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Gabrielle Roy »Gebrauchtes Glück«. Oder: eine Entdeckung, die ich dringend zur Lektüre empfehle.

Drei Monate in Montreal im Jahr 1940 im ärmlichen Viertel Saint Henri: »Tagsüber lebt Saint-Henri im gnadenlosen Rhythmus der Arbeit, abends gibt sich das Viertel einer ländlichen Ruhe hin. Dann setzen sich die Leute auf die Stufen vor dem Haus oder stellen einen Stuhl auf die Straße und halten einen Schwatz unter Nachbarn. Saint-Henri: ein dörflicher Ameisenbau!« (S. 336)

Arbeitslosigkeit dominiert in diesem Viertel die Lebensentwürfe, die bereits enden, bevor sie begonnen haben. Armut und kaum eine reelle Chance, diesem Elend zu entkommen, stehen daher vorerst im Mittelpunkt des Romans, was uns am Alltag einer Familie erzählt wird:

Florentine, eine der beiden zentralen weiblichen Figuren, um die der Plot kreist, will dieser Enge entkommen. Sie nutzt ihre Anstellung in einem Diner dazu, flirtet, verliebt sich und hofft auf Rettung durch einen besser gestellten Mann, denn sie will nicht so enden wie ihre Mutter Rose-Anna, die aus Liebe heiratete und sich seither zu Tode schuftet.

Jede Begegnung, die Florentine mit einem möglichen Partner gestaltet, ist daher aber von vornherein belastet: Sie müht sich ab, zu sein, was ein Mann von ihr erwartet und jeden Hauch der Armut zu kaschieren. Jedes Mal aufs Neue ist zuerst alles »[…] Traum, und sie begab sich entschlossen hinein in den Traum, um darin ihre Rolle zu spielen. Und doch war alles auch mühsam und Qual, denn sie wollte dem Traum unbedingt gerecht werden.« (S. 94)

Einen Aufstrebenden möchte sie, einen mit Plänen. Und verliebt sich Hals über Kopf in Jean, der all dies verkörpert, nimmt in ihrer Blindheit sogar hin, dass er sie schlecht behandelt.

Multiperspwktivisch wie die Erzählung gestaltet ist, erleben wir diese versuchte Annäherung auch aus Jeans Perspektive. Er wollte schon als Jugendlicher der Armut entfliehen und wählte für seinen Aufstieg Bildung, setzt seither alle Energie daran, dies zu realisiere. Florentine spürt das (S. 299), versucht den Schein zu wahren, und begeht dennoch den Fehler, ihn einmal in die elterliche Wohnung zu lassen. Die dort omnipräsente Armut erträgt Jean nicht, er schläft mit ihr und verlässt sie (Vgl.: S. 276-278), was ihr zur Demütigung wird (S. 296), auf die sie mit Hass reagiert. Insbesondere auch, weil sie sicher ist, dass sie sein Kind erwartet. So scheint das gleiche Elend wie dasjenige ihrer Mutter vorgezeichnet, außer Jeans Freund Emmanuel kann – ohne von dem Kind zu erfahren – zu einer raschen Hochzeit bewogen werden, damit sie gerettet sei (S. 397).

Wie Jean nimmt auch Emmanuel das Elend der Familie wahr, doch ist er im Gegensatz zu seinem Freund davon überzeugt, Florentine, zierlich und schön, gehöre nicht in diese Armut (S. 355), er könne, wolle, müsse sie davon erlösen – nur sie. Um die Familie, das werde er ihr dann irgendwann schon beibringen, müsse sich jemand anderer kümmern.

Zwar liebt Florentine ihn nicht, aber er wird in Bälde ohnedies in den Krieg ziehen, hat sich als Freiwilliger zur Verteidigung Frankreichs und zur Niederschlagung Hitlers gemeldet, und wer weiß schon zu sagen, ob sie nicht bald schon eine Witwe mit Kind sein wird? Die Chancen stehen schließlich gut. Und das Kind Jeans? Nun, das wird sie nicht lieben, zumindest nicht, so lange es sich in ihren Gedanken nicht von Jean entkoppelt (S. 453). Kühl und nüchtern stellt sie das für sich klar.

Einer letzten Begegnung mit Jean weicht sie aus, spricht ihn, der an der Straßenecke, vertieft in eine Zeitung steht, nicht an. Und begreift dennoch dadurch, dass Emmanuel vermutlich die bessere Wahl ist. Selbst wenn sie ihn nicht liebt, hofft sie, ihm vielleicht dankbar sein zu können, dankbar dafür, dass es nun finanziell leichter und einfacher und besser werde: eine bessere Kleidung, eine bessere Wohnung. Nicht mehr ganz unten sein und von anderen deswegen abschätzig beäugt werden, es sind diese Aussichten, die sie euphorisch, stolz und erleichtert sein lassen (S. 455).

