· 

Han Kang »Die Vegetarierin«. Oder: Bäume stehen alle verkehrt. 

»Ich hatte einen Traum« (S. 12), sagt Yong-Hye ihrem verstörten Ehemann, als er sie dabei ertappt, wie sie alles im Haushalt vorrätige Fleisch in die Mülltonne wirft. Aus der langweiligen, durchschnittlichen Lebensgefährtin, für die er sich just aus diesen Gründen entschied, weil sie auch sein Mittelmaß unwidersprochen mittragen würde, wird ihm plötzlich eine herausfordernde Partnerin, die er nicht verstehen kann. Dabei könnte man meinen, es würde sich für ihn – abgesehen von der Suppenbeilage des Morgens aus Fleisch oder Fisch –, kaum etwas verändern, denn nebenher lebten die beiden ja zuvor bereits. Als Yong-Hye ihm auf seine Fragen einen Albtraum, in dem sie flüchtend in eine große Halle voller blutender Fleischstücke gelangte (S. 16), erzählt, kann er ihr Entsetzen nicht nachvollziehen. Schließlich war das doch nichts, als ein schlechter Traum. Verstehen, was sie bewegt, will er nicht (S. 21). »Sie wirkte teilnahmslos, als wäre sie in den Wechseljahren.« (S. 19), heißt es an einer Stelle aus Sicht des Ehemannes.

Yong-Hye aber schläft kaum noch, aus Angst vor diesen Fleisch-und-Blut Albträumen, die ihr jedes Missachten eines Tieres vorwerfen, ob es nun der Familienhund war (S. 46) oder die zubereiteten Fleischspeisen, die ihre Familie verzehrte. Auch mit ihrem Mann will sie nicht mehr schlafen, denn er riecht ihr viel zu sehr nach all dem toten Fleisch, welches er nun eben auswärts zu sich nimmt (S. 20), weshalb sie neuerdings im Bett ihre Jeans anbehält (S. 34). Was ihn ab und an nicht davon abhält, sie vulgär zu beschimpfen und brutal zu vergewaltigen, meist geschieht dies in angetrunkenem Zustand (S. 35).

Beschreibt Yong-Hye selbst ihren Zustand, so sagt sie, sie stünde hinter einer Tür ohne Klinke (S. 32). Zusehend magerer werdend, kraftloser, gleichzeitig gequält von inneren Hitzen, verweigert sie das Tragen jeden BHs, da sie damit nicht atmen könne. Ihre Brüste jedoch sind ihr der einzige Körperteil, dem sie noch Gutes zuschreiben kann, da sie nicht zerstörerisch und tödlich seien (S. 38). 

Es ist der Familie – wie auch den Arbeitskollegen des Ehemannes – schlicht unbegreiflich, dass jemand freiwillig auf Fleisch verzichten möchte, und die Verweigerung Yong-Hyes lässt die Umgebung zusehends brutaler agieren. Bei einer Familienfeier, initiiert von ihrem Ehemann, um seine Frau wieder auf Schiene zu bringen, versucht ihr Vater – unter der Order an Bruder, Ehemann und Schwager, ihren Körper zu fixieren –, ihr Fleisch in den Mund zu stopfen. Ein ungemein aggressiver Akt, den der Ehemann durchaus hätte vorhersehen können, wusste er doch, dass der alte Patriarch seine Tochter bis zur Eheschließung mit dem Rohrstock verprügelte, wann immer ihm danach war (S. 33).

Yong-Hye gelingt es jedoch, sich zu entwinden. Sie greift nach dem Obstmesser und schneidet sich tief ins Handgelenk.  (S. 44). Die Rettung bringt sie ins Krankenhaus. Auch dort fällt sie durch ihr sonderbares Verhalten auf: Sie kann kein Fleisch essen – weil sich die Seelen der ermordeten Tiere in ihren Magen klammern, wie sie denkt (S. 53), doch spricht sie dies nicht mehr aus, wissend wohl, dass man sie ohnedies nicht verstehen will oder kann (S. 53). Eines Morgens sitzt sie im Park des Krankenhauses, die Infusion, die sie ernähren soll, hat sie sich herausgerissen, ihr Oberkörper ist nackt, rund um ihren Mund ist Blut (S. 55), in der Hand hält sie einen kleinen Japanbrillenvogel, der aussieht, als wäre er einer Katze in die Krallen gekommen, halbgerupft (S. 56). Mit dieser Sequenz endet der erste Erzählfaden.

