· 

Lesereise Montenegro

Was im Flug über Montenegro sogleich auffällt, ist die Formation der Landschaft.: Ein felsiger Bergrücken reiht sich an den anderen, läuft ihm quer oder schmiegt sich an. Aus dem Fenster des Fliegers betrachtet, fragt man sich, wo da überhaupt die Etablierung eines Ortes möglich sei. Berge, Grün, blaue Flüsse dazwischen … Selten ein Dach, ein Haus … Eine Studentin erzählte mir, es gehe die Fama um, dass die ersten Bewohner*innen des Landes vom Meer her kamen. Alles, was sie sahen, waren Berge, die im diffusen Licht jenes Tages schwarz aussehen. So kam Crna Gora, wie es in der Landessprache für ›Schwarzer Berg‹ heißt, zu seinem Namen. Ein Fahrer, der öfters für die Universität tätig ist, holt mich mit händeschüttelnder Begrüßung wie eine alte Bekannte am Flughafen ab, bringt mich mit freundlichen Fragen nach Podgorica: Ob ich erstmals in Montenegro sei, wie der Flug verlief, und dass Montenegro ›früher‹ das Urlaubsparadies gewesen sei. Früher, das heißt hier immer in Zeiten des ehemaligen Jugoslawiens. Zu Titos Zeiten. Später wird man mir erzählen, dass man hier eine Tito-Statue errichtete – als sie andernorts lieber entfernt wurden …

Zypressen, Palmen, Olivenhaine und Weinberge entlang der Straße, in den Gärten um die Wohnhäuser Orangenbäume. Aufgrund der gebirgigen Geographie engt sich der zur Verfügung stehende Wohnraum ein, verdichtet sich in den Tälern, auf den Plateaus. In Podgorica selbst fällt als erstes die uneinheitliche Architektur aus Plattenbauten, neuen Luxushäusern und einstöckigen, kastenförmigen Bauten älteren Datums auf, deren Betonplatten von der Witterung erzählen. Doch im Vergleich zu Kosovos Hauptstadt Pristinë liegt weitaus mehr Ruhe in der Narration all dieser Bauwerke. Es dünkt einen eher eine gewachsene Struktur, denn eine hastig kreierte, deren  Fertigstellung von Beginn an schon fraglich war. Keine Bauruinen sind hier zu sehen, und an den wenigen unfertigen Häuser zeugt die Betriebsamkeit davon, dass sie noch im Prozess ihrer Entstehung sind.

 

Wenige Minuten, um meinen Koffer ins Zimmer zu schaffen, schon naht der nächste Termin: Antrittsbesuch in der österreichischen Botschaft, Abklärung aller Details für die morgige Abendveranstaltung, den Workshop an der Universität am übernächsten Tag, außerdem will auch die Bürokratie ihre Kugelschreiberspuren … Man würde sich freuen, käme ich heute Abend zum Stammtisch der Deutschsprachigen ins Restaurant P., der österreichische Lektor werde mich sicher gerne abholen. Davon bin ich nicht so überzeugt, dass ihm dieser Babysitterdienst konveniert, er ist seiner müden Augen wegen offensichtlich mit genug Arbeit eingedeckt. Andererseits weiß ich auch, um wie vieles einfacher mir diese Unterstützung den Lauf zwischen gedrängten Terminen macht, noch dazu, da ich aufgrund des umfassenden Programms als Stadtschreiberin – mir selbst auferlegt, ich weiß, ich könnte es gemütlicher haben – gleichfalls recht übermüdet hier ankam. Ich versichere also nicht, was mich meine Höflichkeit ansonsten zu tun hieße: Natürlich fände ich auch allein den Weg …

Wenn die Montenegriner über ihre Trottoirs jammern, tun sie ihnen unrecht. Die wenigen Stolperfallen sind so marginal, dass sie keineswegs jene Benennung verdienen. Auffallend ist auch die Sauberkeit. Man hält was – auf seinen gepflegten Rinnstein; kehrt und fegt den Gehsteig, reinigt mit Wasser … Keine wilden Müllansammlungen sind zu sehen. Das Wissen um den öffentlichen Raum als Besitz aller, um den Wert der Umwelt beginnt hier offenbar Einzug in das allgemeine Denken zu halten. Ebenso wie ›Reduziere deinen CO2-Fußabdruck‹, ›trenne Müll‹ und ›Iss gesund‹; statt Energy Drinks werden Kräutertees und Joghurtgetränke für die Balance beworben. 