Florentines Vater hingegen ignoriert weiterhin die Misere, in der sich seine Familie befindet und die sich in drohender Obdachlosigkeit verdichtet. Zwar schwingt er gerne lebhafte Reden, aber Handeln ist nicht sein Ding. Lieber sehnt er sich in seinen erlernten Beruf des Schreiners zurück, in dem es jedoch keine Posten gibt. Jede Arbeit, die er ersatzweise annimmt, wirft er nach wenigen Wochen hin, weil sie nicht zu ihm passe, wie er zu sagen pflegt, und weil ihm eine andere Anstellung glücksverheißender dünkt: die große Chance. Jedes Mal aufs Neue wird sie ein weiteres Scheitern, woraufhin noch waghalsigere Pläne folgen (S. 189). Der Beruf des Schreiners aber ist nur mehr Traumbild. Alles, was ihn zuvor darin störte, ist vergessen, und alles einst darin erträumte, scheint ihm nun Wirklichkeit gewesen zu sein.

Sein Versagen nimmt Rose-Anna gelassen. Sie gebärt ihm Kind um Kind, fürchtet, es werde jedes Mal das letzte sein und sie die nächste Geburt nicht überleben, ihren Mann mit einer Fußballmannschaft Minderjähriger zurücklassen. Deshalb, so sagt sie sich, müsse sie am Leben bleiben. Auch in diesen Monaten gebiert sie ein Kind im Schlafzimmer, ein Junge: »Doch er [das Baby] hatte ihr auch einen neuen Willen gegeben, sich dem Leben zu stellen.« (S. 433)

Und sich dem Leben stellen, das heißt derzeit vor allem eine Bleibe für ihre Familie zu suchen, und so begleiten wir Rose-Anna durch all die ärmlichen Straßen Saint Henris: »Die Stadt der Reichen nahm gern das Opfer des armen Mannes an, wollte aber sein gequältes Gesicht nicht sehen. Die Stadt der Reichen lag im Dunkeln und wollte nichts von dem Eindringling wissen, der sie betrachtete.« (S. 377)

Grandios gelingt diese Gegenüberstellung der unterschiedlichen Wohnungsverhältnisse der Autorin in jener Passage, in der Rose-Anna zuerst eine Straße entlanggeht, die noch schlimmer ist als jene, in der sie bislang mit ihrer Familie lebte: Dreck, Armut und Elend, die uns Lesenden weder visuell, noch dargestellt haptisch, olfaktorisch oder akustisch erspart bleiben, Häuser, die »wie tot« wirken, die früheren Fenster nun »zugemauert wie ein Grab […]« (S. 116), und Rose-Anna biegt um die Ecke, steht mitten im bürgerlichen Viertel, mit Pflanzen an den Fenstern, mit munteren Buntglasfenstern, Spitzengardinen und mit Namensschildern an den Türen: Rose-Anna »[…] wusste sehr wohl, dass diese Insel der Ruhe nichts für sie war. Im Übrigen war hier kein einziges Haus zu vermieten. Aber hier konnte sie unbeschwerter atmen. Sie fasste neuen Mut.« (S 117)

Beinahe grausam scheint es einem, wie ihr alles aufs Neue Anlass für ihr ›Weiter!‹ wird, das doch nirgendwo hinführt. Wiederholt schmieden die annähernd erwachsenen Kinder Pläne, wie sie die Mutter und die Geschwister aus dem Elend retten könnten, glauben sich selbst fähig, gut zu sein, Dinge zu ertragen, miteinander zu wirken, damit vereint eine Zukunft möglich sei, und scheitern dennoch, ohne zu wissen woran. Dies gilt auch für Florentine, die älteste Tochter: »Sie legte die Hand auf den Türknauf und verharrt deinen Moment lang in frommer Erwartung. Dann öffnet sie die Tür. Und da war es, als bliese ihren zarten Bemühungen um einen Neubeginn ein eiskalter Wind entgegen.« (S. 303)

Es scheint nur eine Lösung zu geben – den Krieg. Als sich einer ihrer Söhne – Eugène noch keine 18 Jahre alt – um der Misere zu entfliehen zur Armee meldet, ist die Mutter zuerst erbost. Und Eugène? Wenn er schon in den Krieg ziehe, vielleicht sterben werde, wolle er jetzt leben, darauf habe er ein Recht (S. 289). Leben, das verbrauche eben Geld. Also bittet er seine Mutter um ihren zehn Dollar Schein, den sie für die Kaution der neuen Wohnung reserviert hat – nur um ihn zu wechseln, sagt er ihr, denn er brauche nicht mehr als ein oder zwei Dollar davon. Und verschwindet, gibt alles für Wein und Frauen aus (S. 279-282 /S. 289 / S. 298). Nichts wird Rose-Anna mehr davon sehen. Davor aber wirft Eugène zum Gaudium der jüngeren Geschwister seine restlichen Cent-Münzen in die Luft, damit sie sich darum balgen.

