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Proust-Momente. Oder: Erinnerungen, die Empfindungen wachrufen. Es fragt sich nur wie …

»Mein Proust-Moment«, herausgegeben von Anton Thuswaldner, erschienen im Verlag »Müry Salzmann«, sammelt 14 Madeleines. Oder wollte dies und bat Martin Walser, Bernd-Jürgen Fischer, Alexander Kluge, Anna Baar, Jens Wonneberger, Anna Kim, Christina Maria Landerl, Julya Rabinowich, Peter Kümmel, Eleonora Hummel, Daniel Wisser, Reinhard Stöckel, elke laznia und Josef Winkler um Beiträge. Einigen davon ist leider nur allzu deutlich anzumerken, dass ihnen nicht gelingt, worin Marcel Proust ein Meister war: das Eintauchen in die assoziierte Erinnerung, sodass sich darin das vergangene Wesen erneut in Gegenwärtigkeit ausbreiten kann. Die Mehrheit der Beiträge hingegen liest sich so, als wäre es den Autor*innen genug gewesen, die Madeleine-Episode zu überfliegen, flink im eigenen Geruchsgedächtnis zu kramen und alsdann einen knappen Prosatext zusammenzuschmurgeln, der schon irgendwie mit Sinnen und Erinnerungen zu tun hat, den ollen Franzosen lese sowieso keiner mehr, und die Empfindungen lassen wir unter dem Tischtuch. Wen interessieren schon Empfindungen, irrende Seelen? Es wird leider offensichtlich, dass sie mehrheitlich Prousts Konzept der Erinnerung nicht verstanden haben.

Wer sich mit Prousts Werk beschäftigt, wird von Band zu Band in sein Verständnis der Erinnerung als Kunstform eingeführt. Es gipfelt darin, dass Erinnerung und Empfindung zusammengeführt werden, um sie so in der Lektüre zu neuem Leben zu wecken. Er tut uns (und ich bin froh darüber) nicht den Gefallen, sein Nachdenken darüber in den Teig der zwei bekannten Absätze der Madeleines zu kneten und die Chose alsdann als erledigt zu betrachten. Die Madeleine-Episode beginnt auch nicht mit einer Tasse Tee und einem Gebäckstück, sondern mit dem Versagen des Erinnerns, der Tatsache, dass es sein kann, dass die Ahnung einem nicht ins Bewusstsein steigt:

»Wird sie bis an die Oberfläche meines Bewußtseins gelangen, diese Erinnerung, jener Augenblick von einst, der, angezogen durch einen ihm gleichen Augenblick, von so weit her gekommen ist, um alles in mir zu wecken, in Bewegung zu bringen und wieder heraufzuführen? Ich weiß es nicht. Jetzt fühle ich nichts mehr, er ist zum Stillstand gekommen, vielleicht in die Tiefe geglitten; wer weiß, ob er jemals wieder aus seinem Dunkel emporsteigen wird? Zehnmal muß ich es wieder versuchen, mich zu ihm hinunterzubeugen. Und jedesmal rät mir die Trägheit, die uns von jeder schwierigen Aufgabe, von jeder bedeutenden Leistung fernhalten will, das Ganze auf sich beruhen zu lassen, meinen Tee zu trinken im ausschließlichen Gedanken an meine Kümmernisse von heute und meine Wünsche für morgen, die ich unaufhörlich und mühelos in mir bewegen kann.« (Unterwegs zu Swann, S. 69-70)

Das Wachrufen des Erinnerten in sich und zugleich im Lesenden ist das zentrale Element, es verschafft der Vergangenheit Gegenwärtigkeit. Diese Theorie lehnt Proust an den keltischen Aberglauben an, dass

»[…] die Seelen der Lieben, die uns verlassen haben, in irgendein Wesen untergeordneter Art gebannt bleiben, ein Tier, eine Pflanze, ein unbelebtes Ding, tatsächlich verloren für uns bis zu jenem Tag, der für viele niemals kommt, an dem wir zufällig an dem Baum vorbeigehen oder in den Besitz des Dinges gelangen, in dem sie eingeschlossen sind. Dann horchen sie bebend auf, rufen uns an, und sobald wir sie erkennen, ist der Zauber gebrochen. Erlöst durch uns, besiegen sie den Tod und kehren zu uns ins Leben zurück.« (Unterwegs zu Swann, S. 66)

Der Verstand, fährt Proust fort, kann diese Vergangenheiten nicht heraufbeschwören, sie entziehen sich beharrlich seiner Macht. Ob wir jenem Etwas zu Lebzeiten begegnen, hänge einzig vom Zufall ab. (Vgl.: Unterwegs zu Swann, S. 66) Oder – so ließe sich hinzufügen – von der wachsamen Achtsamkeit des Menschen, denn das Lebens-Pendant der bekannten Madeleine-Episode geht an dem einen unbemerkt vorbei, während es andere wie einen Peitschenhieb trifft.

