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»Du sollst dir ein Bild machen« – von Gotteslästerung und der Erkund[ig]ung des Eigentums

Wer der Ausstellung »Du sollst dir ein Bild machen« im Wiener Künstlerhaus »Gotteslästerung« attestiert und ihre umgehende Schließung verlangt, der oder die hat etwas Essenzielles nicht verstanden: Kunst nämlich.

Diese spiegelt Welt und regt – gehen wir mit einem Werk in Resonanz – zu eigenständigem Denken an. Sollte man dies nicht wollen, empfiehlt es sich, der Kunst fern zu bleiben. Nicht aber die Kunst zu entfernen.

Um künstlerisch Welt zu spiegeln, ist es zu befürworten, bedeutsame Themen aufzugreifen. Alle anderen werden uns ohnedies von Massenmedien unterbreitet.

Kunst lädt uns ein, mit diesem Weltenspiegel in Resonanz zu gehen: hinschauen, wahrnehmen, hin[ein]horchen, das Echo in uns erkennen. Was nicht zu verwechseln ist mit ›sich wohlfühlen‹, ›bestätigt werden‹, ›weitermachen wie gehabt‹.

Wird nun per Petition das sofortige Ende jener Ausstellung verlangt, so zeigt sich, dass man diese Schritte nicht erkennen wollte, denn die Frage nach tradierten und zeitgenössischen religiösen Bildern müsste sonst einer sogenannten »Österreichischen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum [!]« per se gefallen, nicht wahr? Oder sind in deren Augen Werte bereits ihr Privateigentum und kennen daher keinen Spielraum für Interpretation und Irritation?

Dann wäre es verständlich, dass angestrebtes ›Weitermachen-wie-gehabt‹ samt nachfolgender Bestätigung eigener Denke gewünschte innere Starre gefährdet und schon ein gekreuzigter Frosch zur Aufregung ausreicht, der anderen wie mir eher zum Anlass wird, Künstler*innen wie Kurator*innen weitaus mehr Mut zu kritischer Auseinandersetzung mit Tiefgang zu wünschen.

Denn Kunst – zumindest so wie ich sie sehe – sollte mich bitte schon als denkenden und empfindsamen Menschen für voll nehmen und mich herausfordern. Was nicht unbedingt auf alle Arbeiten in jener Ausstellung zutrifft. Manch gezeigte Kreuzigungsszenerie ist so-la-la, andere Werke präsentieren bereits Halbdurchdachtes, und manchem wünscht man reflektiertere Bibellektüre, vorzugsweise »in gerechter Sprache«. Warum manche auf halbem Weg stehenblieben, darüber lässt sich hingegen ebenso vortrefflich nachdenken.

Auf halbem Weg jedenfalls verharrten manche während der Vernissage nicht, weshalb ein Werk dort nicht mehr vollständig zu sehen ist: Gleich neben dem Eingang befindet sich ein Tischchen, auf dem 100 handnummerierte und somit gleich einem ›Abzug‹ signierte Flaschen in Reih und Glied stehen. Gefüllt sind sie mit farbloser Flüssigkeit, und ihr Etikett verweist auf den ›Segen‹ eines »Curators Water« mit dem Nachsatz »Effects may vary with personality«.

Wie wahr diese Aussage bei der Vernissage wurde, das hat sich wohl nicht einmal die Künstlerin träumen lassen: Ein älteres Pärchen bahnt sich den Weg, beide schon eher schlecht zu Fuß, beide – so zumindest mein Wunsch – haben irgendwann bereits bessere Zeiten gesehen. Die Frau schlurft an dem Kunstwerk vorbei, hält inne, setzt einen Fuß zurück und greift eine Sekunde später behände nach einer Flasche, lässt sie hurtig in ihrer Umhängetasche verschwinden. Eine zweite folgt. Als sie die Hand ein drittes Mal ausstreckt, weisen mein Mann und ich sie freundlich darauf hin, dass es sich bei diesen Flaschenreihen um ein Kunstwerk handle. Selbst das gelenkte Augenmerk auf das Schildchen rechts des Tisches, auf dem der Name der Künstlerin – Lena Lapschina – verzeichnet ist, bringt die Frau nicht dazu, ihren ergatterten ›Proviant‹ zurückzustellen. Es sei, sagt sie bloß, bei Vernissagen üblich, dass es ein Buffet gäbe, zurückstellen werde sie daher ›ihr Wasser‹ sicherlich nicht. Eilt, so schnell es ihr Alter gestattet, davon.

