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Der Beginn dreidimensionaler Figuren oder was maskuline Literaturgeschichte gerne verschweigt: die Rolle der Literatinnen

Und mehr noch: Es war eine Frau, die in historischen Stoffen ihre Story fand, und die auf dieser Basis Entscheidendes zur Entstehung des Romans, wie wir ihn heute verstehen, beitrug. Denn bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts waren der Schäferroman und der historisch-galante Roman vorherrschend, welche sich »[…] an idealisierten gesellschaftlichen Werten orientiert[en] […].« (Nw., S. 213) Also überhöhte Minne und unwahrscheinlicher Edelmut, höfische Gesellschaft und Lobgesang auf diese. Doch keine Darstellung dreidimensionaler Charaktere aus Fleisch und Blut, mit Ängsten, Zweifeln, Sehnsüchten.

Diese Frau, welche aus den schablonenhaften Wesen der Literat*innen vor ihr wahrhaftige Protagonist*innen werden ließ, lebte im 17. Jahrhundert und hieß Marie-Madeleine de La Fayette – oder ›de Lafayette‹, wie sie sich selbst schrieb (R-F.). Sie war dem Grafen de la Fayette in einer Vernunftehe verbunden, die dazu führte, dass sie so viel Zeit wie irgend möglich fern des Ehemannes, der in der Provinz lebte, in Paris verbrachte; unter anderem der Anregungen des literarischen sowie geselligen Lebens wegen, welche ihr die Stadt und der Hof boten. Durch die Freundschaft mit La Rochefoucault und Madame de Sévigné lernte de Lafayette nicht nur den Kreis der Jansenisten kennen, sondern auch deren Sicht auf den Menschen. 

 

Jansenismus

 

Da jene vor allem in Frankreich verbreitete asketische Erneuerungsbewegung der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum eher unbekannt ist, gestatten Sie mir, diese grob zu skizzieren, damit der Einfluss jener Denkrichtung auf de Lafayette schlüssig wird: Der Jansenismus berief sich auf Augustinus und bildete einen Gegenpol zu den mächtigen Jesuiten. Ihre Anhänger vertraten die Auffassung, der sündige Mensch habe keinerlei Einfluss auf seine Erlösung. Sie kritisierten deshalb die Gnadenlehre der Jesuiten ebenso wie die Betonung der menschlichen Freiheit zum Guten seitens der Bettelorden. Auch das Gottesgnadentum der Monarchie war vor ihnen nicht sicher, und es überrascht daher wenig, dass die französische Regierung sich gegen den Jansenismus stellte und für die Jesuiten Partei ergriff.

 

Schreiben unter maskuliner Patronanz

 

Als Literatin trat Madame de la Fayette wie so viele andere ihrer Zeit nicht öffentlich auf. Sie hielt ihre Autor*innenschaft bedeckt. So erschien zum Beispiel ihr Hauptwerk »La Princesse de Clèves« unter dem Namen ihres Freundes Segrais, der selbst eher kein begnadeter Autor war, weshalb Zeitgenoss*innen auch gleich die Vermutung aussprachen, de Lafayette sei die Verfasserin. Sie jedoch leugnete ihre Autor*innenschaft vehement. Nur in der Korrespondenz mit befreundeten Adeligen vermerkte sie indirekt ihre Urheberschaft in der typischen verschleiernden Aussageart des 17. Jahrhunderts.

 

Erziehung zur Moral & Flucht 

 

