Unbestritten: Dieser Roman passt ausgezeichnet zu vielen Druckwerken, die gegenwärtig Ladentische allerorts belegen.
Unbestritten auch: Der Spannungsbogen ist gekonnt gesetzt.
Unbestritten die Dritte: Der Roman ist passende Lektüre für Menschen, die einen Roman rund um ein großes Geheimnis, eine nicht zu tilgende Schuld und ihre Verstrickungen bis in die Gegenwart suchen. Ein Krimi, könnte man sagen, bei dem kein Blut fließt, weil niemand wahrhaftig einen Mord begeht – gut geeignet für empfindliche Mägen (Außer: verschwundene Kinder schlagen einem unweigerlich auf diesen. Dann sollte man kein sanft plätscherndes Blättern für sich selbst erwarten.).
Es ist aber vor allem ein Roman, bei dem Lesende – unabhängig davon, auf welcher Seite sie ihn öffnen und wie blind sie auf das Blatt blicken – holpernde Sprachrhythmen und Grausamkeiten des Satzbaues sowie erklärende Sätze in großer Menge finden. Hier manch Exempel, damit verständlicher wird, wovon ich spreche:
»Die Versuche, ihre Mutter mit kleinen Gesten zu besänftigen […], verstärkten Dorothys Anspannung und Nervosität nur noch.« (S. 35 – eine Behauptung; an der Figur zeigt sich nichts. Die Aussage bleibt folglich an der Oberfläche.)
»Als sie zu Hause ankommt, kann sie kaum atmen, so sehr schämt sie sich. Sie geht nach oben und zieht sich um […].« (S. 97 – Telling: die Aneinanderreihung von Abläufen. Hart getrennt vom nächsten Satz.)
»Sie gestattet sich nicht, darüber nachzudenken, was sie vorhat, und legt die Hand auf seinen Arm.« (S. 148 – ach die Erzählperspektive! Wie weit entfernten wir uns von Flauberts kommentarlosem Erzählen (und allen folgenden Erkenntnissen zweier Jahrhunderte), wenn Personale und Auktoriale nicht mehr auseinanderzuhalten sind?)
»Ein Windstoß rüttelt am Fenster und holt sie zurück in das Bett, wo der karge Winter ihres Körpers sie bis ins Mark frieren lässt, wo ihr Schoß sich leer anfühlt und kalt wie ein Frosch.« (S. 205 – Jede weitere Anmerkung unnötig.)
Für einen gelungenen Roman genügt es eben nicht, eine gute Idee zu haben (Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf …). Oder sich eine durchaus interessante Story auszudenken (Was wenn die Eigeninteressen der Erwachsenen, ihre Verstrickungen untereinander, diesem Kind in die Quere kommen …?). Ein Roman bedarf außerdem der sprachlichen Ausgestaltung und der Arbeit am Erzählton. Erstaunlich, wie wenig Augenmerk seit ein oder zwei Jahrzehnten darauf gelegt wird. Und noch ein Phänomen dominiert:
Das Erzählen vieler Schriftsteller*innen kennt kein Showing mehr! Es ist, als wäre ihnen nicht nur Genitiv und Konjunktiv fremd geworden, sondern obendrein diese Erzählkompetenz, die Lesende dazu einlädt, sich in Protagonist*innen einzufühlen und deren Leben ›mitzuleben‹, den Gedanken der Charaktere zu folgen und währenddessen eigene zu entwickeln. Zudem stellt das Showing in Mimik und Gestik Emotionen dar, überlässt Leser*innen den Schlüssel dazu, und nutzt für sich die Verflochtenheit der Handlung, die unser aller Leben an und für sich doch kennt.
Wir, so scheint es, haben dem Showing den Rücken zugewandt. Im Gegensatz dazu boomt Telling, diese Erzählhaltung, die sich im gerafften Behaupten gefällt, vorzugsweise gespickt mit Vereinfachungen, die sich mit flinkem Blick aufnehmen lassen, insbesondere wenn es um Emotionen geht: wütend, traurig, zornig, ängstlich – schon glauben wir, wir hätten genug gesagt. Telling, so scheint es, passt in unsere Zeit, denn es erklärt uns die Welt. Es stellt sie uns nicht dar, um sie selbst zu entdecken. Ich persönlich finde, Telling ist ungemein 17. Jahrhundert, mit ewiggestrigen Ausläufer*innen ins bis in den Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Literatur jener Epochen ist ein Telling-Paradies, wer es denn mag. Jede*r mit Welterklärungssehnsucht müsste sich dort prima aufgehoben fühlen. Die große Errungenschaft der Moderne aber war die Weiterentwicklung der perspektivischen Varianten, die uns gestatten, Erzähltes aus dem Inneren einer Figur oder mehrerer Protagonist*innen mitzuerleben. Einen Erzählton, den Buchhandel und Kritik gegenwärtig so gerne mit dem fürchterlichen Etikett ›schwierig‹ versehen, insbesondere, wenn er auch noch komplexere Sätze kennt, deren sechstes Wort überfordert. Ganz zu schweigen von Komma oder einem Fließen über eine Seite. Es fragt sich Warum.
Für Autor*innen lässt sich diese Frage mE recht einfach beantworten:
Einen Roman im Showing zu verfassen, das erfordert langwierige Arbeit! Es bedarf des Nachdenkens, um dem platten Telling durch szenische Gestaltungen zu entwischen. Ewige Wiederholungen emotionaler Befindlichkeit in konstatierenden Ton sind im Showing unmöglich, man hat stattdessen den Emotionen auf den Grund zu gehen. Solch ein Roman schreibt sich nicht in drei Wochen. Manchmal nicht einmal in drei Jahren.
