Ein Morgen in der Region Marchfeld. Ein Morgen, nahe einem Gemüsefeld. Ein Morgen, an dem das Gewohnte zerbricht, weil ein junger Mann namens Duffek nachts das Kabel des Fernsehers durchschnitt, es um ein Rohr in der Dusche wand und den Hals in die Schlinge steckte. Daran stirbt er nicht, selbst als der Stuhl wankt, auf dem er vor allen Arbeitskolleg*innen und dem ›Scheffe‹ Bauer Hebenstreit steht. Trotzdem ist danach nichts mehr, wie es war.
Der Bauer Hebenstreit, der im Gegensatz zu seinem Vater von Milchwirtschaft auf Gemüseanbau umsattelte, der sinkenden Marktpreise wegen, verschuldete sich dabei und will dies nun mit seinem Bio-Gemüse begleichen. In Fruchtwechselwirtschaft soll es geerntet werden, damit der Boden seine Kraft behält. Schließlich ist Hebenstreits Erdbesitz begrenzt und folglich wertvoll. Menschen hingegen gibt es in rauen Mengen und sind die einen verbraucht, kommen andere nach. Dafür sorgt schon die Agentur mit ihren Bussen. Sie kommen auf Zeit, um in Hebenstreits Container mit seinen ausrangierten Möbeln zu leben und auf seinen Feldern zu arbeiten. Die sind ersetzbar, die Menschen. Wen braucht es da schon zu interessieren, dass sie nie zufrieden sind, dass sie von einem eigenen Paar Arbeitshandschuhen träumen, von festen Schuhen oder sogar von einem Raum für sich allein? Schließlich zahlt ihnen Hebenstreit beinahe doppelt so viel wie andere Bauern, er braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wegen der Enge oder wegen ihres Mülls, der ›seinen‹ Container verunstaltet, sie könnten ja nach der Arbeit noch sauber machen oder sich gleich besser benehmen. Er zahlt doch gut: Jede Kiste fünfzig Cent.
»Es mag angehen, dass die Sozialministerin, die sich die manikürten Fingernägel am Stehpult des Parlaments abstößt, nicht weiß, welchen Wert die Arbeit dieser Leute generiert. Die Menschen aus den namenlosen Dörfern aber wissen es, und sie wissen es umso besser, je weiter der Sommer vorgerückt. Die alte Regel, wonach sich für einen, der beschließt, nicht länger für einen Dreckslohn zu arbeiten, drei andere in die Reihe stellen, mag für einfache Arbeiten gelten, […] nicht aber für die komplexe Tätigkeit des Erntehelfers, dessen Hände ein Bauer anbetet, sobald die Meteorologin in den Abendnachrichten die nächste Bombardierung durch Hagel ankündigt.«
Und wiewohl Hebenstreit weiß, dass die Bedingungen, unter denen er arbeiten lässt, unmenschlich sind, er nichts so sehr fürchtet wie ein Video, das von diesen Verhältnissen oder gar von Duffey auf dem Stuhl, das Kabel um den Hals erzählt, er ihre Hände braucht, damit das Gemüse nicht verfault, ist es ihm dennoch lieber, dass sie gehen sollen, diese Partie, wenn sie schon gehen wollen. Sowieso ist jeder ersetzbar. Vor allem, wer in den Acker kippt, von einem Blaulicht abgeholt und außer Landes gebracht wird. Sogar einer wie Duffek ist ersetzbar, dessen Hände Gold wert sind, weil sie 20 Kisten in der Stunde schaffen, selbst er ist ersetzbar, wenn er überschnappt, aus stummer Verzweiflung über ein Leben, das keines mehr ist.