Am Markt wird mir eine junge Frau ihre Kosmetik auf Basis von Lavendel und Immortellen zum Kauf anbieten: alles biologisch, keine Chemie, versichert ihr Mann mindestens sieben Mal, alles aus ihrem Garten, hier, das sei ein Photo … Sie steht etwas abseits, lächelt nur. Danach wird meine Tasche, mein Koffer nach Kräutern duften, warum nicht? Unsere Lavendel-Ernte war des jungen Stocks wegen ohnedies nicht so besonders.

Der Stammtisch der Deutschsprachigen ist eine lange Tafel, Tisch um Tisch wird dazu gestellt, die Größe der Gruppe wundert selbst diejenigen, die hierher kommen, um alle 14 Tage ein Bad in ihrer Muttersprache zu nehmen. Die österreichische Konsulin begrüßt mich mit gleichem Elan wie heute am frühen Nachmittag; offenbar wird Ute nie müde …

Ich komme neben einem Herren aus Deutschland zu sitzen, der in Montenegro für die EU tätig ist. Sogleich dreht sich das Gespräch um unsere beiden Arbeitsfelder, Politik und Literatur; natürlich ist auch Milošević Thema … Der Krieg, die Nachwirkungen – uns gegenüber sitzt ein Herr aus dem Baugewerbe, der in Deutschland aufwuchs, doch familiäre Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien hat – ›wir‹ sagt er, und meint wahlweise die Montenegriner*innen, die Deutschen. Wir – er, der andere Herr und ich – sind nicht einer Meinung, vor allem nicht in der Einschätzung der Kosovo-Albaner*innen – das werde ich noch öfters bemerken, während dieser Tage. Darauf hat mich der österreichische Lektor bereits im Vorfeld vorbereitet: Das Nachbarland habe einen scheelen Ruf, sagte er, und seine Bewohner*innen begegne man mit ähnlicher Distanz wie türkischstämmigen Mitbürger*innen in Österreich … 

Ist dem so? Im Gros vermutlich schon. 

Ich verabschiede mich vor Mitternacht, brauche dringend eine Mütze voll Schlaf, oder zwei oder drei, um für die morgigen Aufgaben fit zu sein. 

Im Hotel spricht das Personal fließend Englisch, man ist auffallend um die Gäste bemüht. Ab dem zweiten Tag kommt man mir vor dem Frühstückskaffee schon mit ›Morgen!‹ mit auffallend verkürztem -o- zu Beginn; wie viele akzentuieren, die aus dem slawischen Raum kommen, da ihnen unsere Vokallängen unnatürlich lang erscheinen. Es hat sich offenbar herumgesprochen, woher ich komme. Und dies wohl nicht nur wegen der eindeutigen visuellen Differenz zu der Busladung Chines*innen, welche die anderen Zimmer des Hotels füllt. Morgenmüd denk ich bei mir: Wieso tippen die auf Deutsch? Schließlich blieben doch einige andere mitteleuropäische Sprachen als ›eventuell denkbar‹ über, oder? Ich – noch dösig an meine Kaffeetasse geklammert – stelle fest, dass man mich offensichtlich anders behandelt: Der Kellner, der mein morgendlich verschlafenes Gesicht samt angestrengt unterdrückendem Gähnen beobachtet, serviert mir lachend einen Espresso; hält mich davon ab, das Angebotene am Frühstücksbuffet zu nehmen: Nein, nein, das sei alt, von gestern … Verstohlen öffnet er das Fach darunter, reicht mir anderes heraus. Ich weiß nicht, wodurch ich mir diese Liebenswürdigkeit verdiene oder ob es schlicht damit zu tun hat, dass offenbar niemand in ›einer Welt‹ leben kann, wir, Menschen immer die Tendenz haben sie zu teilen – und sei es nur in: was uns näher, was uns ferner?

Oder ist mein entsetztes Gesichts verantwortlich, über die devastierten Reste, welche die hastig Abreisenden am Buffet zurückließen? Auf den Tellern hingegen unzählige angebissene Überbleibsel. Ich denke an die Chefin des Boutique Hotel Hausers, die mir ähnliches über den Alltag in ihrem Hotel berichtete: Obst geplündert; Kuchen, Brot, Würstel gekostet und nach einem Bissen zurückgelassen … 

Zwei Student*innen der Germanistik haben sich bereit erklärt, mich durch Podgorica zu führen. Lejla will Übersetzen werden, Jana Radičevič hat soeben ihren ersten Gedichtband publiziert. In einem serbischen Verlag, und darüber sei sie besonders froh, da jener bekannt für sein strenges Lektorat sei, nicht jede*r werde aufgenommen. Und vielleicht, vielleicht erscheine so ihr Band auch in Serbien, wer weiß?

