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Virginia Woolfs »Ein Zimmer für sich allein« oder: Im Dialog mit Antje Rávik Strubel über dringend nötige Orgien und den Rausch

Der 1929 erstmals in Buchform im Woolfschen Verlag »The Hogarth Press« publizierte Essay »Ein Zimmer für sich allein«, den Virginia Woolf gern ›ein Kinkerlitzchen‹ nannte, zählt heute zu einem der wichtigsten Beiträge zur Literaturgeschichte der Frauen und ist ein noch immer lesenswerter Klassiker der Weltliteratur. Insbesondere in der Neuübersetzung von Antje Rávik Strubel, erschienen im Schweizer »Kampa Verlag«, die damit punktet, dass in dieser Textform der augenzwinkernde Witz Virginia Woolfs, der feine Schliff ihrer Prosa erstmals in deutscher Übersetzung wahrhaftig spürbar wird. 

Das Übersetzen, so mein Eindruck, gewinnt gegenwärtig im Arbeitspensum der Literat*innen allgemein an Präsenz. Was logisch dünkt, bedenkt man verstärkt vorkommende Mehrsprachigkeit sowie den Wunsch nach Welthaltigkeit und Weite, sei es weil wir uns als überzeugte Europäer*innen definieren oder weil wir in einer globalen Welt leben, unsere biographischen Hintergründe auch durch Ortswechsel oder Migration geprägt sind.

Erst der fokussierte Blick auf die Literaturgeschichte zeigt, wie zahlreich sich Literat*innen seit der Aufklärung mit eigener und fremder Sprache auf diese Art beschäftigten, wobei auffällt, dass Literaten dies offensichtlicher taten als Literatinnen, die oft eher als redigierende, dienstbare Geister im Hintergrund tätig waren, statt selbstbewusst ihren Namen als Übersetzerin einzutragen und damit zu riskieren, dass die Publikation per se scheitern könnte.

Neugierde, Entdecken-Wollen anderer Welten, sich mit Weltliteratur vertraut machen, aber auch das eigene Sprachbewusstsein anhand der Übersetzungstätigkeit schärfen waren die Motive dieser Ahnherren und -frauen und sind es auch heute noch. Zusätzlich zu jenen stellt für die Übersetzer*innentätigkeit der zeitgenössischen Literat*innen auch die nötige Mischkalkulation einen weiteren Beweggrund dar: Übersetzen ist neben originärem Schaffen eine weitere Einkommensquelle geworden, die nahe an dem liegt, was die meisten von uns Autor*innen als ihre eigentliche Arbeit begreifen: die Beschäftigung mit Sprache, mit Strukturelementen. 

 

Marlen Schachinger (MS): Wie siehst du, Antje, das, wie verhält sich das bei dir? Was waren deine Beweggründe auch übersetzend tätig zu sein? Bereichert es dein Schreiben oder hemmt es dieses? Aus welchen Sprachen übersetzt du?

 

 

Antje Rávik Strubel (Credit: Zaia Alexander)
Antje Rávik Strubel (Credit: Zaia Alexander)

Antje Rávik Strubel (ARS): »Ich habe angefangen, neben dem Englischen auch aus dem Schwedischen zu übersetzen, was aufregend ist, da das Schwedische sprachgeschichtlich wie ein Bindeglied zwischen Deutsch und Englisch steht. Das rein Sprachliche macht mir durchaus Spaß. Ich bin jemand, die gern unterwegs ist und fremde Landschaften erkundet, und beim Übersetzen komme ich mir genauso vor: wie eine Forscherin, die sich in unbekannte Gebiete vorwagt. Auslöser war Joan Didion. Ich entdeckte eines Tages ihren Roman »Demokratie«. Die Schriftstellerin war mir völlig unbekannt, aber mit einem Schlag war ich gefangengenommen. Dieser Präzision, dieser Schärfe, diesem Rhythmus wollte ich unbedingt auf den Grund gehen. Also fing ich an, sie zu übersetzen. Damals war gerade »Das Jahr magischen Denkens« in den USA erschienen, und bei Claasen, die die deutschen Rechte gekauft hatten, fand mein Vorschlag, sie zu übersetzen, glücklicherweise Gehör. Bis heute übersetze ich nur, was mich leidenschaftlich packt. Wovon ich so begeistert bin, dass ich es in meiner Sprache wiederfinden möchte. Auf meine eigene literarische Arbeit hat das Übersetzen insofern Einfluss, als ich im Abgleich mit dem Fremden besser verstehe, was ich selbst tue. Auf Lieblingsworte oder -formulierungen der jeweiligen Autor*innen zu stoßen, ist jedesmal ein großes Vergnügen. Seitdem fallen mir eigene Macken viel stärker auf. Indem ich der Machart eines Textes auf den Grund gehe, lerne ich natürlich auch, verschiedene Schreibtechniken und ästhetische Herangehensweisen in der Tiefe zu verstehen. Mein eigenes Repertoire vergrößert sich, aber vor allem macht mich das glücklich, denn näher ist wohl niemand der jeweiligen Autorin gekommen! Schließlich war Didion der Ansicht: Die Art, wie eine Autorin Sätze baut, zeigt die Art, wie sie denkt.«

