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Mehr Meerideen für liebenswerte Lesefreund*innen

Die 31 Erzählungen Maria Lazars, die mir als Geburtstagsgeschenk am 12.12.25 im Band »Gedankenstrahlen«, dvb-Verlag, erschienen sind, werden jede*n begeistern, der abends ein paar Seiten spannenden Lesegenuss bekommen möchte, bevor die Ermattung des Tages ihn oder sie in den Schlaf scheucht. Sprachlich famos wie von dieser Autorin gewohnt, oftmals ironisch überhöht, so porträtiert Maria Lazar in diesen Stories ihre Zeit und das Beunruhigende, das sie gleichfalls ausmachte, begegnet uns darin in Zufällen und unerhörten Ereignissen, in frappierenden Wendungen und erstaunlichen Abenteuern: »Über der dunkelblauen glatten Meeresfläche wölbte sich ein unendlicher, ein zitternd heller Himmel. In seinem Licht war es wirklich nicht gut möglich an Gespenster zu glauben. Und schon gar nicht an eines, das seine zarten Glieder eben in den Sand legte und allen Überfluss der Sonne auf sich einströmen ließ«, heißt es in der Erzählung »Es spukt im Hotel«. Unerhörtes wird Alltag, in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Kein Wunder, mehrheitlich entstanden diese Kurzgeschichten in den 1930er- und 1940er-Jahren. Viele von ihnen erschienen unter dem Pseudonym Esther Grenen in der Schweiz, andere, wie die großartige Kurzgeschichte »Marjorie«, waren bislang unveröffentlicht.

»Gedankenstrahlen« ist ein Buch, das uns wohl noch mehr beschäftigen wird, doch darf es in dieser vorweihnachtlichen Mischkulanz einiger Lesehinweise für besondere Menschen nicht fehlen.

 

Nicht unwirtliches Winterwetter allein, sondern auch der eisige Wind der Politik und ein ungebrochener Wille brachten seit jeher viele dazu, das Meer zu queren, und selbst wenn sie nur allzu gerne ihre Vorurteile auf diese Wege mitnahmen, ihre Talente, ihr Wissen und Können waren stets auch mit dabei. 

Nicht nur diesen Menschen geht »Stadt der Ideen. Als Wien die moderne Welt erfand« von Richard Cockett nach, erschienen im Molden Verlag, ein Schmöker, der sicher diejenigen Leser*innen begeistert, die Wien schätzen und Kulturgeschichte phänomenal interessant finden: Er zeichnet in dieser Zusammenschau ein bemerkenswertes Bild der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und der innovativen Kraft, die in Wien gedieh, bevor sie in den 1930er-Jahren vernichtet wurde oder den Weg ins Ausland zu finden hatte.

Zu hoffen bleibt, dass dieses Buch über die historisch darstellende Dimension hinaus manchem Zeitgenossen, mancher Zeitgenossin ein Denkanstoß wird – für mehr Dynamik und Offenheit, für umfassende Akzeptanz neuartiger Konzepte, für stimmige Strukturen für kreative Geister, denn nur so bleibt ein Land eines der Ideen.

 

Wen das Meer samt Schifffahrt fasziniert und wer sich obendrein für das Unheimliche und das Unerhörte in allen Ereignissen erwärmen kann, den wird sicherlich Elinor Mordaunts »Das Herz eines Schiffes« ansprechen, erschienen im mare Verlag. Der Inhalt folgt dem Titel: Ein großes Schiff hat ein ›Herz‹, es fühlt und liebt und hasst, und es verhält sich dementsprechend eigensinnig, allen Manövern der versierten Seemänner an Bord zum Trotz. Unheimlich und ungemein spannend, was sich daraus ergibt.

Noch kurz zu Elinor Mordaunt (1872–1942), die wohl hierzulande kaum bekannt sein dürfte: Sie gehörte zu denjenigen, die schrieben, um ihre Unabhängigkeit gestalten zu können. Sie finanzierte so ihre Lust, durch diese Welt zu reisen und Orte und Menschen kennenzulernen, die ihr sonst unerreichbar gewesen wären – Stillen lässt sich solches Verlangen nach Weite ja wohl nie.

Die Kurzgeschichten, die dadurch entstanden und die sie an etablierte Zeitschriften in England, Australien und den USA verkaufte, handeln von mysteriösen Vorkommnissen. Sie spinnen im besten Sinne Seemannsgarn und kennen auch kein Zaudern, wenn der Lokalkolorit eine brachialere Sprachvariante als herkömmlich üblich verlangt. Für manchen mögen die nautischen Fachbegriffe, mit denen diese Erzählungen gespickt sind, eine Lesehürde darstellen: Für Liebhaber*innen des Segelns hingegen bietet Mordaunts kenntnisreicher Blick einen zusätzlichen Genuss.

 

Übrigens erschienen im gleichen Verlag (und in ebensolch feiner Ausstattung wie »Das Herz eines Schiffes« mit Schuber, bedrucktem Leineneinband und Lesebändchen) drei Erzählungen der Amerikanerin Constance Fenimore Woolson unter dem Titel »Skizzen des Südens«. In ihnen stellt sie Frauen ins Zentrum ihrer Handlung, selbst wenn diese inaktiv und ängstlich-starr bleiben, weshalb rund um sie herum durch Männer ihre Geschichten erzählt werden.

