Marta Karlweis. Oder: Wenn einem der Expressionismus Schwindel verursacht.

Ungemein erfreulich ist es, dass Werke des österreichischen Expressionismus endlich wieder aufgelegt und somit den Lesenden erneut zugänglich gemacht werden. Albert Eibl vom Verlag »Das vergessene Buch« sei Dank. Wer sich zum ersten Mal lesend in einen Roman dieser Epoche wagt, hat zwar auf den ersten Seiten eine kleinere (Sprach-)Hürde zu bewältigen, wird aber, sobald man sich an den anderen Duktus gewöhnt hat, mit erstaunlichem Genuss belohnt.

 

Die literarischen Arbeiten des österreichischen Expressionismus gerieten in Vergessenheit, da sie von der nationalsozialistischen Propaganda als ›entartet‹ verfemt, beschlagnahmt und zerstört wurden. Hierdurch konnte sich diese Strömung – anzusetzen von 1905 bis 1925 – weder weiterentwickeln noch erhielten die oft sehr jungen Literat*innen, die sich mit expressionistischen Arbeiten erste Anerkennung verdienten, in den Nachkriegsjahren eine Chance zu weiteren Werken oder in späteren Jahrzehnten eine Renaissance. Die österreichischen Künstler*innen Mela Hartwig, Marta Karlweis und Maria Lazar hatten ein Jahrhundert zu warten, im Gegensatz zu den deutschen Expressionismus-Kolleg*innen, die aus deutschsprachiger Literaturgeschichte nicht wegzudenken sind, wie Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn und Georg Heym. Erst mit der Gründung des Verlags »Das vergessene Buch« im Jahr 2014 änderte sich dies, und die Romane und Erzählungen »Der Zauberlehrling«, »Schwindel« (beide von Marta Karlweis), »Die Vergiftung«, »Leben verboten« und »Die Eingeborenen von Maria Blut« (Maria Lazar) liegen mittlerweile zum Wiederentdecken auf.

Weshalb diese Autorinnen fast einhundert Jahre ignoriert wurden, hat nichts mit ihrer Qualität, ihrer Sprache oder Stoffwahl zu tun, sondern einzig mit politischem Wahnsinn und einem damit einhergehenden regelrechten Kahlschlag aller avantgardistischen Strömungen, von dem sich die österreichische Literatur nur langsam erholte.

 

Das Gebot des Expressionismus: Drücke dich aus!

 

Der Expressionismus – zu lateinisch ›ex premere‹, (sich) ausdrücken – war die Antwort auf Enge und Starre zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er begehrte gegen das Rigide in Leben und Literatur der vorherigen Generation auf. Deren Naturalismus, mit dem eingeengten Fokus auf die Realitäten der Verhältnisse, wurde nun um den Blickwinkel ›Innenleben‹ ergänzt, denn auch das Empfinden hat Realität, und die großen Tableaus der Weltgeschichte hinterlassen Spuren im Persönlichen. Niemand bleibt von Landflucht und Urbanisierung, Untergang des Kaiserreichs und Erster Weltkrieg, beginnende Industrialisierung oder Gründung der Ersten Republik unberührt.

All diese Veränderungen im alltäglichen Sein rückten die Autor*innen des Expressionismus in den Blick: Das Subjektive allen Erlebens soll ebenso sichtbar werden wie all die Prägungen, die Ereignisse im Innenleben hinterlassen und die Konsequenzen im weiteren Lebensverlauf nach sich ziehen.

Die angestrebte Abkehr von Traditionen umfasste im Expressionismus nicht nur die Inhalte, sondern auch die Form, die Sprache. Die Unruhe der Zeit bildet sich in Sprunghaftigkeit, raschen Schnitten und explosiven inneren Monologen ab. 

Die Vielleser*innen werden hinzufügen, dass auch diese farbenprächtige und sprunghafte Sprachstruktur nicht so ganz ohne Wurzeln ist, denn vielfach erinnert der Sprachstil des Expressionismus an Werke der Romantik, lässt man deren traumverlorene Inhalte mal außer Acht. Denn realistisch bleiben die Plots des österreichischen Expressionismus – mit Ausnahme von Franz Kafka – allemal. Wie jedoch die Sprachwelt der Romantiker*innen einen mit tausend Eindrücken flutet, so (über)schwemmt einen auch diejenige der Expressionist*innen, ohne jedoch den Notausgang der Romantiker*innen in Natur und Traumerleben zu offerieren. Man könnte also durchaus sagen, die Sprache der Expressionist*innen gleiche eher einer dunkel drohenden Wolke, deren Unwetter alsbald schon über den Lesenden hereinbricht, die Flut wird einen mitreißen –inhaltlich ebenso wie sprachlich, weshalb diese Werke allesamt einen Sog entwickeln.