Nun übernimmt ihr Schwager den Erzählfaden. Er ist ein Videokünstler in einer Schaffenskrise, die sich einstellte, nachdem er ein Video darüber drehte, was alles in dieser Welt hassenswert sei, sich dieses nach dem Schnitt zum ersten Mal in voller Länge selbst sah und mit großer Übelkeit darauf reagierte (S. 72). Lebensüberdruss machte sich breit. Auch seine Ehe ist seither in der Krise, nicht, weil er die nasale Stimme seiner Frau und ihre unablässige Gutmütigkeit kaum mehr ertragen kann, auch nicht, weil er schon vor der Eheschließung etwas Unbestimmtes an ihr störend fand, das er nicht benennen konnte (S. 67), sondern weil eine Obsession an seiner Ehe zu nagen beginnt. Obgleich er sonst kaum ein von Leidenschaften getriebener Mensch ist, sieht er nun fortwährend den Körper seiner Schwägerin mit dem markanten Mongolenmal oberhalb des Gesäßes, über und über will er es mit Blumen bedecken und im sexuellen Akt mit einem Mann filmen. Seit Beginn dieser Vision kann er seine Frau nur noch begehren, indem er sich seine Schwägerin hinzuimaginiert. Ihre Natürlichkeit hat für ihn etwas Pflanzliches – wie sehr er sie damit in Wahrheit erkennt und versteht, das wird der Lesende erst gegen Ende des Romans begreifen.

Yong-Hye, so erzählt er uns, wäre nach jenem Familienessender Tod wohl besser bekommen. Stattdessen lebte sie derart in die Enge gedrängt in der Psychiatrie weiter (S. 70-71), des Suizidversuchs wegen, weshalb ihr Mann ihren kranken Geisteszustand bestätigt sieht und die Scheidung fordert (S. 68). Dies verstört den Schwager, der darin eine Unmenschlichkeit sieht. Als entledige sich der Ehemann seiner Frau wie man sich »ein defektes Küchengerät« (S. 74) vom Hals schafft. Ohnedies konnte er den Ehemann nie leiden, seine Durchschnittlichkeit und Oberflächlichkeit, seine Binsenweisheiten (S. 90) waren ihm ein Gräuel.

Nach ihrer Entlastung wohnt Yong-Hye zuerst bei ihnen (S. 73), bevor sie in eine eigene kleine Wohnung zog. Nach wie vor zieht Yong-Hye bei jedem Sonnenstrahl ihre Kleider aus (S. 87).

Als seine künstlerische Vision dominant wird, nimmt er allen Mut zusammen und äußert Yong-Hye gegenüber die Bitte, ob er sie nackt filmen dürfe. Zu seiner Überraschung geht sie nicht nur darauf ein, es scheint sie sogar zu freuen. Zum ersten Mal sieht er sie nackt, studiert den Mongolenfleck auf ihrem Po, »von einem fahlen Grün, wie bei einer Prellung. Eine Reminiszenz an die graue Vorzeit, als die Evolution der Arten gerade erst begonnen hatte, gewissermaßen ein Überbleibsel der Photosynthese. Auf alle Fälle etwas Pflanzliches, nichts Sexuelles.« (S. 87) Darüber hat sie zwei Grübchen, im Volksmund Engelslächeln genannt (S. 87). Für ihn ist sie »ein göttliches Wesen, weder Mensch noch Tier, eher irgendetwas zwischen Pflanze und Urwild« (S. 92). Auch der Bemalung der Haut mit Blumen stimmt sie zu, er nennt diese Arbeit »Mongolenfleck 1 – Blumen der Nacht und des Tages« (S. 98). Abwaschen will sie die Bemalung jedoch danach nicht, bittet ihn sogar darum, sie im Falle des Verblassens zu erneuern.