Für das besonders interessante Nachwort zu dieser vergessenen Literatin zeichnet Kerstin Ehmer verantwortlich, deren Darstellung uns einen guten Zugang zu dieser zugegebenermaßen etwas sperrigen Autorin ermöglicht: Constance Fenimore Woolson hätte es wohl vorgezogen keiner literarischen Arbeit nachgehen zu müssen, um der Familie willen, für die ihr Schreiben ›eine Schande‹ war und wegen der sie alles zu tun versuchte, um bloß nicht unweiblich und ›bookish‹ zu wirken, Selbstverleugnung eingeschlossen. Da die Familie jedoch durch zahlreiche Todesfälle erschüttert wurde, fand sich Constance Fenimore Woolson, das sechste Kind der Familie, plötzlich als Älteste wieder, die sich um jüngere Geschwister sowie um eine nunmehr beinahe mittellose Mutter zu kümmern hatte. So schuf Schreiben ihr Einkommen, selbst wenn der kleine (und einzig überlebende) Bruder die Öffentlichkeit der Schwester verabscheute. Umso erstaunlicher, dass sich diese mit Verleugnung beladene Autorin in ihrem Schreiben der einst ungemein innovativen Strömung des amerikanischen Realismus zuwandte! Auch porträtierte sie gekonnt den unerträglichen Rassismus des 19. Jahrhunderts, der in Florida dominierte und schuf in ihrem Blick auf eine noch recht unberührte Natur ihren Figuren (und sich selbst) eine Möglichkeit, dem engen Korsett der 1870er-Jahre zu entkommen. In den hier versammelten Erzählungen setzt Constance Fenimore Woolson vor allem den Einwandernden aus Spanien – ›Menoquinier‹ genannt – ein Denkmal. Und dem Meer, an dessen Strand spaziert wird, um Krebse und Wasserkrabben zu bestaunen. Und »leuchtende Algen, kleine Farbtupfer auf dem weißen Sand« … (S. 54) 

 

Wer Zeit für fette Schmökern kennt und ein souveränes Erzählen zu schätzen weiß, sich obendrein für Triest begeistert – und nicht allzu gerne durch Antiquariate auf der Suche nach dem grandiosen Roman »Meere« des gleichen Autors jagt –, dem seien die »Briefe nach Triest« von Alban Nikolai Herbst, erschienen im Arco Verlag, dringend empfohlen. Dieser Autor, der meines Erachtens noch immer viel zu wenig bekannt ist, schrieb mit »Meere« nicht nur einen Roman über eine zerstörerische Paarbeziehung zwischen einer sehr jungen Studentin und einem bildenden Künstler namens Fichte, für den – unschwer zu erkennen – die beiden Künstler Anselm Kiefer und Arnulf Rainer als Figurenvorbild fungierten. Nikolai Alban Herbst schuf vor allem einen Roman von großer innerer Dringlichkeit, der berührt und der in einem auch Monate nach der Lektüre noch nachhallt. Zudem lohnen dessen Strukturprinzipien den mehrfachen Blick in dieses Erzähluniversum – allein die Konstruktion der Erzählperspektive verdient dabei Beachtung: Die Distanzierung, die in der Personale vorgenommen wird und die alle Ereignisse in erzählerische Ferne rückt, bevor sie wiederholt mittels eines Ich-Erzählers gebrochen werden, der sich in aller Direktheit an ein Du wendet, in dem sich die junge Frau birgt. Ein frappierendes Werk mit doppelten Böden, dessen unaufhaltsamen Sog man am besten mit einem freien Wochenende oder einigen Feiertagen antwortet, das aber wohl einzig antiquarisch zu ergattern sein wird. Eine Suche, die sich lohnt – für mich in diesem Jahr eines der großartigsten Bücher, die ich lesen durfte!

Anlass war mir dabei »Briefe nach Triest« des gleichen Autors, die diesjährig erschienen, ein Roman, der sicherlich in jedem wohlsortierten Fachhandel zu erstehen ist, um uns danach während zahlreicher Lesetagen auf zwei Handlungsebenen in eine erzählte Welt zu entführen und mein Lesebeginn verspricht, dass auch dieser Roman mich nicht so rasch loslassen wird:

›Reale‹ Romanfiguren sowie imaginierte Charaktere sind darin so zahlreich, dass der Autor uns im Anhang eine Liste zur Übersicht gewährte. »Wo fange ich an, wo höre ich auf?« (S. 6) – entscheiden wir uns vorerst für einen Hinweis aus dem ersten Brief: »[…] gestern hätten ihm, meinem Freund Mehltau, seine morgendlichen Briefe an Dich, es sind unterdessen dreiundfünfzig, so sehr gefehlt, daß er gefühlt habe, nicht auch sie sich nehmen lassen zu wollen – nun, nachdem Du Dich wieder getrennt hast.« (S: 7)

Schon sind wir im Thema: »Was Euer Privatestes war, wird so zum Öffentlichen werden, einem Allgemeinen der Literatur.« (S. 7) Doch dies auf eine Art, die mich einnimmt, nicht nur, aber auch, weil die Kunst der Literatur an und für sich auf diesen rund 600 Seiten stets Thema sein wird. Sie verquickt sich mit dem Leben, da beide für bibliophile Menschen untrennbar miteinander verbunden sind. Lesend dürfen wir uns in sie vertiefen – mit nachhallendem Gewinn.