»Die Prinzessin von Clèves« ist die Darstellung der Psyche einer jungen Frau, die aus Angst vor dem Leben und jedweder tieferen Emotion nicht zu leben versteht. In einer arrangierten Ehe ist die junge und behütete Frau dem Prinzen von Clèves verbunden, welcher sie leidenschaftlich liebt. Eine Verbindung, die sie aus Gehorsam gegen die Mutter, Respekt und eine Form wohlgesonnener Zuneigung für den Gatten, doch keinesfalls aus Liebe und sicher nicht aus Leidenschaft für ihn einging. Streng zu moralischer Aufrichtigkeit und Sittsamkeit erzogen, vor den Gefahren des Hoflebens samt Liebeshändel und Intrigen dezidiert gewarnt, mehrfach seitens der Mutter darauf hingewiesen, dies könne auch Frauen von Stand zu Fall bringen, verwundert die unterkühlte Art der jungen Ehefrau kaum. Und während ihr Mann darauf wartet, dass sie ihn zu lieben beginne, verliebt sich der Herzog von Nemours in sie. Dieser Emotionalität begegnet sie – wie gewohnt – mit Distanzierung. Je mehr de Nemours seinerseits entflammt, auf ein Zeichen ihrer Zuneigung drängt, um so mehr weicht sie zurück. Aufgrund ihrer nunmehr dominanten inneren Ruhelosigkeit entschließt sie sich zu einem verhängnisvollen Schritt und erzählt ihrem Gatten vom Tendre des Herzogs, das ihr nicht aus dem Kopf gehe, das sie erwidere. Die Intention der jungen Frau ist die Erlaubnis zu erwirken, fürderhin dem Hof fern zu bleiben, sich auf dem Landsitz zu vergraben und de Nemours nie mehr wiederzusehen. Es ist ein Geständnis, das verblüfft, weil es einerseits die Treue zu ihrem Gatten spiegelt, andererseits jedoch um ersehnter eigener Ruhe willen die Person des Empfängers der Nachricht, seine Emotionen völlig außer Acht lässt. Was dieses Geständnis in einem Mann, der sie liebt, bewirken muss, bedenkt sie keine Sekunde, wiewohl sie selbst die Eifersucht durchaus kennt, reagierte sie ja auf ebenjene Art, als sie vermutete de Nemours habe eine Tändelei mit einer anderen Hofdame.

 

Ein Ehemann ist keine Mutter

 

Wurzel allen späteren Übels ist also, dass sie die Mutter samt verinnerlichtem Regelwerk und Moralblick gegen den Gatten tauschte – sie sind kein Paar auf Augenhöhe, sondern ein Vater-Gatte und eine Kind-Gattin, was damals ohnedies gang und gäbe war, nicht jedoch, dass die Kind-Gattin keinen blassen Schimmer von Liebe hat, ihre gute wie zerstörerische Kraft nicht kennt, da sie vor lauter Bestreben um Moral und Sittsamkeit und Tugend nie gelebt hat. 

Dieses Geständnis der Verliebtheit in einen anderen setzt weitreichende innere Entwicklungen in Gang, welche die Literatin de Lafayette gekonnt darzustellen versteht: Das Vertrauen des Gatten ist zerbrochen, seine Eifersucht lässt ihn Gehörtes und Erlebtes missdeuten, eine Distanz in der Beziehung tut sich auf. Als de Clèves am Fieber erkrankt, teilt er ihr als letzte Worte mit, er sterbe wegen de Nemours und will ihr Versprechen, nach seinem Tod keinesfalls diesen Nebenbuhler zu heiraten. Tugendhaft wie sie ist, zieht sie sich von aller Gesellschaft zurück, schmettert de Nemours Ansinnen, nun endlich dürften sie doch ihre Liebe leben, mit vernichtenden Worten ab. Selbst diese letzte Chance, das Leben wahrhaftig zu leben, sich einzulassen auf Nähe, verspielt sie also und stirbt ihrerseits wenig später – samt all ihrer Sittsamkeit und Tugend.  

Verwoben mit dieser Haupthandlung ist die geschichtliche Ebene des Hoflebens rund um Heinrich II, die Machtkämpfe und Intrigen zwischen Königin und Geliebter des Königs, die Ereignisse am englischen Hof (Elisabeth), die Bestrebungen des französischen Hofes um Machterhalt und -ausweitung, und nach dem Tod des Königs – und dem damit einhergehenden Fall seiner Geliebten – der Aufstieg der katholischen Partei, der Erstarkung des Einflusses des Kardinals am Hof zu Zeiten des Regierungsantritts Franz’ II. 