Von seinem Madeleine-irrende-Seelen-Ausgangspunkt zieht Proust einen Bogen bis zum letzten Band der »Recherche«, in dem es heißt:

»Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben – eine Beziehung, die bei einer einfachen kinematographischen Wiedergabe verloren gehen würde, da diese sich um so mehr von der Wahrheit entfernt, je mehr sie sich auf sie zu beschränken vorgibt – eine einzigartige Beziehung, die der Schriftsteller wiederfinden muß, um für immer in seinem Satz die beiden verschiedenen Pole miteinander zu verbinden.« (Die wiedergefundene Zeit, S. 288)

Dahinter steckt nicht nur der Glaube, dass »Pflicht und Aufgabe« eines Schriftstellers und einer Schriftstellerin diejenigen »eines Interpreten« der Welt seien (Vgl.: Die wiedergefundene Zeit, S. 290), sondern auch das Denken, dass die wenigsten Menschen je wirklich leben, weil sie dieses Leben nicht betrachten. Es zieht an ihnen vorbei und wird Vergangenheit (Vgl.: Die wiedergefundene Zeit, S. 297). Kunst, so Proust, sei die Chance, das Leben zu beleuchten, um es den Menschen in dieser Gestaltung wieder zu schenken, und er vergleicht dies mit Photonegativ (gelebtes Leben) und entwickeltem Bild (Kunst):

»Durch die Kunst nur vermögen wir aus uns herauszutreten und ebenso uns bewußt zu werden, wie ein anderer das Universum sieht, das für ihn nicht das gleiche wie für uns, und dessen Landschaften uns sonst ebenso unbekannt geblieben wären wie die, die es möglicherweise auf dem Mond gibt. Dank der Kunst verfügen wir, anstatt nur eine einzige Welt – die unsere – zu sehen, über eine Vielheit von Welten […].« (Die wiedergefundene Zeit, S. 297)

Geschieht dies jedoch nicht, wird nicht beleuchtet, sondern bloß aufgezeichnet, wird auch das Geschriebene wertlos, ohne Tiefe, eine Lüge, wie Proust schreibt (Die wiedergefundene Zeit, S. 296):

»Die Größe der wahren Kunst […] lag darin beschlossen, jene Wirklichkeit, von der wir so weit entfernt leben, wiederzufinden, wieder zu erfassen und uns bekanntzugeben, die Wirklichkeit, von der wir uns immer mehr entfernen, je mehr die konventionelle Kenntnis, die wir an ihre Stelle setzen, an Dichte und Undurchdringlichkeit gewinnt, jene Wirklichkeit, deren wahre Kenntnis wir vielleicht bis zu unserem Tod versäumen und die doch ganz einfach unser Leben ist. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur: jenes Leben, das in gewissem Sinne bei allen Menschen so gut wie bei dem Künstler in jedem Augenblick wohnt. Sie sehen es nicht, weil sie es nicht dem Licht auszusetzen versuchen […].« (Die wiedergefundene Zeit, S. 296)

Es geht also in der sprichwörtlichen Madeleine um das Strukturelement des Proustschen Stolperns, und die Kunst besteht darin, die auslösende ›Bodenunebenheit‹, das Vergangene und das Erinnerte, die erzählerische Gegenwart und die erzählte Rückblende derart mit den dazugehörigen Empfindungen zu verbinden, dass Lesende ihre eigenen ›Photonegative‹ darin Wiedererkennen. Dieses Erkennen entsteht im Lesenden, weil menschliches Empfinden eben menschlich ist, weil die an Sinneswahrnehmungen und Ereignisse sich andockenden Gefühle jede und jeder schon einmal erlebt hat. Oder um es exemplarisch an dem lesenswertesten Beitrag dieser Anthologie »Mein Proust-Moment« darzustellen: Selbst ein Mensch, der nie ein Paket erhalten hat, bei dessen Lösen der Schnüre sich Knoblauch und Chili olfaktorisch ausbreiteten, wird während des Lesens unweigerlich diesen unverkennbaren Geruch in der Nase haben, weil die in Anna Kims herausragender Erzählung »Das Paket« auf diesem Weg kolportierten Empfindungen – Hoffnung, Verlassenheit, Angst, Distanzierung, Entfremdung – menschlich und uns allen bekannt sind und die Autorin dem Relevanten in ihrer Geschichte Raum genug gibt. Allein schon diese eine Erzählung ist es wert, den Band zu erstehen! 

Andere Beiträge lassen zwar das Proustsche Stolpern erkennen, können es aber nicht zum Leben erwecken. Manche bestechen durch anderes – wie Josef Winkler mit seiner Sprache, die eine unfassbare Dringlichkeit atmet, in ihrem verzweifelten Ringen zwischen Verlangen und Tod, zwischen Hingabe und Hass.

