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Ich bin kein Schicksalskind, mitleidig betrachtet!

 »Ich wollte möglichst bald selbständig werden und mich aus einer Art Finsternis ans Tageslicht hochkämpfen.« Dies ist einer jener Sätze in »Bleibende Spuren«, der gekonnt charakterisiert, was sich in einen Menschen einschreibt, der – als Jugendlicher noch – aus politischen Gründen aus seinem Land zu fliehen hat, um das eigene Überleben zu sichern.

Basrie Sakiri-Murati war noch keine achtzehn, als sie sich entschied in ihrem Gymnasium eine Rede zu halten, um andere Schüler*innen zu motivieren, den Streik der Bergarbeiter von Trepça im Februar 1989 im Nordkosovo durch einen Schweigeprotest in der Schule zu unterstützen. Wenige Wochen danach bereitete sie mit anderen eine Demonstration vor, mobilisierte die Bevölkerung der Region, sich für eine Republik Kosovo stark zu machen. Was sie dazu antrieb? Der Wunsch, einen Beitrag zur Freiheit zu leisten. Nichts anderes. Bedenkt man die kosovo-albanische patriarchale Gesellschaft jener Zeit, in der insbesondere in den Landgemeinden Mädchen nicht allein den Weg zur Schule zurücklegten, und das Leben einer verheirateten Frau auf das Haus ihres Mannes begrenzt blieb, außer sie hatte einzukaufen oder ein Arztbesuch tat not, verblüfft der Mut dieser jungen Kosovarin um so mehr.

Was sie zu ihrem politischen Engagement anregte? Ihr eigenes Nachdenken, das Vorbild der Freunde, ein älterer Bruder und vor allem die Literatur. Verbotene Schriften albanischer Autor*innen hatte sie von Freunden erhalten, ebenso wie Kassetten mit kritischen Liedern, die nicht erlaubt waren. Der erste Teil ihrer Erinnerungen schildert den Aufbruch in ein politisches Engagement; bald folgt das Abtauchen in den Untergrund, um einer Verhaftung zu entgehen. Von Versteck zu Versteck, kaum je länger als einige wenige Tage an einem Ort, im Schutz der Dunkelheit immer weiter. Als die Bedrohung zunimmt, entscheidet die Widerstandsgruppe, besonders gefährdete Personen sollen ins Ausland geschmuggelt werden. Basrie Sakiri-Murati, eine der wenigen Frauen und zudem deutlich jünger als die anderen, ist eine davon: »Wir fuhren durch Österreich und hörten melancholische albanische Heimatlieder. Bajram saß neben Bacë, […] und zeigte ihm den Weg. Ich schaute nach draußen in die schöne Landschaft und die stilvoll gebauten Häuser, die mit Blumen geschmückt waren. Immer wieder fragte mich Bacë, wie ich mich fühle. Mir ging es nicht gut. Ich war traurig und krank und hatte noch kaum etwas gegessen.« Eine weitere Grenzkontrolle galt es zu passieren, diejenige in die Schweiz: »Ich konnte die Augen nicht aufmachen vor lauter Erschöpfung. Vielleicht wollten sie auch nicht sehen, wo ich angekommen war, wo ich meine Jugend verbringen sollte. Ich war im Exil in der Schweiz, die ich nur aus dem Geografieunterricht kannte. Weit weg von meinem Zuhause, meiner Familie und allem, was ich liebte!!«

Dieser erste Teil der »Bleibenden Spuren« ist in auffallend einfacher Sprache gehalten. Hintergründe werden darin kaum reflektiert, weil dieser Teil der Schilderung im Jahr 1992 im Asylzentrum sowie an den ersten Wohnorten danach in der Schweiz entstand; und alle etwaigen weiterführenden Reflexionen zu Hintergründen, Entscheidungen und Verhältnissen dem momentanen Denken der damals 21-jährigen logischerweise präsent waren. Ein Vorteil dieser Entscheidung, dem ursprünglichen Text zu folgen und jene Erzählabschnitte auch im Nachhinein nicht wesentlich zu verändern, zu erweitern oder auf ein deutschsprachiges Publikum hin anzupassen, ist die Authentizität der Worte: Man spürt die Jugend dieser couragierten Frau in jeder Zeile!

Der zweite Teil des Buches, der im Jahr 2018 verfasst wurde und im Gegensatz zum ersten Abschnitt nicht auf Albanisch, sondern auf Deutsch niedergeschrieben ist, erzählt auf berührende Art und Weise von den Jahren im Exil, vom schmerzlichen Bruch mit allem, was zuvor das eigene Leben ausmachte und von dem Versuch, konstruktiv mit diesem harten Einschnitt umzugehen. Oder von der Spracheinsamkeit im Asylzentrum, in dem niemand Albanisch verstand. Von der Notwendigkeit die Worte ›Ich will Asyl!‹ auszusprechen, selbst wenn das Gefühl ›Ich will Nachhause!‹ schreit.