 

Weit gebracht, wie man das nennt …

 

Leser*innen, die zum ersten Mal in ein Werk des Expressionismus eintauchen, wird vor allem diese Arbeit mit dem Sprachrhythmus auffallen: Er wechselt permanent, reicht vom Stakkato bis zum Nebeneinander in einem Satz, in dem alle Ereignisse, die miteinander ursächlich verknüpft sind – einzig durch Kommata getrennt – nebeneinandergestellt werden, ergänzt um Beifügungen und Kommentare, deren Spitze meist gesellschaftliche Kritik beinhaltet. Als Beispiel hierfür der Einstieg in Marta Karlweis’ Roman »Schwindel«:

»Die Großmutter sah auf einem Auge so gut wie nichts; ich glaube, das Übel, das sie hatte, nennt man ›Mouche volante‹. Desungeachtet las oder häkelte sie unermüdlich und trieb das eine wie das andere mit einem zugekniffenen Auge, Buch oder Arbeit knapp vor dem Gesicht. Krank war sie nie, kein Mensch sah sie je müßig sitzen. Einmal aber saß sie da mit den Händen vor sich auf dem schwarzen Rock, das war an dem Tag, an dem ihr jüngerer Sohn begraben wurde. Dieser Sohn war blond und freundlich gewesen, er hatte es weit gebracht, wie man das nennt, er war nicht alt geworden, eine Millionenstadt hatte ihn geliebt und geehrt und bereitete ihm jetzt ein großartiges Begräbnis. Bei der Mutter saß der älteste Sohn, schwarzhaarig angegraut schon, erboste sich darüber, daß sein Kranz drüben bei der Aufbahrung – er deutete mit dem Kopf über die Schulter, um das in der gleichen Straße gelegene Trauerhaus zu bezeichnen – nicht auffällig genug am Katafalk placiert gewesen sei.« (S. 7)

Im ersten Satz wird nach dem Hauptsatz noch die Existenz eines sprechenden Ichs erwähnt, nachgeschoben, mit einem Semikolon abgetrennt. Am Ende dieses Intros wissen wir kaum mehr als davor, und haben dennoch eine Menge erfahren: Eine Auge auf die Körperlichkeit sollten wir haben. Im Laufe des Romans begegnen uns alsdann Einäugige und Sehstörungen, Nasenwucherungen und mangelnde bzw. übersteigerte Körperspannung, Kleinwuchs, geringe Intelligenz. Hinsichtlich der Perspektive finden wir uns noch im Unklaren, Auktoriale wie Ich-Personale stehen bei diesem Intro als Möglichkeiten im Raum. Im weiteren Fortschreiten der Erzählhandlung wird eine zurückhaltende Auktoriale, die nur selten ihre Karten ausspielt, unser Fazit sein.

In den folgenden Sätzen stehen gleiche Themen auf einer Ebene nebeneinander, einzig durch Beistriche als Hauptsatzreihen bzw. als Einschübe in Hauptsätze erkenntlich gemacht. Wechselt die Person, über die gesprochen wird, oder beginnt ein neues inhaltliches Feld zur gleichen Figur, wird ein neuer Satz begonnen. Und Einschübe, das zeigt auch schon dieser Beginn, gestalten sich bei Karlweis gerne als ironische oder sogar zynische Seitenhiebe.

