeln sich aus einer Beobachtung, aus diesem Zusammenspiel zwischen visuellem Reiz und einem Wort oder Satz. Das können sehr abstrakte oder philosophische Überlegungen sein, wie z.B. bei »Albors Asche« die Aussage, Mario Vargas Llosas, jedes ›schwere‹ Thema könne auch leicht erzählt werden, oder auch Aussagen, denen der Charakter des Absurden anhaftet wie bei »denn ihre Werke folgen ihnen nach«. Da war es eine Zeitungsnotiz über einen Verlagseinbruch, in dem es hieß, man gehe davon aus, dass die gestohlenen Manuskripte nicht gelesen worden wären. Am Beginn von »Flucht zum Arsch der Welt«, man sieht schon an der Veränderungsskala des Arbeitstitels die Veränderung des Romans – das wäre übrigens auch einmal eine spannende Ausstellung, finde ich – also am Beginn von »Flucht zum Arsch der Welt« stand ein persönliches Erlebnis, wenn Sie es so nennen wollen. Ich war auf dem Heimweg von einer Lesereise, zahlreiche Stunden Zugfahrt vor mir, und ich hatte während meines mehrtägigen Unterwegsseins den Roman, den ich mitgenommen hatte, ausgelesen, im Gepäck ansonsten nur den meinen, und die – für mich – höchst bizarre Situation am Hals, dass ich keinen in Arbeit hatte; der eine war gerade erschienen, der nächste lag schon im Lektorat; keiner im Entstehen, auch keine Erzählung, nada, nichts, niente. Ich ging also in die Bahnhofsbuchhandlung, in der hatte ich die Wahl zwischen alten Bekannten, Schrott und katastrophalem Schrott, die Zeit drängte, mein Zug fuhr gleich ab; ich schnappte mir also das Werk, welches mir thematisch spannend schien, wenn es mich vermutlich auch sprachlich nicht befriedigen würde, ging damit zur Kasse, stieg in den Zug. Es begann auch gut, wurde noch besser und zerbrach plötzlich irgendwo auf der Höhe von Ybbs in alle Einzelteile, und ich dachte, ich sollte mal wieder Genreliteratur schreiben, sah auf, weil jemand in den Waggon gekommen war, eine dreier Gruppe, ein Mann, zwei Frauen, und um die Wahrheit zu sagen: Ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Möglichst verstohlen, lieber mittels meines Mobiltelephons, bis ich den Laptop aufklappte und zu schreiben begann, denn mir gegenüber, in dieser Dreiergruppe, saß ›Isidora‹ und warf mir die Geschichte geradewegs in den Schoß. Einzig durch ihre Körpersprache und das Echo ihrer Umgebung darauf, so schnell wie in jener Nacht hörte ich wohl nie zuvor die Durchsage ›Wir erreichen in Kürze Wien Westbahnhof …‹  

 

VII.) Wie setzen Sie Ihre Ideen um? Sind Sie mehr der Typ Bauschschreiber oder die Planerin. Haben Sie den Krimi komplett geplottet oder sich da langsam hineingeschrieben? Erstellen Sie für Ihre Figuren ein Psychogramm, für den genauen Tathergang eine chronologische Skizze? 

Schreiben Sie chronologisch, nach der Schneeflockenmethode oder arbeiten Sie die Szenen aus, die Ihnen gerade am Herzen liegen / in den Sinn kommen?  Stellen Sie möglicherweise die Szenen später erst zusammen oder sogar um? Kommt es vor, dass Sie sich verzetteln und wie gehen Sie damit um oder hangeln Sie sich von vornherein an einem selbst verfassten Strang entlang? Bauen Sie Nebenstränge ein oder konzentrieren Sie sich auf die Haupthandlung, die Sie zielstrebig vorwärts treiben?

Was tun Sie bei Schreibblockaden, sofern Sie welche haben?

Ich beginne beinahe bei jedem Roman aus dem Bauch heraus, und komme irgendwann an den Punkt, einen Bauplan herbeizusehnen. Das kann bei Seite 23 oder 99 geschehen, vorhersehbar ist das nicht; und dann wird akribisch analysiert, bebildert und photographiert, Vernetzungen visualisiert … Meist liegt für mich der Wunsch nach einem Bauplan nicht im Werk, sondern in der Zeit. Oder ihrem unterbrochenen Charakter. Aufgrund von Lesereisen und Lehraufträgen bin ich gezwungen, meine Arbeit fortwährend zu stoppen, selten befinde ich mich in der luxuriösen Variante drei Wochen am Stück täglich schreiben zu können. Daraus entsteht Frustration und Unruhe – mir entfällt plötzlich die Haarfarbe, ich weiß nicht mehr, ob ich irgendwann davor erwähnte, dass … und würde ich in der Situation jedes Mal zurückblättern nachlesen, wäre ein Gutteil meiner Schreibzeit desjenigen Tages erneut um. Deshalb erstelle ich diese Baupläne. Und beende ich meine Schreibzeit folgt aus dem Schreibfluss des Tages heraus eine Stichwortsammlung für den nächsten Tag, der mir Wegweiser und Einstiegshilfe ist. Final entsteht dann während der Korrekturen nochmals ein zweiter Bauplan, in dem das Hauptaugenmerk nicht mehr auf der Handlung und deren Fortentwicklung oder auf dem Spannungsbogen liegt, sondern auf der Vernetzung der Elemente untereinander. Das ist in der Korrekturphase auch diejenige Arbeit, die mir am meisten Spaß macht, weil sie mit einem beinahe euphorischen Gefühl verbunden ist: Es ist alles da. Man sieht zum ersten Mal dabei auch das Werk im Gesamten – und das gibt mir die Kraft für den letzten, noch nötigen Endspurt.

Noch eines zum angesprochenen Thema der sogenannten Schreibblockade. Ich habe keine, weil ich sie mir, als freiberufliche Literatin, nicht erlauben kann. Das heißt, wenn es zu einem annähernd so zu nennenden Zustand in einem Manuskript kommt, sage ich mir, das sei ja alles kein Drama, gute Tage, schlechte Tage, wir kennen das alle, und es gibt noch den Essay, die Kurzgeschichte, die Erzählung, die fertigzustellen sind … und ich wechsle dorthin, im Hinterkopf darf währenddessen in Ruhe das zu lösende Probleme gären, aber ich muss es nicht anstarren, bis einer von uns oder beiden versteinern. Und hilft das alles nichts, kann man noch immer einen Gartenteich, ein Rosarium anlegen …

 

 

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Ausarbeitung des aktuellen Thrillers sowie auch für die Zukunft alles Gute, in der man sicher noch von Ihnen hören wird.