Alles beginnt überraschenderweise mit einer Kamerafahrt. Aufblende. Eine Frau, die bittet, allein gelassen zu werden, Vorhänge, die das gleißende Sonnenlicht ausschließen. In der Schublade ein Revolver.
Schnitt.
Eine Kindheit in Ungarn. Zwei Schwestern, lebensfroh. Eine freie und wilde Kindheit im besten Sinn des Wortes.
Schnitt.
Die Mutter: eine ungarische Opernsängerin. Der Vater: ein kunstsinniger Gelehrter, Sprössling einer indischen Aristokratenfamilie. Man lebt ein privilegiertes Leben, welches feingeistige Beschäftigung und Reisen gestattet.
Damit beginnt die Lebensgeschichte Amrita Sher-Gils, die in »Indienrot« nicht in Gemälden erzählt wird, was bei einem Roman über eine Malerin nur zu verständlich wäre, sondern in filmischen Bildern. Eine kluge Entscheidung der Autorin Nathalie Rouanet, die Sinn macht, nicht nur, weil sich Amrita Sher-Gils erste Zeichnungen als Kind, als Jugendliche vorzugsweise den Leinwandheld*innen widmen. Auch ihr Vater beschäftigt sich neben seinen Studien der Sprachen und der Literatur eingehend mit der Kunst der Photographie und hält das Leben seiner Familie in Bildern fest.
Aufgrund der politischen und ökonomischen Verhältnisse in Europa übersiedelt die Familie von Budapest zuerst auf das Land, alsdann über das Meer nach Shimla, Indien. Eine neue Welt der Farben und der Gerüche tut sich für Amrita Sher-Gil auf. Sie erhält – wie andere junge Frauen aus aristokratischen Familien – Unterricht in Malerei und in Klavier. Bald schon fällt Amritas Talent für Malerei ihren Eltern und Verwandten auf. Lehrer werden zu ihrer Ausbildung engagiert, Studienjahre in Italien zur Kunst der Renaissance werden geplant; diese enden abrupt, denn Amrita malt keine Blümchen oder Stillleben, wie es Frauen empfohlen wird, sondern weibliche Akte. Mit 16 Jahren nimmt man sie an der Académie de la Grande Chaumière auf, sie wechselt jedoch schon bald an die École des Beaux-Arts, schließt Freundschaften und beginnt Liebesbeziehungen mit Männern wie mit Frauen.
Behutsam folgt Nathalie Rouanet Amrita Sher-Gils Spuren, warnt uns auch frühzeitig vor, dass dieses Frauenleben – kaum erblüht – keine Zeit der reifen Ernte kennen wird, verwebt in die Kamerafahrten Einblicke in das Familienleben, in das Miteinander der Freundschaften, in das Ringen Amrita Sher-Gils um eigene Lebensgestaltung und um ihre Kunst, erweitert die filmische Erzählung durch OFF-Stimmen-Zitate aus Briefen, die Amrita Sher-Gil schreibt.
Sie, die in Paris als exotische Schönheit gefeiert wird, hält in ihren Gemälden, mit deren Bildsprache sie noch nicht zufrieden ist, die Menschen fest, die ihr bedeutsam werden, stellt an deren Seite das gezeichnete Leben der Pariser Bohème und die Farbe Rot, die ihr bedeutsam ist, in all ihren Schattierungen, was Nathalie Rouanet an einem Satz des Vaters verankert: »In Indien ist alles … rot.« (S. 20)
Wir schreiben das Jahr 1934: Die Familie kehrt nach Indien zurück, die Sujets von Amrita Sher-Gils Gemälden verändern sich. Nicht mehr ist es das Leben der Reichen, das sie festhält, sondern sie
setzt in Farbe, was sie in ihrer Umgebung wahrnimmt: kochende Frauen, die um Feuerstellen hocken, beladene Frauen, auf dem Weg zum Markt, spielende Kinder … Angeregt durch diesen Roman halte ich
inne, blättere mich durch die Ablichtungen ihrer Gemälde. Nicht einmal die Krücke Internet mindert deren Kraft, und ich verstehe noch ein wenig besser, weshalb sich Nathalie Rouanet in ihrer
Erzählhaltung für das Auge der Kamera entschied: Nüchternes Festhalten und dennoch die Lebendigkeit der Farben durchschimmern lassen, da und dort in einer Totalen die Mimik eines Gesichts
einfangen, jenen Menschen, die keine Stimme haben, eine geben, die auch beinahe hundert Jahre danach noch immer zu vernehmen ist – durch sie spricht Amrita Sher-Gils Malerei von Unberührbaren,
von arbeitenden Frauen. Durch sie erhält auch Nathalie Rouanets Roman seine Faszination, seine Spannung, seine Kraft – und nein, ich verstehe nicht, weshalb dieser Roman der bilingualen Autorin,
die auf Französisch und auf Deutsch schreibt, weshalb »Rouge Indien« 2023 im Pariser Verlag »Perspektive cavalière« und 2024 unter dem Titel »Indienrot« in der Wiener »Edition Atelier« erschien,
kein größeres Echo erfuhr: Ein Buchpreis hätte ihm gebührt. Dieser sei ihm hiermit verliehen!
Rouanet, Nathalie: Indienrot. Wien: Edition Atelier 2024.
#indienrot #nathalierouanet #editionatelier