 

Gedanken schleichen auf Zehenspitzen

 

Je weiter die Erzählinhalte voranschreiten, umso rasanter wird auch das sprachliche Tempo: »Sie fliegt, sie stürzt die Treppen herunter, sie leistet sich einen Einspänner, und immerfort klopft sie innen, schneller, schneller, Sie kriegen ein gutes Trinkgeld.« (S. 24)

Gesprächsbeiträge werden nicht durch Redezeichen angezeigt, sie fügen sich zwischen zwei Beistriche in den erzählenden Aussagesatz ein. Wien atmet aus beinahe jeder Dialogzeile, von denen manche durchaus in gesprochener Sprache gehalten sind. Beides trägt zur Lebendigkeit bei. Wie auch die spitze Zunge: »An einem Sonntag, das Leben der Mühseligen und Beladenen springt ja von Sonntag zu Sonntag, wie manche Uhr von fünf Minuten zu fünf Minuten springt […].« (S. 23)

Marta Karlweis’ Roman erweist sich übrigens auch auf der Suche nach besonderen Sprachbildern als Fundgrube. So heißt es darin zum Beispiel an einer Stelle: »Dazwischen Tage trügerischer Ruhe, in denen selbst Gedanken nur auf Zehenspitzen schleichen.« (S. 118) Oder: »[…] und ihre Seelen trieben langsam aneinander vorüber wie zwei tote Fische in einem trüben Teich.« (S. 115)

 

Schwinde(l)nde Realitäten

 

»Schwindel«, dieser Romantitel ist sprachlich sowie inhaltlich Programm. Der Subtitel »Geschichte einer Realität« verweist auf die Mehrschichtigkeit des Plots: Weil die Nachkommen einer Schwester zusehends gesellschaftlich absteigen, drängt ihr Bruder dazu, das Familienvermögen, welches sich noch in Händen der Mutter befindet, in einer Realität anzulegen – diese Immobilie würde verhindern, so sein Denken, dass die vermaledeite Sippe der Schwester sich nach und nach das gesamte Erbe kralle. Dem kommt man doch lieber zuvor, nicht? Und verleibt sich das Vermögen selbst ein. Außerdem hat seine Frau in die Ehe ein Zinshaus eingebracht, eine Bruchbude, die man Leiber heute als morgen jemand anderem umhängen sollte, doch das muss betagte Mutter ja ebenso wenig erfahren wie die Tatsache, wem da ein Haus – eine Realität im Wienerischen – abgekauft wird.

Und die Realität dieser Realität ist eindeutig Verfall – alles ist dem Untergang geweiht. Nicht bloß das vermaledeite Zinshaus, sondern auch diejenigen Menschen, die kaum Moral oder Rückgrat kennen. Sie stehen isoliert nebeneinander, jede und jeder auf eigenen Vorteil bedacht, und die Angst vor Verlust trieft ihnen aus jeder Pore. Nicht bloß von materiellem Verlust ist hier die Rede. Existenzielle Angst entsteht auch dadurch, dass das eigene Ich in rasant sich verändernder Welt zusehends als fragiles Konstrukt erlebt wird.

Allesamt übrigens typische Themen des Expressionismus, die uns ebenso bei Lazar und Hartwig begegnen: der fragile Ich-Begriff, die Angst angesichts einer sich rasant verändernden Welt, Isolation und Orientierungslosigkeit.

In »Schwindel« kommt obendrein hinzu, dass die Lügengebäude einzelner Familienmitglieder den Blick auf die Realität verstellen. Nicht nur werden der kleinwüchsigen, geistig eher minder bemittelten Schwester allerhand Märchen aufgetischt, die Brüder uns Schwestern gefallen sich ebenso wie ihre Kinder in der Verbreitung verzerrter Wahrheiten. Und die Großmutter, wiewohl mit blinden Flecken begrenzt, kann nichts dagegen tun. Oder will es nicht mehr.  

Naturgemäß fliegt der bereits erwähnte Haus-Schwindel umgehend auf. Es ist nicht der einzige Betrug im Laufe des Romans, denn bald wird offensichtlich, dass die gesamte Sippe eine verlogene Bagage ist. Nur ihre Beweggründe für Schwindel hier und Schwindel dort variieren entschieden. Untergang ist dennoch die Konsequenz. Selbst der Schluss des Romans, der eine hoffnungsvolle Wende im Blick auf die übernächste Generation andeutet, vermag am Empfinden der Selbstzerstörung dieser Familie wenig zu ändern, wiewohl hierfür das sehr bekannte Bild der Krippe – Maria und Josef, der Messias in der Wiege – in den Körperhaltungen der Protagonist*innen evoziert wird.

