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Carme Rieira »Und ich lass dir als Pfand das Meer«. Oder: Beunruhigende Strandlektüre hat auch etwas für sich!

Die titelgebende Erzählung »Und lass als Pfand, mein Liebling, dir das Meer«, die in diesem Band ihrem Kontra – »Die Möwen können es bezeugen« – gegenübersteht, frappiert durch die Direktheit der Darstellung einer überraschenden Liebe, insbesondere, wenn man bedenkt, dass diese Erzählung erstmals 1975 beziehungsweise 1977 erschienen, zu einer Zeit also, als gleichgeschlechtliches Lieben noch verpönt war, insbesondere, wenn es zwei Frauen betraf, von denen die eine (gerade noch) Schülerin, die andere eine junge Lehrende war. Im Gegensatz zu anderen und zeitlich früher zu situierenden Romanen zu diesem Thema wie »Olivia« oder auch »Mädchen in Uniform« wird bei Rieira von ihren Protagonistinnen sexuelles Begehren auch in Handlungen fern der Schwärmereien oder der Küsse umgesetzt, zumindest einmal: am Meer. Dass Rieiras Figuren final untergehen (müssen), ähnelt jedoch den anderen Erzählungen gleichgeschlechtlichen Liebens vor der Jahrtausendwende: Die Schülerin ertränkt sich im Meer, die Lehrerin verliert den Boden und wir finden sie letzten Endes in der Nervenheilanstalt wieder. Grund für den Selbstmord des Mädchens – so wird es angedeutet – ist das Drängen der Eltern auf eine Eheschließung, verstärkt durch weitere feindselige Reaktionen der Umgebung auf die ersehnte Nähe der beiden Frauen und die zuvor verordnete örtliche Distanzierung durch den Vater der Schülerin – all diese Maßnahmen nähren jedoch nur weitere Gerüchte: Sie hätte ein Kind geboren, es sei im Kindbett gestorben …

Nicht ungewöhnlich für die Darstellung anderer Liebesformen im 19. oder 20. Jahrhundert, hier wird jedoch deutlicher auf die Quelle der Hilflosigkeit eingegangen als in manch anderem früheren Erzählwerk: »Ihr hatte man niemals beigebracht, die zarte, pubertäre, schöne Liebe, die sie mir antrug, auf manierliche Weise auszudrücken, und ich, die ich sie so sehr liebte, war außerstande, ihre Liebe angstfrei, bedingungslos, umfassend zu akzeptieren. Jetzt ist keine Zeit mehr, ihr begreiflich zu machen, wie schwierig es damals für mich war, in einer Provinzstadt wie unserer, voll wachsamer Augen, voll Gerüchten und Gerede, ihre Liebe anzunehmen.« (S. 89)

Da die beiden Erzählungen einander obendrein in manchen Details widersprechen, wissen wir, dass wir es mit zwei unzuverlässigen Erzählerinnen zu tun haben, die manches vor uns verbergen, bewusst und gewollt oder auch unbewusst und unbeabsichtigt, sei es im gewohnten Verbergen oder im Vergessen, Verdrängen, sei es als eine Konsequenz der psychischen Erkrankung.

Während der Lektüre der Erzählungen selbst haben wir uns auf unsere eigenen Schlüsse zu verlassen. Und beide Erzählungen miteinander ergeben nochmals ein gänzlich anderes Ganzes: ein wunderbares Beispiel also für kommunizierende Röhren in der Literatur!

Und das Meer wird in dieser gedoppelten Geschichte zum Pfand einer Liebe: »[…] ich möchte auch, dass mein Leichnam zurückkehrt ins Meer und nicht begraben wird. Ich bitte dich, dafür zu sorgen, dass meine sterblichen Überreste an der Stelle, wo die Wellen zu heimlichen Zeuginnen unserer Liebe wurden, in der bodenlosen, unendlichen Tiefe versenkt werden. Ich habe Sehnsucht nach dir, Sehnsucht nach dem Meer, unserem Meer.« (S. 41)

Diese beiden Erzählungen bieten nicht nur den Rahmen des im Mareverlag erschienen Bandes, sie hallen auch am dominantesten in uns Lesenden nach. Insbesondere »Und lass als Pfand, mein Liebling, dir das Meer« begründete Carme Rieiras Ruf als Erzählerin. Diese Kurzgeschichte, die sogleich nach dem Ende der 36-jährigen Militärdiktatur Francos erstmals erscheinen konnte, machte die junge Literatin Rieira über Nacht berühmt. Die weiterführende Erzählung »Die Möwen können es bezeugen« erschien zwei Jahre später. Auch in dieser spielt das Meer eine entscheidende Rolle: Es fungiert darin als sehnsuchtsvoller Ruheort. Carme Rieira selbst über das Meer: »Für mich wurde das Meer zu einem Symbol unermesslich flüchtiger Schönheit, zum Symbol des Wunsches, sie zu erlangen, aber auch zu etwas Lebensnotwendigem, das wenig mit der Literatur zu tun hat und viel mit der Tatsache, auf einer Insel geboren und aufgewachsen zu sein, eine Insel zu sein. […] Die Horizontlinie […] ist der einzige Ort, an dem jene blaue Blume wächst, die Novalis als Sinnbild der Hoffnung beschreibt.« (S. 107)

In den weiteren Geschichten begegnet uns das Meer als Ort der Sehnsucht, den jemand im Rollstuhl nur mit Hilfe anderer aufsuchen kann, als Ort der Rache, weil ein Politiker einzig durch einen Mord aufzuhalten ist, um nicht weiterhin Schaden anzurichten. – »Literatur und Leben, das weiß ich wohl, gleichen sich manchmal, und nicht, weil eins das andere kopiert oder nachahmt, sondern weil beide menschlich sind.« (S. 75), wird Carme Rieira im Nachwort zitiert, und wir verstehen gut, was sie meint – insbesondere gegenwärtig.

 

Carme Rieira: Und ich lass dir als Pfand das Meer. Erzählungen. Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann. Mit einem Nachwort von Kirsten Brandt. Hamburg: Mareverlag 2025.