»The (numbered) labels pretend that this might be an edition, and that the bottles contain magic power for those who own, open, enjoy them«, zitiere ich die Künstlerin (http://lapschina.com/), und wir lachen über die ungeahnte Weihe dieses Pärchens durch solch erdachten Kurator: Mögen sie das Wasser bloß nicht im Übermaß trinken! Die persönlichen Effekte spielen ja jetzt schon alle Stücke. Wer weiß zu sagen, was geschieht, tritt in ihnen auch noch ein*e Kurator*in als Priester*in auf?

Nun, so sagt mein Mann, nun seien diese nur noch 98/100 Fläschchen prekären Arbeitswassers sicherlich Kunst geworden.

Zumindest hätten sie zwei Paare in Resonanz gebracht, ergänze ich, und weise auf den alten Herren, der zu uns herüber schaut, zum Tisch, zu uns, weil seine Frau ihm nun unter Kichern ihre Tat zuflüstert, ihm die beiden ergaunerten Flaschen weist. Ich hoffe, sie haben einen Sohn namens Isaak – ein Name, der nichts anderes bedeutet als »Gott hat mir ein Lachen bereitet« (Genesis 21,6).

Das alpine, kuratierte Wasser, so steht es auf dem Flaschenetikett, sei »hand-botteled in Europe under precarious circumstances«, die aber interessieren weder Kurator*innen (behauptet das Kunstwerk) noch das alte Pärchen (das Prekariat offenbar kennt), nicht einmal besagte Gesellschaft (zum Schutz des sonderbaren Sammelsuriums an Nomen): Du aber, du sollst dir ein Bild machen, was dein ›Wasser‹ (mit oder ohne ›Weih-‹) für andere bedeutet und kein Bild von Göttlichem, auch nicht von den Menschen, denn die Starre der Schublade könnte dich selbst härten und dir Offenheit wie Wandlung verwehren (2, Moses 20,4). Traurig, aber wahr, dass es noch immer nötig ist, dieses auffordernde Motto zu eigenständiger Hirnaktivität und Empfindungshaltung zu zitieren…

 

(Die Ausstellung ist [hoffentlich] noch wahrzunehmen bis 08.02.2026 im Künstlerhaus Wien, https://www.kuenstlerhaus.at/besuch/kalender/ausstellung/475/du-sollst-dir-ein-bild-machen.html Mit Werken von Marina Abramović, Irene Andessner, Sumi Anjuman, Anouk Lamm Anouk, Siegfried Anzinger, Teodora Axente, Ursula Beiler, Renate Bertlmann, Guillaume Bruère, Victoria Coeln, Aron Demetz, Leslie De Melo, Christian Eisenberger, Manfred Erjautz, VALIE EXPORT, Paul Sebastian Feichter, Paolo Gallerani, Philipp Haslbauer mit Marco Schmid und Aljosa Smolic, Lois Hechenblaikner, Siggi Hofer, Martin Kippenberger, Julia Krahn, Evelyn Kreinecker, Lena Lapschina, Ina Loitzl, Sissa Micheli, Hermann Nitsch, Adrian Paci, Drago Persic, Margot Pilz, Arnulf Rainer, Johannes Rass, Bettina Rheims, Sylvie Riant, Thomas Riess, Deborah Sengl, Andres Serrano, Thomas Sterna, Esther Strauß, Billi Thanner, Timm Ulrichs, Markus Wilfling.)