Dass Hebenstreit rechnen muss, das versteht jede*r, davon geht er aus. Er rechnet auch mit seiner Frau, für die er ja gleichfalls zahlt, also muss sie etwas einbringen. Sex und Marktwert am Stand, zum Beispiel. Einen Nutzen eben. Das versteht auch seine Frau, dass das so ist. Und die ehemalige Alleinerzieherin erduldet, dass ihre neunjährige Tochter in der ehemaligen Selchkammer im Dunst von Fleisch, Salz und Moder haust, für das bisschen Mehr an Sicherheit in einem Leben. Irgendwann wird sich der Bauer schon damit abfinden, dass das Mädchen da ist. Und das Kind in der Selchkammer will nicht mehr essen, seit es obendrein in dieser neuen Schule gemobbt wird, es wäre sowieso lieber bei dem Vater. Der sitzt in irgendeinem Gemeinderat und will von seiner Tochter nichts wissen.
Das Unvermögen zu sprechen kennzeichnet all diese Figuren: Weder können sie ihre Verhältnisse benennen noch ihr Innenleben in Sprache kleiden und miteinander teilen. Sie kennen alle nur Kommandos, Befehle.
Großartig ist der Roman an jenen Stellen, an denen sich Göttfert darauf einlässt, uns ganz ruhig zu erzählen, wie sich aus all den unzähligen Sprachen der Arbeitenden im Container eine neue Sprachvariante destilliert, mit eigenen Vokabeln für die Notwendigkeiten der Verständigung, die von allen verstanden werden. Kühl wird uns das wortgeschöpfte Vokabular nahegebracht, das sich zwischen ›Kübel‹, ›Messer‹, ›Jause‹ – stets auf Deutsch –, ›vody, vody‹ – der Schlauch –, ›Kurve‹ – die Fahrt nach Hause, ›bitsche, batsche‹ – die links- oder rechtswendige Kehre, und ›Gute‹ bewegt.
Gute, das bedeutet nicht, dass etwas gut sei oder dass es passe. Nein, die Wertschätzung, die darin anklingt, die gehört ins Reich der Märchen. Gute, das ist schlicht und ergreifend das Geld, das nach der Arbeit auf die Hände gezählt wird, Gute, das ist, was danach verborgen wird, gehütet wie ein Schatz, denn nichts ist sicher, nicht einmal, dass es irgendwann ›Zuhause‹ ankommen wird. Schließlich ist in jenen Monaten ›Zuhause‹ ferner als die wenigen Kilometer, die es über die Grenze und ins heimatliche Dorf braucht.
Duffek, den sie ›Idiot‹ nennen, spricht nicht einmal von ›Gute‹. Kein Wort. Und die anderen Arbeitenden hatten sowieso schon seit jeher den Verdacht, dass er nicht ganz richtig im Kopf sei. Vielleicht wirren sich deshalb nach seiner Kabel-Tat, die ihnen den Fernseher nimmt, auch die Geister der anderen, wer weiß? Es wird jedenfalls gepöbelt und geschubst, ein Autounfall trägt zur weiteren Wirrnis in den Köpfen bei, und bald findet sich an jenem Tag niemand mehr zurecht. Auch Magda nicht, die sich über eine ungerechtfertigte Online-Rezension ihrer handwerklichen Nebenher-Arbeit derart ärgert, dass sie ihre Tochter verpasst, die nach einem Völkerballspiel, welches in eine Schlacht ausartet, lieber untertaucht – auch in ihrer Phantasie vom herzinnigen Papa, statt darüber zu sprechen, was wahrhaftig ist.
Grenzen prägen eben das Leben. Grenzen der Sprache, des Vermögens und der Fähigkeiten. Einzig Natur ist grenzenlos:
»Lange bevor an dieser Stelle des staatlichen Tellerrandes der erste Schlagbaum für Recht, Ordnung und Desaster sorgte, bevor der erste Mensch dem anderen das Sturmgewehr an die Schläfe hielt, bevor also überhaupt eine Grenze unsichtbar das Wasser teilte, ja bevor überhaupt noch zwei Ländern existierten […]«, da herrschte dort bereits die Natur. Und ›nett‹ oder auch bloß ›wohl gesonnen‹ war die noch nie. Nicht einmal ›verständnisvoll‹.