Fern der Geschwister, fern der Freunde, fern der Mutter – für einige Jahre bricht alles Selbstbewusstsein in sich zusammen: »Es ist ein beengendes Gefühl, Teil einer Gesellschaft zu sein und sich doch nicht als solcher zu fühlen.« Erschwerend kam der Beginn des Kriegs in ihrer Heimat hinzu: Vor dem Fernseher zu sitzen, zur Untätigkeit verdammt, ohnmächtig und hilflos mit ansehen zu müssen, was an den Orten ihrer Kindheit geschah, des Vaters Tod in den Nachrichten zu erfahren; tagelang keine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme, eine Belastung, die kaum vorstellbar ist; und daneben mehrere Jobs zur Zufriedenheit der Arbeitgeber erledigen, eine Ausbildung absolvieren, ihre beiden Kinder erziehen, den Haushalt führen – es wundert wohl niemanden, dass der Tag kam, an dem Bastei Sakiri-Murati weder essen noch schlafen konnte. Frappierend ist schon eher, dass ihre Kraft so lange währte! Aber Basrie Sakiri-Murati wäre nicht, wer sie ist, hätte sie sich nicht ›aus dieser Art Finsternis ans Tageslicht‹ zurückgekämpft …

Lernen will Basrie Sakiri-Murati, sich bilden, und den Kindern eine gute Mutter sein, den Geschwistern im Kosovo helfen. Kann bei all dem ihr Mann nicht mit, stänkert und bockt er, weil es ihm lieber wäre, sie bliebe an die Wohnung gekettet, trennen sich eben die Wege. Was eine Scheidung für eine Kosovarin selbst nach rund 16 Jahren in der Schweiz bedeutet, wird von Basrie Sakiri-Murati nur leise angedeutet. Ich gewann im Zuge meiner Recherchen zu den »Kosovarischen Korrekturen«, welche die gegenwärtige Situation im Kosovo fokussieren, den Eindruck, dass in dieser Gesellschaft die Emanzipation gerade erst beginne. Natürlich gab es Vorkämpfer*innen, Pionier*innen, aber für das Gros der Frauen im Land ereignet sich heutzutage, was unsere Mütter Ende der 1960er erstritten: Ein Sprechen über Physis, ein klares Anprangern von Vergewaltigung, Missbrauch, sexueller Belästigung, ein aktives Nein zur Gewalt in der Ehe: Dies sind alles Themen, deren Tabuisierung im Kosovo gerade erst aufgebrochen wird. Eine geschiedene Frau gilt in jener Gesellschaft bis heute als eine, die vermutlich nie mehr eine Beziehung leben wird … Deshalb erscheint mir Basrie Sakiri-Muratis so ehrlicher Lebensbericht um so wichtiger, denn viele Kosovar*innen sehnen sich danach, dass endlich darüber gesprochen werde!

Wertvoll auch die Einblicke in den emotionalen Spagat aller Asylant*innen zwischen Dankbarkeit für die Aufnahme in einem sicheren Land und der alltäglichen kleineren und größeren Verletzungen, die eben auch im ›neuen Land‹ passieren, weil Menschen eben Menschen sind. Gemeinheiten, Gleichgültigkeiten, versuchte Ausbeutung, Übergriffe – all das hinterlässt weitere Narben. Es sind Situationen, gegen die man sich – auch als Migrant*in! – zur Wehr setzen sollte, selbst wenn dem der fast schon zwanghafte Wunsch entgegensteht, man wolle unbedingt allen beweisen, dass man sich im neuen Land wohl fühle.

Basrie Sakirir-Murati, die seit vielen Jahren nun als akkreditierte Übersetzerin für Justizbehörden sowie für verschiedene soziale Institutionen und obendrein als medizinische Praxisassistentin arbeitet, schrieb ihre »Bleibenden Spuren« auch deshalb auf, damit dieser Teil der kosovarischen und europäischen Historie nicht verloren gehe, »[d]enn Geschichte«, so ist sie überzeugt, »wird nicht nur von Politikern geschrieben, sondern von den vielen Menschen, die schlechte Politik erleiden müssen.«

All dies zu notieren und gerade jetzt einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen, war ihr nicht primär um ihretwillen wichtig, sondern wegen der politischen Ereignisse nach 2015: Im Vergleich zu den Menschen, die aus Afghanistan und Syrien zu fliehen hatten, waren sie und ihre Landsleute zuvor weitaus freundlicher aufgenommen worden: »Bleibende Spuren« will zeigen, wie sich einerseits Flucht und Krieg dauerhaft einschreiben, aber auch, dass Asylwerbende anderes sein können als eine Last; oder ein zu bemitleidendes ›Schicksalskind‹.

       

  

Alle Zitate:

Sakiri-Murati, Basrie: Bleibende Spuren. Mein Weg vom Kosovo in die Schweiz. Zürich: Rotpunktverlag 2019.