Kurze Zeit darauf ersucht er einen anderen noch recht jungen Künstler, ihn gleichfalls bemalen zu dürfen und bittet ihn um ein Posieren mit der Schwägerin, denn seinen eigenen Leib will er des Bäuchleins und der speckigen Hüften wegen nicht vor den Augen der Schwägerin entblößen. Als er jedoch deutlich macht, er stelle sich nicht nur ein Beieinanderliegen, sondern einen aktiven sexuellen Akt vor, fühlt sich der Kollege erniedrigt, bricht ab und verlässt wütend das Studio (S. 110). Dass Yong-Hye wegen seiner mit Blumen bemalten Haut, die ihr Lust auf eine Vereinigung bereiteten, dazu bereit gewesen wäre (S. 111), bewirkt, dass sich der Schwager an seine frühere Geliebte, die Künstlerin P., wendet, und sie bittet, seinen Körper nach seinen Vorgaben zu bemalen. Diese Skizzen sowie ihre Ausführung auf Haut kennen eine mutige Farbigkeit zu der er zuvor noch nie bereit gewesen war (S. 104). Sie sind auch Zeichen einer inneren Veränderungen – als hätte er bislang hinter einem Schleier gelebt (S. 104) und könnte nun erst die Welt sehen.

Er positioniert die Filmkamera in Yong-Hyes Wohnung, der Akt beginnt, es entstehen »abstoßende und überwältigend schöne Bilder« (S. 119), doch das Vorhaben endet im Fiasko, da Yong-Hyes Schwester, aus Sorge, weil sie seit Tagen nichts von ihr hörte, überraschend auftaucht. Die Schwester wählt den Notarzt (S. 123). Der Ehemann will mit Yong-Hye über den Balkon »wegfliegen« (S. 124), doch die Sanitäter überwältigen Yong-Hye (S. 143). Ihr Ehemann wird für zurechnungsunfähig erklärt, wegen Ehebruchs verhaftet und erst auf Bittgesuche hin wieder auf freien Fuß gesetzt, woraufhin er spurlos verschwindet (S. 144). Auf Drängen der Schwester wird auch Yong-Hye erneut in die Psychiatrie eingewiesen. Man diagnostiziert Magersucht und Schizophrenie (S. 147) – sie wird die Anstalt nie mehr verlassen.

Den dritten Teil der Handlung erzählt nun die Schwester. Sie spricht von ihren Besuchen, erzählt davon, wie die Schwester immer wieder ausbricht, um im Wald unter den Bäumen zu stehen, als wäre sie einer von ihnen (S. 131). Dieses Erzählen über Yong-Hyes Veränderungen findet parallel mit einem Erzählen über den Sohn der Schwester statt, der gleichfalls erkrankt – hohes Fieber, rasselnder Atem (S. 132) –, und an seinem Bett kann die Schwester erstmals nicht nur ihre massiven Schuldgefühle eingestehen, sondern auch ihren Hass auf Yong-Hye, die nicht akzeptieren will, dass kein Mensch mit dem eigenen Körper machen könne, was man wolle (S. 183-184). Bilder gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf, Bilder von mit Blumen, Blättern, Stängeln bedeckte Körper, »sich windende Pflanzen, die rum kämpfen, sich ihrer Hülle zu entledigen (S. 187). Und sie kann nicht anders, als insgeheim das Aufbegehren ihrer Schwester und ihres Mannes zu verstehen: Hätten diese es nicht getan, so wäre sie selbst vielleicht diejenige geworden, die »sich aufgelöst hätte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden wäre« (S. 188), wie der Milan, der sich bis zu den Wolken hochschwingt (S. 189).

Was in dieser inhaltlichen Zusammenfassung drückend klingen mag, gibt jedoch nicht das im Roman vorherrschende Gefühl wieder, nicht nur, da eine auffallende Spannung die Lektüre dominiert. Atemlos liest man weiter, will verstehen und entdeckt Schicht um Schicht die Vergangenheiten und die Gegenwart der Charaktere. Erzählt in recht knappen, klaren Sätzen, gehört er dennoch ob seiner kunstfertig gebauten Struktur zu den großartigsten Werken, die ich je lesen durfte – weshalb an dieser Stelle auch ein besonderer Dank Ki-Hyang Lee für die Übersetzung gilt.  

 

Han Kang: Die Vegetarierin. Berlin: Aufbau Verlag 2024.