Was mich interessiere, fragen die jungen Frauen.

»Ein ganz normales Wohnviertel«, antworte ich. Unsicher sehen sie einander an. Ich exemplifiziere, dass mir diese Gegend hier doch recht aufpoliert erscheine: Prachtbauten, breite Boulevards, Sauberkeit.

»Nun, das ist eigentlich typisch.« Ein bisschen schmaler seien die Straßen in der Altstadt, dort würden doch wirklich ›ganz normale Leute‹ wohnen, oder, erkundigt sich die eine bei der anderen. Sie sind sich nicht sicher.

Wir spazieren los, und ich beginne zu fragen: Das Durchschnittsgehalt im Land betrage zwischen 400 und 500 Euro, sagen sie. Davon werde ein eher geringer Teil für die Wohnungen aufgewandt, denn die meisten besäßen ihre Unterkunft – noch aus früheren Zeiten, geerbt von Mama und Papa, die ›früher‹ … Auch die meisten jungen Menschen leben bis etwa 30 bei Mama und Papa, da eine eigene Wohnung kaum zu finanzieren sei. Oder sie haben ein Zimmer im Studentenwohnheim, was 6 Euro je Monat koste.

»Gibt es Obdachlose?«

»Nein. Die gibt es nicht«, sagt die eine.

»Nicht wie in Berlin«, fügt die andere hinzu.

Ich schweige. Dass sie nicht existieren, entspricht schlicht nicht meiner Wahrnehmung. Ich sehe sie ja – in den Parkanlagen, aufs Trottoir gebettet. Deutlich ist, dass die beiden nicht darüber sprechen möchten, sie wechseln assoziativ das Thema: Wenige im Land seien sehr reich, andere hingegen decken gerade ihre Lebenskosten mit ihrem Verdienst – oder um es anders zu formulieren: Sie leben auf Null. So wird es der österreichische Lektor nennen, um im nächsten Satz in den Raum zu stellen: Dadurch dass Kündigungsschutz wie Arbeitsrecht und Krankenversicherung allgemein eher problematisch seien, könne es eben leicht geschehen, dass jemand den Boden verliere …

Die Welt, erzählen mehrere, ist auch hier eine des schönen Scheins: Man besitzt 2-3 Autos und ebenso viele Mobiltelephone, um den eigenen Status zu behaupten. Schulden sind folglich Alltag.

»Weißt du, Zeit für einen Kaffee hat hier ein jeder. Immer. Aber nicht für Kultur. Dafür will man kein Geld ausgeben«, sagt Jana. Dementsprechend trist sei auch die Kunstszene. Sie möchte nach Graz, für ein Semester, Graz, so habe man ihr gesagt, sei wunderschön und habe eine lebendige Kunstszene …

Graffiti an vielen Hausfassaden, teilweise wahrlich künstlerisch interessante Bilder, manche die später zerstört wurden, übermalt. Vielerorts auch politische Inschriften oder Rap-Texte, flankiert von den üblichen verdächtigen Hinterlassenschaften des mehrsprachigen Ich-liebe-dich und Für-immer; aber sicher. Zudem die Ergänzung ›1988‹ im Raum der Universität – ein Hinweis auf die anti-bürokratische Revolution, wie sie hier genannt wird.

Überreste aus römischer Zeit, die wollen sie mir zeigen, die malerische Seite der Stadt also – leider, leider fließe nun so wenig Wasser, sagen die beiden Studierenden, und mit Bedauern blicken sie hinunter, wo nur ein Bachbett ohne Bach ist. Als würde es den Reiz des Ortes mindern, dass er von einer Zukunft erzählen kann …

»Das wird der Winter wohl erst bringen, nicht …?«, frage ich.

»Ja.«

In jenem aufgelassenen Hamam sei nun ein Kaffee und eine Buchhandlung untergebracht   In den Cafés wird neben türkischem Kaffee und Espresso sowie den italienischen Milchkaffeevarianten eine Sonderbarkeit angeboten, die ich lieber nicht probiere: ›Deutsch coffee‹ genannt. Vielleicht fragen mich Kellener*innen auch deshalb stets mehrfach, ob ich mir wirklich sicher sei, dass mich ein türkischer bzw. ein Espresso glücklich mache …

»Ja, bitte, und kein Zucker und doppelt obendrein.« Wenigstens vor der Lesung am Abend muss auch für mich Zeit dafür sein, und während ich ihn noch genieße, weiß ich bereits, ich werde auf meiner Weiterreise das herrliche Aroma vermissen. Nirgends schmeckt Kaffee so köstlich wie in Italien, Spanien, Frankreich – oder am Balkan!