 

Eine Studie der Selbstsucht

 

Was an allen Charakteren auffällt, ist ihre innere Zerrissenheit. Sie schwanken zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Ratio und Ängsten, zwischen ihren bewusst getroffenen Entscheidungen und dem trotzdem Ersehnten. Diese Protagonist*innen sind keine Superhelden mehr, deren Wille allein Berge versetzt. Im Gegenteil. Wie der gesamte Hof, der von Intrige und Geplänkel, Liebeshändel und Tratschereien lebt, feiert auch im Dreieck aus Ehepaar de Clèves und Herzog de Nemours die selbstverliebte Eitelkeit und Selbstsucht frohe Feste. Ganz zu schweigen von der Kunst der Selbsttäuschung, der Verdrängung und der zerstörenden Kraft der Eifersucht, die de Clèves das Leben kostet, während seine Gattin wie bereits erwähnt am Nichtgelebten stirbt.

 

Gekonnter Spannungsbogen –

sei das Werk nun ein Schlüsselroman oder nicht

 

Stilmittel, die Madame de Lafayette einsetzt, sind neben einer Betonung der dialogischen Passagen, in denen die Szenen gipfeln und in denen das Relevanteste thematisiert wird, außerdem auch eine Vorform des inneren Monologs, der zwar noch näher an der erlebten Rede ist, jedoch bereits Elemente des Selbstgesprächs aufweist. Zudem ist auch das Spiel mit divergierenden Wissensständen auffallend: Leser*in erfährt durch eine Figur ein Detail, und kaum schwenkt der Blick des auktorialen Erzählers zum nächsten Protagonisten, ahnen wir bereits das sich anbahnende Verhängnis, bevor es noch geschieht. Diese Technik steigert die Spannung, bereitet auf Tragisches vor und wirkt zudem an manchen Stellen komisch im Sinne klassischer Verwechslungskomödien.   

Abschließend sei aus dem Nachwort von 1912, verfasst von Paul Hansmann zitiert: »Man hat diesen Roman eine Herzensbeichte der La Fayette genannt und in der Cleve und ihrem Schicksal eine Verwandtschaft mit der Autorin, in Monsieur de Nemours de La Rochefoucauld gesehen und hat um so lieber deren amitié amoureuse damit beleuchten wollen, als die beiden Helden des Romans mitsamt dem unglücklichen Prinzen von Cleve frei erfunden in den streng geschichtlichen Rahmen des Romans hineinkomponiert sind. Sei dem wie ihm wolle [!], zuversichtlich wissen wir, daß nur eine edle, freimütige und wahrhafte Frau, die ein gutes Frauenschicksal hatte, dieses rührende, zarte Werk schreiben konnte, das seinen Platz in der Weltliteratur ewig frisch behaupten wird, denn in ihm wird der ernste Roman das erstemal zu einer Form der Kunst.« 

Abgesehen vom Schwulst über ›die Frau‹ hat Hansmann absolut recht: Es ist nicht relevant, ob dieses Werk nun ein Schlüsselroman sei oder nicht. Allein schon die gekonnte Darstellung der Beweggründe der Figuren, die Rolle des Werkes in der Entwicklungsgeschichte des Romans, verschafft der »Prinzessin von Clèves« einen Platz im Kanon der Weltliteratur. Lassen Sie sich bei Ihrer Lektüre nicht vom Beginn dieses Werkes entmutigen, wenn unzählige Namen der Hofgesellschaft auf Sie einprasseln. Ich verspreche Ihnen, das Figurenarsenal erreicht mit Sicherheit keine Tolstoische Dichte, und wenn einem als zeitgenössischer Lesender erst einmal klar ist, wer ›Madame‹ und wer ›Dauphine‹, wenn einmal erkannt, dass Herzog und Monsieur de Nemour ein und dieselbe Person sind, ist dieses Werk schlicht ein Genuss.  

  

 

Quellen:

Hansmann, Paul: Nachwort. http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-prinzessin-von-cleve-7452/6

Hess, Gerhard: Nachwort. S. 213–234. In: Die Prinzessin von Clèves. Stuttgart: Reclam 2015. (Nw.)

Rühe-Freist, Birgit E.: Marie-Madeleine de Lafayette. http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marie-madeleine-de-lafayette/ (R.-F.) 

Schäfer, Joachim: Jansenismus. In: https://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Jansenismus.html (S.)