Daniel Wissers Beitrag geht einen anderen Weg. Sein Essay thematisiert unser Unvermögen, Leben und Gegenwart wahrhaftig wahrzunehmen, da wir konstant bereits in Postings und Chat-Nachrichten denken, statt Situationen um ihrer selbst willen zu erleben. Dem Menschen »fehlt die sinnliche Wahrnehmung. Er setzt seine Botschaften aus Erwartetem und Dagewesenem zusammen und formuliert sie schon in der Sprache der Messenger, die bereits mehr Bildsprache als Zeichensprache ist.« (Mein Proust-Moment, S. 95) Das hat naturgemäß Auswirkungen auf die Literatur. Oder um es mit Daniel Wisser zu sagen: Wir starten mit einer kaputten Maschine, da helfe alles nichts. »Wenn man aber der Forderung widersteht, sich in sogenannter einfacher Sprache oder in infantiler Zeichensprache auszudrücken, bahnt sich eine neue Literatur den Weg.« (Mein Proust-Moment, S. 96) Wenn die Sprachkunst sich als einzige Disziplin noch verpflichtet fühlt, unsere Welt und Zeit in all ihren Schattierungen abzubilden, sie sich im Gegensatz zum Journalismus nicht von Politik und Wirtschaft kaufen – und das wäre zu Wissers Nachdenken noch hinzuzufügen: – und sich auch nicht vom Mainstreamwahn knebeln ließe, wäre sie eine Kraft, mit der zu rechnen wäre. Nicht im gemeinhin politischen Sinne, so Wisser, denn:

»Die wahrhaftige Darstellung des Alltags ist heute bereits ein eminent politischer Akt, weil sie sich über Verbote hinwegsetzen und gegen Sanktionen und Zensur wehren muss. Die sinnlichen Erfahrungen spielen dabei eine überaus wichtige Rolle. Sie sind wahrscheinlich die letzte Quelle, aus der die literarische Stimme in einer Welt manipulierter Informationen schöpfen kann. Der zeitgenössische Autor pendelt zwischen Regression und Konfrontation. Er wird die Konfrontation aushalten müssen.« (Mein Proust-Moment, S. 97)

Dem kann man – auch im Sinne Marcel Prousts – nur beipflichten.

Eine kluge Idee ist die optische Aufmachung des Buches: Jeder Beitrag wurde um eine Schwarz-Weiß-Photografie ergänzt, die den Autor, die Autorin einst abbildet: So ist der Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer als verschmitzter Knirps am Dreirad zu sehen, Christina Maria Landerl im strahlend weißen Kleid, mit dem sich mir die Erstkommunion assoziiert, vor trostlos grauer Mauer, Risse ziehen sich diese Trennwand hoch. Die fragenden Riesenaugen der kindlichen Anna Baar, über deren Haar sich die Schwere eines Kopftuchs ausbreitet – diese Photos erzählen bereits an und für sich Geschichten. Bei Anna Baar korrespondiert diese auch mit der von ihr beigesteuerten Erzählung, und es gelingt Baar, die irrende Seele nach Ableben und Untergang, wie Proust das nennt, in ihrer Erzählung »Dschinn« beinahe einzufangen: Das Beleuchten bedarf der Zeit, die dem Lesenden gewährt werden muss. Es verträgt sich nicht mit gehetzter Eile.

Drei Mal wird zwischen den Beiträgen Marcel Proust zitiert (nach der »Reclam«-Ausgabe in der Übersetzung von Bernd-Jürgen Fischer). Auf den letzten Buchseiten – abgerückt vom vorherigen Inhalt durch Biografien, Bild- und Quellennachweise sowie Impressum – finden sich zwei linierte Doppelseiten für den ›eigenen Proust-Moment‹, und man kann sich des schalen Nachgeschmacks nicht ganz erwehren, den dieses Arrangement hinterlässt.

Wer sich nun aber endlich – und vielleicht auch dieses Bandes wegen (oder trotz) – an Proust-Lektüre heranwagen möchte, dem sei gesagt: Keine Bange, wenn es einem dabei wie dem Proust-Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer ergeht und sich während der Lektüre ständig assoziative Fenster in eigene Erinnerungen öffnen, weil die Gedanken abzudriften beginnen: Es handelt sich dabei um keine Unaufmerksamkeit, auch nicht um eine Unfähigkeit des Autors, sondern Sie stehen gerade mitten in den Proustschen Spiegelsälen. Man möge sie mit Vergnügen an diesem grandiosen Autor durchschreiten, sich alle Zeit gewähren und sich nicht von all den aufpoppenden Erinnerungen und Bildern irritieren lassen: Betrachten Sie diese lieber!

 

 

Quellen:

Mein Proust-Moment. Hg. v. Anton Thuswaldner. In Zusammenarbeit mit Silke Dürnberger und Mona Müry. Salzburg: Müry Salzmann 2021.

 

Marcel Proust: Zitiert nach der Suhrkamp Taschenbuch-Ausgabe 2004 (Unterwegs zu Swann) und 1984 (Die wiedergefundene Zeit).

 

Zu den Spiegelsälen: 

https://www.marlen-schachinger.com/2017/06/05/leben-mit-marcel-proust/