Vielleicht sollten wir uns deshalb in einem Roman, der die Verhältnisse benennt, in denen Menschen arbeiten, keine Sekunde Aufatmen erhoffen, auch keinen Moment der Gewissheit, dass es wenigstens mehr als hilfelose Versuche des Wendens zum Guten gibt – und gemeint ist hier nicht die kapitalistische Währung. Vielleicht sollten wir uns nicht einmal erwarten, dass wenigstens eine Figur uns Identifikation ermöglicht und dadurch ein Miterleben während der Lektüre. Eher fallen in einem Roman über rurale Arbeitswelt die Vögel vom Himmel. Ursache unbekannt. Wie soll da irgendwer einen klaren Gedanken fassen? Die Protagonisten? Können das nicht mehr. Und der Zynismus der Verhältnisse prasselt auf uns ein, was uns Lesende zum Watschenbaum werden lässt. Dem könnte man sich – als fühlender und denkender Mensch – entziehen, indem man das Buch schließt und beiseite legt. Was man jedoch im albernen Hoffen auf eine Wendung nicht will.
Nein, Göttfert schont uns nicht. Nur an wenigen Stellen wechselt er die Erzählperspektive, gleitet in die Personale. Dort verliert sich manchmal der zynische Ton, den der auktoriale Erzähler ansonsten vorzugsweise einnimmt.
Wo jedoch dieser Erzähler am bissigsten wird, verdichtet sich oftmals das Geschehen, und Verhältnisse werden pointiert auf die Seite geworfen. Wiewohl er uns inhaltlich aus der Seele spricht – also: mir zumindest –, ist dieser Ton auf Dauer manchmal schwer zu ertragen. Nicht die Einzelpassagen, die sind exzellent und beeindruckend, sondern die enorm dichte Frequenz, mit der Zynismen auf unsere Köpfe hageln. Kein Thema ist vor ihnen sicher:
»Hier raste Martin D. auf schnurgerader Straße in den Baum; wir trauern seit Jahrzehnten. Die zugehörige Allee wurde aus Sicherheitsgründen gefällt. Ihr Bürgermeister«, heißt es an einer Stelle.
Oder:
»Tatsächlich gehen ja allerorten Wandergenossen verloren: Ihre Midlifekrise hat sie ins Hochgebirge geführt. Sie wollen fühlen, erleben, begreifen und stemmen sich mit der ganzen Macht ihrer Kreditkarten gegen das kommende Alter. Es dämmert bereits, doch sie laufen weiter, in stiller Hoffnung, der andere möge doch bitte gar schön zuerst zusammenbrechen, posten kurz vor Mitternacht ein Selfie vom Gipfelkreuz und liegen tags darauf wasserdicht verzippt in der örtlichen Aufbahrungshalle.«
Daran ändert auch die Figur des Jonas nichts: ein junger Weltverbesserers ist er, aus ›guten Verhältnissen‹, womit das Kapital gemeint ist, denn er mengt sich nicht aus Notwendigkeit unter Hebenstreits Arbeiter*innen, sondern er verdingte sich freiwillig, da er die Welt erkennen und verstehen wolle, diese Welt, die ihm an jenem Morgen gleichfalls den Geist wirrt. Er kann uns daher auch nicht ›retten‹: Weil es unter solchen Menschen keine Rettung gibt, in all ihrer Alltäglichkeit.
Göttfert lässt uns mit diesem Erzählton und mit Figuren, die verwirrt durch eine Landschaft irren, an kaum einer Stelle des Romans zu Atem kommen. Außer wir staunen über die Kunstfertigkeit, mit der eine einzelne Sequenz gebaut ist, oder wir freuen uns darüber, wie pointiert die Verhältnisse benannt werden. Sogenannte ›Ruheinseln‹ hingegen, dieses Erzählelement, bei dem das Tempo, machmal auch der Raum oder die Realitätsebene wechselt und dem Lesenden ein wenig ›Palmenschatten‹ gegönnt wird, solche Ruheinseln existieren in diesem Roman nicht. Wie denn auch, bei solch einem unmenschlichen Leben, aus dem es kein Entkommen gibt?