Und Rose-Anna? »Es hatte ihr wehgetan, schrecklich wehgetan, die Münzen durch die Luft fliegen zu sehen.« (S. 282)

Sie, die immer Courage hatte, versucht krampfhaft, die Familie doch noch zusammenzuhalten, das Leben der Jüngeren zu sichern und die Älteren ziehen zu lassen und scheitert. Im Laufe der Wochen, die sie mit chancenloser Wohnungssuche verbringt, verändert sich ihr Blick: Als sie an einer Ladenfassade ein Plakat bemerkt, das, wie um sie bloßzustellen, in groben Strichen einen jungen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett zeigt, dessen Augen glänzen und dessen junger Mund den Aufruf in die Welt schmettert, sich ihm anzuschließen, liest sie nicht, was in Wahrheit über seinem Kopf auf blauem Hintergrund in verschlungenen schwarzen Lettern steht – ›Auf geht's, Jungs! Unser Land braucht uns!‹ (S. 115) –, sondern: ›Auf geht’s, Jungs! Unsere Mütter brauchen uns!‹ (S 116), denn jeder, der in den Krieg zieht, bringt seiner Familie Geld. Und zwei genügen, damit sogar eine mehrköpfige Familie wie die ihre überleben wird können.

Ja, es gibt zwar keine Arbeit, weder für Eugène noch für ihren Mann, aber Geld für Kriege ist immer da. Das wissen auch die Arbeitslosen, die sich in der Kneipe sammeln (S. 178). Die Kriegsindustrie, »[d]ie ist heutzutage ’n richtig gutes Gewerbe. Wenn ich noch mal von vorn anfangen würd, wär’s in dem Bereich.« (S. 179)

Ein Ärgernis für die arbeitslosen Männer ist auch das Aufkommen der Fabriken: Während früher ihre Frauen in Heimarbeit durch Nähen Geld dazu verdienten, ist das nun obsolet. Die Fabriken erledigen Seidenkleider billiger als eine Schneiderin das je kann (Vgl.: S. 181).

Als der Vater endlich die Realität seiner Familie wahrnimmt, da einer ihrer Söhne, unterernährt und zu lange ohne Krankenversorgung stirbt, kulminiert seine Reaktion im Gedanken, Rose-Anna und die Kinder zu verlassen: Das Elend, dass er verursacht hat, erträgt auch er nicht (Vgl.: S. 321). Wie sein Sohn meldet er sich als Freiwilliger – und wiegt sich in der kurzsichtigen Hoffnung, dass nun endlich das dadurch generierte ›Einkommen‹ seiner Frau ein besseres Leben bescheren werde (S. 440 - S. 442).

Den Abschied der freiwilligen Soldaten auf dem Bahnhof erleben wir aus Emmanuel Sicht. Ihn irritiert die »krankhafte, aufgesetzte Fröhlichkeit« (S. 443), die all die zuvor Arbeitslosen vor sich hertragen, diese Männer, die zuerst »schwach, jämmerlich unterwürfig, mutlos bis ins Mark« (S. 445) gewesen waren, verströmen nun einen sonderbaren Optimus und einen zu auffallenden Enthusiasmus, um wahrhaftig zu sein: »Also gab es doch noch Rettung für das Viertel. Rettung durch den Krieg!« (S. 445), denkt er und fragt sich sogleich, ob sich die Männer nicht willentlich darüber täuschen? Im Gegensatz zu den anderen erkennt Emmanuel, dass diejenigen, die wirklich ihr Vermögen dem Krieg verdanken, dabei niemals ihr Leben gefährden werden (S. 447).

Überraschend wendet er sich an Florentine mit der Frage, ob sie wisse, warum sie alle sich zum Fortgang entschlossen hätten, in einen Krieg zögen, der ihnen doch so unvorstellbar wäre. Florentines Antwort?  »Weil es euch was bringt.« (S. 446)

 

Roy, Gabrielle: Gebrauchtes Glück. Aus dem Französischen von Annabelle Assaf und Sonja Finck. Berlin: Aufbau Verlag 2021.