 

MS: Im Intro deines Nachworts in der Kampa-Ausgabe des Essays »Ein Zimmer für sich allein« sagt eine ›Frau in Rot‹, der das erzählende Ich zufällig begegnet, zu ihrem Begleiter, der sie photographiert: ›Bitte mach ein Bild ohne deinen Schatten auf mir.‹; bevor eine Professorengruppe Revue passiert, die sich darüber mokiert, dass ›Professor‹ als allgemeine Berufsbezeichnung manchen nicht mehr genüge, wodurch du im Setting deines Essays den Bogen vom Schatten zur Sprache ziehst. Wie würdest du sagen legt sich der ›Schatten‹ der Jahrhunderte in den fabrizierten Bildern, die dadurch bis in unsere Gegenwart wirken, in die Sprache? Und wie gehst du in deinem Schreiben, deinem Übersetzen damit um? Ist es – implizit – Thema?

 

ARS: »Ich mag keine Texte mehr lesen, in denen die männliche Bezeichnung die Oberhand hat. Dagegen hat sich bei mir mittlerweile eine geradezu körperliche Abwehr gebildet, und das, obwohl in der DDR, aus der ich ja komme, Frauen so selbstverständlich der männlichen Berufsbezeichnung unterstellt waren, wie sie tatsächlich auch als Ingenieure, Busfahrer, Informatiker, Chemiker oder Fluglotsen gearbeitet haben. Meine Mutter beispielsweise war Wirtschaftsingenieur. Schlechter bezahlt waren die Frauen trotzdem. Letztendlich war das so verlogen, wie es die umgekehrte Version in der Bundesrepublik heute noch ist: hier dürfen sich Frauen schon länger durch das große ›I‹ sprachlich anerkannt wissen, werden aber viel seltener Wirtschafts-, oder gar BauingenieurIn. In der Literatur jedenfalls bin ich fürs Spielerische. Wo, wenn nicht in der Literatur, kann Visionäres in Worte finden? Literatur hat die Möglichkeit, ein Spielplatz zu sein, auch, weil sie gesellschaftlich gesehen, nicht im Rampenlicht steht. Davon gehe ich beim Schreiben aus. Also: weg mit den Schatten, her mit dem Licht.«  

 

MS: Du schreibst in deinem Nachwort weiters, was dich an Virginia Woolfs Essay »Ein Zimmer für sich allein« begeisterte, war neben Zwanglosigkeit und Offenheit, auch Woolfs Unbeirrtheit des Denkens, die Aktualität der Thematik und die Genauigkeit ihrer Analyse, die obendrein dynamisch, verspielt und elegant verfasst ist, sowie ein bestimmter Satz: »Mit etwas Zeit und etwas Bücherwissen im Kopf […] sollten Sie auf jeden Fall zu einer weiteren Etappe Ihrer sehr langen, sehr mühevollen und höchst undurchsichtigen Laufbahn aufbrechen.« (Vgl.: ARS, Nw, S. 174). Ein herrliches Beispiel für Woolfs wunderbaren Humor! Jedoch: Wer sich in das Übersetzen einer solchen Säulenheiligen wagt – oder um genau zu sein: in das neuerliche Übersetzen –, äußert dabei implizit immer auch Kritik an bisherigen Fassungen. Bereitete dir dieses Faktum keine Sorgen? Oder würdest du sagen, solche Reflexionen sind ein Luxus, den man sich erst einmal leisten können muss?