Was in weiterer Folge auch Konsequenzen für die Lesenden hat: Sie bedürften bei ihrer Lektüre der Zeit, haben sie sich doch einzufühlen. Es genügt nicht, sich die Hälfte der Seiten zu Gemüte zu führen, sie zu überfliegen. Bei den gelungensten Werken zählt jeder Satz, jedes Wort, jeder Punkt.
Das scheint zu überfordern.
Gut, wir leben in einer Zeit, in der uns alles überflutet. Ständig bimmelt, surrt oder tönt irgendwo etwas, sei es die Waschmaschine, der Kühlschrank oder das Mobiltelephon. Alles giert nach unserer Aufmerksamkeit, fordert sie ein und überfordert uns, und wir spielen dieses Spiel mit, welches ständig neue Blüten treibt.
Verlegen Menschen ihr Telefon, steht ihr emotionaler Aufruhr in keinem Verhältnis zur Tatsache, einige Minuten nicht fernmündlich angesprochen werden zu können. Das Mobiltelephon mit seiner Wisch-und-weg-Mentalität hält unsere Gegenwart fest umklammert, denn es füllt die Leere, die wir spüren. Zugleich mindert es unsere Chance auf Begegnungen entschieden – wagen sie einen Blick in einen U-Bahn-Waggon, dort zeigt sich das in aller Deutlichkeit.
Die konstante Überflutung, die wir tagtäglich erleben, führt dazu, dass wir uns in unserer Freizeit keine Zeit mehr dafür nehmen möchten, um Zwischentöne auszuloten. Wir sind schlichtweg überfordert, wenn ein Gegenüber uns ein Empfinden darstellt und es nicht im Aussagesatz behauptet. Am deutlichsten wird dies in der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern – im Nebenher ein »Ja, ja …« zur Antwort, das Telefon oft schon in der Hand, wisch-und-weg, das Kind, das erzählt …
So erleben wir täglich, wie wir verarmen. Denn etwas anderes ist das nicht. Wir sind kaum noch fähig, in Mimik und Körpersprache zu lesen, und eine Aussage, die nicht platt »ich bin traurig!« lautet, ist uns in ihrer Anforderung, zwischen den Zeilen zu lesen, schon zu viel. Wir bräuchten ja Zeit und Energie, sie zu entschlüsseln. Und Zeit und Energie, um uns alldem zu entziehen – die bringen wir mittlerweile kaum noch auf.
Auch Autor*innen sind keineswegs von dieser allgemeinen Ermattung ausgenommen. Also konstatieren sie, dass sich in ihren Charakteren Anspannung und Nervosität verstärken, statt sich zu überlegen, wie sich dieses Innenleben explizit bei jenem einen Individuum auswirkt, von dem sie doch eigentlich erzählen wollten, wie diese Empfindungen in ihm oder ihr für das Umfeld sichtbar werden, welche Konsequenzen sie haben. Und schreiben stattdessen den Aussagesatz: ›Sie war nervös.‹
Möglichst kurz.
Komplexe Satzstrukturen könnten ja das Gefühl der Überforderung hervorrufen, was im Weglegen endet.
Ich denke, es wäre an der Zeit, sich alldem zu entziehen. Wollten wir nicht, wenn wir Literatur lesen, lachen und weinen? Sollen nicht neue Ideen unsere Gedanken nähren und neue Gefühle unsere Empathie stärken? Wir möchten doch mit einem Mehr aus unserer Lektüre hervorgehen – und nicht bloß mit der Erkenntnis, unsere Zeit irgendwie umgebracht und die Leere gefüllt zu haben, nicht wahr?
Bei »Das Geschenk des Meeres« wird das nicht passieren, wiewohl es mit seinem Plot rund um ›ein großes Geheimnis‹ und eine Dorfgemeinschaft, die ausschließt und sich alsdann erneut finden muss, gewiss punkten wird: Es ist preisverdächtig und hat diese erhalten. Eignet sich ja doch großartig für eine Netflix-Miniserie. Ein Feel-Good-Roman. Bei dem sich leider jedwedes gute Gefühl verflüchtigt, nicht nur, weil einem der Erzählton auf den Magen schlägt, sondern weil es keine innere Entwicklung der Figuren gibt: Jenseits der Behauptungen wäre diese wohl ›zu schwierig‹.
Und ja, schwieriger als schwierig, wahrhaftig katastrophal also ist es, dass Werke, die Literatur als Lebensraum für Leser*innen begreifen, stattdessen mit dem fürchterlichen Etikett ›schwierig‹ versehen werden:
›Schwierig, dass sie uns eine Chance einräumen würden, lesend zu wachsen.‹
Ich aber, ich trete an mein Bücherregal. Nicht um »Das Geschenk des Meeres« dorthin zurückzustellen. Sondern um mir ein Buch zu wählen, dass mir in seiner Sprache, seinen Bildern, seiner Verflochtenheit und seinen Charakteren Raum für mich als Lesende gewährt!
Kelly, Julia R.: Das Geschenk des Meeres. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Hamburg: mare Verlag 2025.
Mit einem Holzschnitt-Cover der Künstlerin Franziska Neubert.