 

Abends im KIC Bodo Tomović – der Veranstaltungsort stellt sich als Kino heraus. Ein Professor für Germanistik an meiner rechten Seite, er wird übersetzen; der österreichische Lektor an meiner linken Seite stellt die Fragen: Ein angenehmes Setting, denn es gibt mir Zeit, über die Antworten in Ruhe nachzudenken. Die Studierenden aus Nikšić haben meine Erzählung »Tote Seelen« übersetzt, die in »Unzeit« erschienen ist. Eine ausgezeichnete Arbeit, bestätigt mir die Abteilungsleiterin des Instituts. Ungemein engagiert auf jeden Fall! Es muss sie Stunden gekostet haben.

Wir haben uns zu sputen, denn der Saal wird im knappen 1,5 Stunden-Takt bespielt. Vielleicht stellt es sich final sogar als Glücksfall heraus, dass wir nicht fertig werden, denn die österreichische Botschafterin und die Konsulin, die Wein aus Österreich für das Buffet dieser Veranstaltung mitgebracht haben, äußerten zuvor schon Sorge, ob der Ortstransfer des Come together und der Getränke wegen, klappen würde. Doch die Diskussion der Publikumsfragen steht noch aus, welche die Zuhörer*innen auf die Rückseite von Morgensterns »Fisches Nachtgesang« notierten, den ich zu meinem Intro in den Abend nutzte. Natürlich ist Handkes Nobelpreis eines ihrer Themen: Was ich darüber dächte …? Wir debattieren drei Stunden höchst angeregt über Unzeiten, Literatur, Schreiben, literarische Landschaft allgemein. Ich verabschiede mich, droht mir doch der gnadenlose Weckruf früh am nächsten Morgen … 

 

Viertel nach sechs Uhr morgens: In der Stadt pulsiert bereits der Verkehr. Eine Nation der Frühaufsteher*innen; gezwungenermaßen, wie man mir später sagen wird. Da die jetzige Regierung die Arbeitszeit aller derjenigen, die in ihrem Dienst tätig sind, auf 7 bis 15:00 Uhr vorverlegt hat, erklärt sich die morgendlich rege Tätigkeit von allein. Auch die Schulen beginnen mit 7:30 eher früh. Läden hingegen öffnen ›erst‹ um 9, und haben bis 21: 00 Uhr Betrieb. Supermärkte gar bis 22:00 Uhr. Bis vor kurzem, so erzählt man mir, hätten alle Lebensmittelläden auch am Sonntag geöffnet gehabt. Ein Familienleben erleichtert die Neuerung sicherlich – auch wenn es manchen nicht gefällt, dass sie nicht am Sonntag kurz noch dies und das Vergessene besorgen können …

Mich verwundert bei all der motorisierten Betriebsamkeit auf den Straßen, den fehlenden Ampeln, den querenden Fußgängern wie exzellent ihr Einfädelsystem funktioniert, oft ohne zu blinken, Rechtsabbieger nehmen den Gehsteig – allem Anschein nach klappt es trotzdem prima, immer wieder knapp aneinander vorbei.

Wir fahren über Land. Morgennebel hängt zwischen den Bergkuppen in den Tälern, einer der sich in wenigen Stunden in Nichts zerstreuen wird, um sommerlicher Wärme Platz zu machen. »Eine schöne Landschaft allein macht nicht glücklich«, wird die Institutsleiterin zu mir sagen, die mich an diesem Tag abholte, um mich zum Workshop nach Nikšić zu bringen. Ich hätte sie gerne nach ihrer Ansicht gefragt, wessen es ansonsten bedarf …

 

 

(»… wer die Welt öffnen will, muss sich selber öffnen …«)

Die Studierenden, die gestern noch so gesprächig und rege waren, wirken matt. Als wäre alle Energie verpufft. In ihnen. Bloß nicht sich äußern, sich ja keine Blöße geben. Was im ›Raum‹ der Stadt allgemein und des Kinos im besonderen möglich war, verhindert der Lehrsaal. Es wundert mich nicht wirklich! Die Universität scheint mir kein Bau zu sein, der den lebhaften Geist fördert. Ich denke an Jana, die mir am Vortag ein Regierungsgebäude aus der Jugoslawienzeit zeigte:

»Ein Sterbebett. – Oder wie heißt das?«

»Ein Sarg«, korrigiert Lejla.