 

ARS: »Ich hatte Skrupel! Woolf übersetzen zu wollen, diese wortgewaltige, visionäre Jahrhundertschriftstellerin, die so spielerisch sprachliche, imaginative oder gedankliche Grenzen sprengt, dass selbst Nabokov, ein anderer genialischer Spieler der Literatur, unverhohlen neidisch auf sie war; das kam mir fast wie eine Anmaßung vor. Aber wie das obige Zitat zeigt, hat Woolf eine sehr wirkungsvolle, heitere Art zu motivieren. Sie schien zu sagen: Warum so zögerlich? Wenn du es nicht machst, macht es jemand anders, und warum sollte es jemand anders besser machen als du? Außerdem bildete ich mir ein, entdeckt zu haben, dass Joan Didion einiges von Woolfs Stil gelernt hatte. Das weckte meine detektivische Neugier. Und ich entdeckte, dass die bisherigen Übersetzungen qualitativ sehr unterschiedlich sind und ihnen immer etwas fehlt. Eigentlich wird nur die Übersetzung im S.Fischer Verlag dem Original einigermaßen gerecht. Aber so korrekt sie auch ist; auch ihr fehlt es an Leichtigkeit. Der Witz, der Esprit, die Dynamik, das Funkeln des Intellekts und die Zeitlosigkeit, die Woolfs Stil so einzigartig machen, sind im Deutschen nur unzulänglich wiedergegeben. Genau darin habe ich meine Aufgabe gesehen.«

 

MS: … und mit Bravour gemeistert, Chapeau! Ich fand ihn höchst vergnüglich und Gedanken anregend zu lesen. In deinem Nachwort ziehst du – halb ernst, halb scherzend – von der Ich-Problematik (Schreiben auch im Bewusstsein, Frau zu sein) außerdem den Bogen zur Reflexion, dass Politik in der Literatur zu meiden sei, bzw. wenn sie sich schon in einen Essay dränge, so spiele man sie herunter, halte im Text einen charmant, gewitzten Ton, sonst drohe eventuell ›Kopf ab‹ – und du verweist auf Virginia Woolf und ihre »Drei Guineen«: Eine höchst hellsichtige Arbeit der Britin, die ihr jedoch eine Menge Ärger bescherte. Wie gehst du als Literatin mit dieser Thematik um: Spielt Politik in deinen Erzähluniversen eine Rolle? Und welche?

 

ARS: Alles Politische aus dem Schreiben und der ästhetischen Vision herauszuhalten, ist ein Diktum, das Virginia Woolf für sich aufstellte. Ich würde das nicht so rigoros voneinander trennen. Und ihr gelang das eigentlich auch nicht. Vielleicht wollte sie das, aber durch die Hintertür schleicht sich eine Gesellschafts-und Sozialkritik beispielsweise in »Die Wellen« ein. Und »Orlando« ist bei all seinem Fantasiereichtum auch eine Kritik an der traditionellen Frauenrolle und der Zweigeschlechtlichkeit. Und da sehe ich mich in meiner Literatur durchaus in einer Tradition: Wenn ich beispielsweise in einer Erzählung über Körper schreibe, die in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht oder kaum sichtbar sind, Körper jenseits der Heteronormativität, ist das für mich ein politischer Gestus ganz im Sinne von Woolf. Auch in meinen ersten Romanen, die sich mit dem Ende der DDR und den Schwierigkeiten der Wiedervereinigung beschäftigen, verhandle ich auf künstlerische Weise gesellschaftsrelevante Themen. Mein Schreiben hat also mehr oder weniger immer mit dem gesellschaftlichen Kontext zu tun, in dem ich mich befinde.«

 

MS: Schreiben solle, wer es als ein Muss empfinde, um in dieser Welt leben zu können, schrieb R. M. Rilke; das verbindet sich gegenwärtig oftmals auch mit Zorn, einem anwachsenden, so nehme ich es wenigstens an mir war. – »Es ist für alle, die schreiben, tödlich, an ihr Geschlecht zu denken«, schrieb Virginia Woolf. Und in deinem Nachwort heißt es: ›… zornig schreibt es sich so schlecht wie hungrig‹. Kannst du das erläutern?

