Ein Überraschungsfund für mich, diese Miniaturen, eine Gattung, die meines Erachtens im Augenmerk der Gegenwartsliteratur viel zu kurz kommt, dabei ist doch kaum etwas so zeitgemäß wie diese Momentaufnahmen eines Lebens. Miniaturen sind kleine lyrische Einblicke in ein Sein, in denen auch für Lesende lebendig wird, was einer sieht, hört, riecht, spürt, in wundervoller Verdichtung.
Paul Divjak schenkt uns jedoch nicht bloß diese einzigartigen Miniaturen, er stellt an ihre Seite auch Gedichtinterpretation, was eine verwundert, bis sie versteht: Diese grauenhaft einfältigen Erläuterungen, die sich im ›Könnte-Bedeuten‹, ›Verweist-Vielleicht‹ und ›Scheint-zu-sein‹ gefallen, um mit solch floskelhaften, oberflächlichen Entschlüsselungsversuchen unserer Welt ihre Tiefe zu stehlen, sind KI-generierte Interpretationen. In ihrer Wortwahl, ihrem Aufbau hallt nach, was zuvor Menschen dachten – über einzelne Gedichte oder Lyrik im Allgemeinen –, doch werden in solchem Nachhall Versatzstücke aus ehedem relevanten Gedanken, deren Beliebigkeit ein Ärgernis sind.
»Dass die Bäume langsam sind, wissen wir« ist daher eine famose Antwort, nicht nur auf die Frage was KI kann und worin sie versagt und ob sie unsere Dichtung nicht vielleicht doch obsolet macht und sie ersetzen wird, die jede*r, die oder der sich ob KI-Irrsinn beunruhigt zeigt, lauschen sollte. Und wir werden uns dabei ertappen, wie wir mit Abwehr, mit Zorn auf ihre Langeweile reagieren, bevor wir sie ignorieren und lesen, was uns in unserem Menschsein berührt – solche Miniaturen nämlich wie diese (S. 94):
Herz, es ist Zeit
Versuche nicht, heute zu tun,
was morgen getan werden möchte
Wir sitzen beide in einem Flugzeug
ohne Wiederkehr
(Du bist gut vorbereitet)
Divjak, Paul: Dass die Bäume langsam sind, wissen wir. Thailändische Miniaturen. Klagenfurt: Ritter Verlag 2024.