 

 

Aber ich fand, Jana hatte recht. Auch die Universität ist so ein Sterbebett. Daran ändern weder die Steinsäulen etwas noch die blaue Leimfarbe an den Wänden etwas, die offenbar etwas Leben dem Bau einhauchen sollte. Da mag auf dem Plakat in Riesenlettern stehen: »Wissen ist in Mode. Ein Verdienst« - oder sollte es heißen »Modernes Wissen ist ein Verdienst.«? – Ich bin mir nicht sicher. Mein Tschechisch mag zwar für Werbeplakate und Speisekarten genügen, aber um komplexere Hinweise zu verstehen, reicht es nicht aus. So oder so, die drei jungen Leute am Plakat haben mühsam mittels Leiter den überdimensionalen Stapel an Druckwerken zu erklimmen, während sie obendrein in einem Buch lesen …

Die Studierenden zur aktiven Mitarbeit zu bewegen, bedarf so viel charmanter Energie und Geistesgegenwart wie das Besteigen des Mount Everest! Als ich final eine offene Fragestunde einläute, melden sich immerhin diejenigen, die sich am wohlsten in der Fremdsprache fühlen häufiger.

Auffallend ist zudem, dass die Fragen, die sonst meist in Schulen gestellt werden, fehlen: Keiner will eine Auskunft über die Einkommensverhältnis oder den autobiographischen Gehalt meines Schreibens. Stattdessen interessieren vor allem die Arbeitsmodi. Ohnedies die sinnvollere Frage, meines Erachtens.

Rückweg von Nikšić im Auto. Die Abteilungsleiterin unterhält sich mit der Professorin der Anglistik, die im Fond des Wagens Platz genommen hat: Der eklatante Abbau der Ressourcen der philosophischen Fakultät, der auch bei der Hinfahrt schon Thema war, dominiert erneut. Insbesondere, dass Veränderungen stets von heute auf morgen beschlossen werdenn, es keine Übergangszeiträume gebe, ärgert. So wurde entschieden, dass Studierende der Naturwissenschaften keinerlei Fremdsprachenkenntnisse mehr benötigen, mitten im Semester. Die Tendenz, die Existenzberechtigung der Philologie, der Philosophie in Frage zu stellen, ihren Wert für die Gesellschaft als marginal zu bezeichnen, verärgert die Professor*innen, mit denen ich unterwegs bin, und der permanente Rechtfertigungsdruck der kulturphilologischen Studienfächer widerspricht ihrer Sicht auf unsere heutige Welt, in der doch gerade sprachliche Kompetenzen, kreative Köpfe, eigenständiges Denken und soziale sowie emotionale Intelligenz  gefordert sind. 

 

Am Abreisetag viel zu früh am Flughafen, ›aerodrome‹ heißt er hier. Der Taxifahrer: Das gehe sich ganz problemlos aus, um nicht zu sagen: viel zu früh … – Das ist meine Macke, sage ich, verschweige, dass ich es nicht mag auf gepackten Koffern zu hocken. Ddie Dame hinter dem Schalter im Flughafen: Ich solle mir keine Sorgen machen, alles werde prima klappen, web check-in gäbe es nur am Bildschirm, rein theoretisch, in der Praxis öffne der Schalter schlicht eine Stunde vor Boarding; und die Passkontrolle eine Stunde vor Abflug, entspannen Sie sich … Ich sitze vor dem Flughafen, sehe dem Stadtgärtner dabei zu, wie er Violen anpflanzt, genieße den angenehm frischen Morgen, der dennoch die Wärme des kommenden Tages ahnen lässt. Von diesem werde ich nichts haben … Für mich geht es weiter nach Frankfurt zur Buchmesse …

Kaum im Hotel in Frankfurt angekommen, geht am Trottoir eine junge Frau vorbei. Aufgeregt schreit sie in ihr Mobiltelefon: »Du! Die Buchmesse! Die ist so toll geworden! Das glaubst du gar nicht! So toll!« Ich staune über ihr Deutsch, lache über mich selbst: Es wird ein wenig dauern, bis ich wirklich ankomme, ich weiß; eine Nacht mindestens. 

 

Im Einschlafen schon denke ich an das Puschkin-Denkmal in Podgorica … und dass ich noch immer nicht weiß, wer die junge Dame an der Seite des Literaten ist, deren Hand einem Glück bringt … Auf die Tafel an der Uni hatte ich Omen, Weissagung zu schreiben …