 

ARS: »Dass der Zorn keine geeignete Triebkraft literarischen Schreibens ist; darin stimme ich mit Virginia Woolf überein. Zorn ist blind, aus Zorn entsteht Propaganda. Ich bin oft zornig. In den letzten fünf, sechs Jahren hat der Zorn nicht nur bei mir, wie mir scheint, exponentiell zugenommen. Wenn es gut geht, und der Zorn sich legt, bin ich in der Lage, nach den Ursachen zu forschen. Und dann wird die Sache interessant. Was ich sagen will: Nicht Emotionslosigkeit ist die schriftstellerische Voraussetzung. Sondern ich glaube, es braucht beim Schreiben eine reflektierte Emotionalität.« 

 

MS: D’accord, absolut! Auch wenn mir der Keim der Ideen oft aus dem Zorn über Zustände und Verhältnisse kommt, legt sich – sobald ich zu schreiben beginne – eine Kühle über den Stoff, die stetig anwächst, um in den finalen Bearbeitungsrunden zu einem nüchternen Blick gewachsen zu sein, sodass eine möglichst unverstellte Sicht auf das Entstandene gegeben ist, um es auch hinterfragen zu können. Doch ich glaube, wenn es in mir jenes Muss des Schreibens nicht gäbe, wenn mir literarisches Schaffen gleich bedeutsam wie ein Waldspaziergang wäre oder mit Pinsel und Farbe, ich würde keine Zeile auf das Papier bringen: Wozu auch?

 

ARS: »Nichts gegen die Berauschtheit, die ein Waldspaziergang auslösen kann! Aber es gibt noch einen anderen Rausch, den des Schreibens. Ich schreibe in erster Linie, um in diesen Rauschzustand zu geraten. Wenn es gelingt, macht mich das Schreiben high. Und kostbar ist es deshalb, weil diese Zustände nur den geringsten Teil der Arbeit an einem Roman ausmachen. Aber jedesmal, wenn ich mich wieder an den Schreibtisch setze, denke ich; heute klappt es bestimmt.« 

 

MS: Das erinnert mich an die ›Feuerlilien Verfassung‹, so nennt es die wunderbare Friederike Mayröcker. – Wie aber Schreiben, ohne daran zu denken, dass mich andere als Frau definieren, wenn mich die Umgebung fortwährend daran erinnert? Der Marktwert der Jungautorin sinkt mit jedem gelebten Jahr, während derjenige des Jungautors steigt; selbst wenn sie klug, gewitzt und talentiert ist, nutzt ihr Weltwissen kaum etwas. Der Marktwert einer Autorin wird nach wie vor – oder zusehends wieder! – vom Faktor bestimmt, ob Mann sie vögeln will. Dann ist sie der Publikation wert, dann wird sie auf das Podium gesetzt, dann darf sie den Mann bewundern, solange sie sich knapp unter seine Augenhöhe duckt. Virginia Woolf schrieb mit dem ihr eigenen pointierten Witz die Wahrheit, dass es »[…] jammerschade [wäre], wenn Frauen schreiben würden wie Männer oder leben würden wie Männer […]«, selbst wenn sie nur so aussehen wollten wie jene, denn schon zwei Geschlechter seien ziemlich unzureichend, angesichts »[…] der Weite und Vielfalt der Welt […]«. Aber mit dem von ihr postulierten Nicht-Denken-an hat mein logisches Denken manches Problem: Das ist doch ein rosa Elefant! Wenigstens in unserer zeitgenössischen Gesellschaft. Außer ich lese es als Verweis darauf, sich im erzählenden Darstellen nicht auf das eigene Geschlecht zu begrenzen: Wer als Mensch ein literarisches Werk schreibt, weiß ja, er oder sie kann sich, mittels Vorstellungskraft und Wahrnehmungsgabe, in zahlreiche andere Individuen, ja, in Objekte sogar, imaginieren: Fiktion schreibend kann ich alles sein; ein Mann, ein Weltreisender, ja, selbst mein Hund, den es nicht gibt. Führt der Essay »Ein Zimmer für sich allein« nicht Virginia Woolfs Schreibthese ad absurdum, denn wäre sie sich nicht ihrer Weiblichkeit bewusst gewesen, hätte die Enge ihrer Welt nicht alltäglich empfunden und sich daran wund gestoßen, sie hätte wohl kaum dieses Werk verfasst, oder?