 

 

Die Zeitseuche: Flucht in die Wirklichkeit

 

Noch ein Wort zu Titel und Subtitel: Deren doppelter Boden trägt einen den ganzen Roman hindurch und begegnet einem an mehreren Stellen, wie z. B. wenn eine Figur formuliert: »Die Zeitseuche heißt Flucht in die Wirklichkeit.« (S. 117) Implizit wird darin deutlich, dass der Realismus dieser Protagonist*innen keine Auseinandersetzung mit Wirklichkeit, sondern Flucht ist und dass jene Familie keinen Einzelfall darstellt, sondern dass es sich dabei um eine Zeiterscheinung handelt. Würden sie etwas mehr kreativ zu träumen wagen, könnte ihr Leben anders aussehen.

Die hier zitierte Passage exemplifiziert auch gut, wie unterschwellig Marta Karlweis Kritik anzubringen versteht. Nichts davon wird ausgewalzt, dennoch sind die Verhältnisse konstant Thema, werden in knappen Seitenhieben da und dort eingestreut.

Wer Marta Karlweis noch nicht kennt, dem sei »Schwindel« dringend zur Lektüre empfohlen. Man beachte außerdem besonders die genial gestalteten Innensichten, sei es nun die Frau, die in ihrer Eifersucht dem Gatten das Leben zur Qual macht, was ihn nicht daran hindert, seinen Samen von Hannover bis Wien zu verstreuen und sieben uneheliche Kinder zu zeugen – eine höchst vergnügliche Szene übrigens, diese Darstellung ihrer Versuche, ihn zu kontrollieren – mit zahlreichen überraschenden Wendungen, dank sei dem Expressionismus! Ebenso großartig die Erzählabschnitte, die den Umgang der jungen Olga mit den depressiven Schüben ihres Ehemannes zu Wort bringen. Sie ist dessen Grausamkeiten ebenso rettungslos ausgeliefert wie er selbst. Besonders in diesen Szenen wird deutlich, dass Karlweis einige Jahre Psychologie studierte, sich später bei Jung zur Therapeutin ausbilden ließ.

Diesem zweiten Standbein und einer rechtzeitigen Flucht in die Schweiz und weiter nach Kanada verdankte es Marta Karlweis, dass sie die Kriegsjahre überleben konnte.

 

Sprachlosigkeit

 

Wie zahlreiche andere Autor*innen auch hatte die Zäsur ›Exil‹ literarische Konsequenzen für Marta Karlweis: Der Muttersprache beraubt, dem Überleben verpflichtet, folgte das Verstummen. In Zukunft wird sie einzig als Psychiaterin sowie als Universitätsdozentin arbeiten. Die Biografie ihres Mannes Jakob Wassermann ist das letzte von ihr verfasste Werk, 1935 bringt sie diese noch im Amsterdamer »Querido Verlag« heraus. Dass sie nach 1945 nicht wieder mit gestalteter Sprache tätig war, lag obendrein am sich zusehends verstärkenden Konservativismus der Nachkriegsjahre, den Karlweis wenig inspirierend fand.

Der Stempel, den die Nazis jener Epoche aufgedrückt hatten, prangte noch immer, wiewohl etwas verblasst: ›Entartet‹ sei der Expressionismus, eine ›deutsche Verfallskunst‹, die den Menschen als Kretin porträtiere, weil die expressionistischen Künstler*innen selbst derart degeneriert seien, dass sie diesen ›Verfall‹ nicht einmal als solchen bemerken würden. Die Werke mit einem Verbot belegt, beschlagnahmt und verkauft oder einbunkert, vernichtet, verbrannt: Wer das hinsichtlich des eigenen Schaffens erlebt, geht daraus nicht als die gleiche Person hervor, die er oder sie zuvor gewesen ist. Es hinterlässt ebenso Spuren wie die Ablehnung nach 1945: Nüchtern, kühl und knapp, so habe Literatur sich nun zu gestalten, nahe an der amerikanischen Short Story, das sei der bevorzugte Stil. Da passte weder der Dadaismus noch der Expressionismus mit seinen überbordenden Farben, seiner kraftvollen Sprache. Nüchtern, kühl, knapp; und kein aufbegehrendes Innenleben. Man flüchtete mal wieder in die (vermeintliche) Realität: An der hatte man genug zu kauen.

 

Quellen:

Karlweis, Marta: Schwindel. Wien: Das vergessene Buch 2017.

https://www.dhm.de/blog/2017/07/19/warum-die-nazis-angst-vor-moderner-kunst-hatten/ – Zuletzt eingesehen am 27.02.2022.