 

ARS: »Virginia Woolfs Essay lese ich als den Versuch, einen gesellschaftlichen Zustand überhaupt erst einmal zu beschreiben. In Worte zu fassen, was bisher nur halb oder gar nicht ausgedrückt wurde. Als Schriftstellerin ist sie Teil der Gesellschaft, von der sie als weibliche Autorin wahrgenommen wird, und das hat die von ihr beschriebenen Konsequenzen. Ihre unbefriedigende gesellschaftliche Position als Autorin führt nun dazu, sich über Auswege aus dieser Position Gedanken zu machen. In ihrem literarischen Schreiben hinterfragt und unterläuft sie nicht von ungefähr die gesicherte Position eines ›Ich‹ (mit dem ja immer die geschlechtliche Dimension verknüpft ist). Woolfs erzählendes Ich ist in allen ihren Romanen ungesichert, fragmentiert und widersprüchlich. Ein fragmentiertes, instabiles Erzähl-Ich ist beweglich insbesondere auch hinsichtlich aller Attribute von Identität, wozu das Geschlecht gehört. Woolf formuliert in ihrem Essay »Ein Zimmer für sich allein« meines Erachtens den ästhetischen Ausweg aus der Festschreibung. Einen Ausweg, den sie in ihrer Literatur dann einschlägt.«

 

 

Virginia Woolf, Fotografie von George Charles Beresford, 1902 / gemeinfrei
Virginia Woolf, Fotografie von George Charles Beresford, 1902 / gemeinfrei

MS: … wie in »Orlando« zum Beispiel, oder? Ein wunderbarer Roman, der mich bei jeder Relektüre erneut fasziniert, vielleicht auch, weil er eine innere Sehnsucht erzählt, die mir sehr vertraut ist: Ich sein zu können – ohne dass man mich in Schubladen schiebe oder in Kategorien einteile, sei es ›weiblich‹, ›männlich‹. Sondern: sein dürfen. (Oder es mir selbst gestatten?) Gegenwärtig, so habe ich den Eindruck, ist das schwieriger denn noch vor 20 Jahren. In deinem Nachwort schreibst du treffend, der Rosa-Blau-Graben vertiefe sich gegenwärtig erneut. Ich könnte über die Klarheit dieser Formulierung sogar für einige Augenblicke die Emotion vergessen, die diese Rolle rückwärts hervorruft: ein wütendes Aufbegehren als Antwort darauf. In deinem Nachwort konstatierst du, Sprache verändere sich nicht, weil einige Leute in Hörsälen irgendwelcher Unis es beschlössen, sondern weil sich das Bewusstsein der Gesellschaft verändere, eine Idee – gedacht und verbreitet – Teil des allgemeinen, gesellschaftlichen Bewusstseins wird. Inwiefern, glaubst du, kann Literatur zu dieser Bewusstseinsveränderung der Gesellschaft heute noch etwas beitragen, welche Grenzen sind ihr durch ihre Marginalisierung gesetzt, und welche Alternativen siehst du?  

 

ARS: »Joan Didion formulierte einmal: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Das heißt, Menschen greifen immer auf Erzählmuster zurück, um ihr Leben als ein sinnvolles zu begreifen, damit aus Erlebnissen Erfahrungen werden können. Bloße Information kann die Erfahrung nicht ersetzen. Literatur ist zwar keine instant-Droge, und ich glaube, es hat noch kein Jahrhundert gegeben, in dem eine Gesellschaft geschlossen Bücher gelesen hat. Aber in dem Moment, in dem ich mich frage, warum mir etwas zugestoßen ist, fängt eine Geschichte an. Geschichten erzählen mir, wer ich bin und warum ich so oder auch anders sein oder handeln könnte. Vor allem in jüngster Zeit und seitdem ich netflix überdrüssig geworden bin (reading is the new binging!), fällt mir einmal mehr auf, wie tief gerade in Worte und nicht in Bilder gefasste Geschichten in unser Bewusstsein vorzudringen vermögen und es erweitern und bereichern und uns zu einem größeren Verständnis unserer selbst und damit auch anderer befähigen können. Indem wir Erzählungen über Erfahrungen schaffen, die bisher nicht in Sprache fanden, kann das auf lange Sicht zu einer Veränderung gesellschaftlichen Bewusstseins führen. Ich halte es jedenfalls mit Gertrude Stein, die einmal ungefähr Folgendes sagte: Kunst ist in der Lage, die künftige Gegenwart vorwegzunehmen.«

 

Quelle:

Woolf, Virginia: Ein Zimmer für sich allein. Übersetzt und mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel. Coverbild der Originalausgabe von Vanessa Bell. Zürich: Kampa Verlag 2019.