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Maria Peteani »Der Page vom Dalmasse Hotel«. Oder: die Frage der Literarizität von Frauenleben.

 

Die Handlung des »Pagen vom Dalmasse Hotel« (1933 erstmals erschienen) ist eine uns sicherlich bekannte Geschichte:

Friedel, ein junges Mädchen, Waise, verliert durch die Spekulationen ihres Vormunds ihr Erbe. So steht sie, kaum erwachsen, allein und mittellos in der Welt. Obendrein in einer, die von Arbeitslosigkeit geprägt ist, haust in einem Hotel garni, in dem sie sich das Zimmer mit einem anderen Mädchen teilt. Keineswegs die einzigen willigen Arbeitskräfte, die jeden Morgen aufs Neue zu hoffen versuchen, das Blatt möge sich ausgerechnet heute wenden und die prekäre Situation endlich der Vergangenheit angehören.

Eines Tages erfährt Friedel durch Zufall, dass in einem noblen Hotel die Stelle eines Pagen frei ist. Friedel, »[…] denkt praktisch« (S. 9), greift zur Schere und macht flink aus einem Mädchen einen Jungen. Ein Manöver, das auch deshalb gelingt, da der Neffe ihrer Zimmergenossin im wortwörtlichen Sinn unter die Räder kam und seine Kleider, seine Papiere noch im Schrank hängen. Mit ihnen ausgestattet gelingt das Vorstellungsgespräch am nächsten Tag.

Die Notwendigkeit dieses Geschlechtertausches wird uns durch Friedels existenzielle Bedrängnis begründet. Ihr folgt keine allgemeine Kritik am Arbeitsmarkt und seiner mangelnden Geschlechtergerechtigkeit. Auch wird Friedels Entscheidung an keiner Stelle des Romans gewertet, sondern die Erzählerin vermittelt vielmehr: »Zum ersten Mal in ihrem Leben tut sie etwas, was man nicht tut. Etwas Abseitiges, Närrisches, vielleicht sogar Gefährliches.« (S. 19)

Diese Vorgeschichte, die der eigentlichen Handlung im Hotel vorausgeht, wird recht flink erzählt. Auch saloppe und deutliche Formulierungen werden dabei nicht gescheut (»Wer in Berlin nicht fix is, der kommt eben unter die Räder, ob so oder so!« (S. 9).  Zahlreiche Szenerien weisen rasche, manchmal überraschende Schnitte auf, die uns filmische Erzählmodi in Erinnerung rufen. Außerdem scheint es, als würde die ab und an eingeschobene Knappheit der Autorin manch kritische Anmerkung gestatten. So heißt es an einer Stelle: »So ein kleiner Page ist wie ein Luftthauch, er ist immer da und niemand bemerkt ihn.« (S. 84) Oder es wird über populäre Liebeslieder gesagt, sie seien vorwiegend eine »Geistesprothese für Minderbemittelte« (S 97).

Neben diesem filmischem Tempo findet auch die zunehmende Industrialisierung in Darstellung und Vokabular Eingang in den Roman, sodass er eine expressionistische Note erhält:

»Eine Maschine, eine lächelnde, dienstbeflissene Maschine in Pagenuniform.« (S. 67)

»Schlafen, schlafen! Das Maschinchen will nicht mehr. Ist abgelaufen. Kaputt!« (S. 13)

Da Friedel mehrere Fremdsprachen fließend beherrscht, wird sie – oder nunmehr: er – nicht nur als Page im Hotel eingestellt, sie reüssiert auch bald bei den Gästen. Weshalb sie diese Kompetenzen aufweist, aber trotzdem nicht Maschinschreiben oder Steno kann, das erfahren wir vorerst nicht. Sie werden uns, wie alle anderen nötigen Details der Backgroundstory, nach und nach gereicht und zwar genau dann, wenn wir sie benötigen.

Wiewohl so mancher im Hotel denkt, Friedel sei doch sehr zart für einen Jungen, schöpft keiner Verdacht – vorerst. Friedels anfängliche Nervosität legt sich, sie plant schon ihren Aufstieg:

Die Tatsache, dass ihr nächster Vorgesetzter, der den Spitznamen ›Lift‹ trägt, eine lungenkranke junge Frau hat, der das Berliner Klima nicht bekommt, will Friedel für sich nutzen. Sie ermuntert ihren ›Lift‹ bei seinem Plan, mit seiner Frau nach Cannes oder Nizza zu gehen, um dort als Kellner zu arbeiten. Doch die Lungenkranke stirbt, bevor er eine geeignete Stelle gefunden hat. Und Friedel sieht ihre Aufstiegschancen erneut schwinden.

Dennoch gelingt es ihr, sich bald schon als beliebtester diensteifriger Geist des Hotels aufgrund ›seines‹ zuvorkommenden Wesens zu etablieren und für sich ein gewisses Maß an Sicherheit für die Zukunft zu finden. »[…] ich hatte als Junge ebenso viel Glück, wie ich als Mädchen Pech gehabt hatte« (S. 200), wird sie später einmal sagen.

Zwar sind Friedels Tage im Hotel ungemein arbeitsreich, aber vorhersehbar und gesichert, bis Dirk van Dahlen ein Zimmer im Hotel nimmt, da er mehrere Wochen in der Stadt sein wird, um eine Kriegsverletzung seiner Hand kurieren zu lassen oder zumindest den Bewegungsspielraum seiner Finger deutlich zu verbessern.

Die Schwierigkeiten beginnen wie in jeder Verwechslungskomödie als Liebe ins Spiel kommt: Nicht nur, weil diese eine Sichtbarkeit der eigenen wahrhaftigen Person will und somit ein Ende aller Verstellungen, sondern auch weil Zuneigung stets Beschützer*inneninstinkte auf den Plan ruft.

So durchschaut Friedel instinktiv die Machenschaften der reichen Reisenden Miss Wellington, die den gutgestellten Besitzer eines weitläufigen Landgutes samt etablierter Musterwirtschaft mindestens ebenso begehrenswert findet wie Friedel – bloß aus anderen Gründen, wie wir bald schon mit Friedel-sie-er vermuten:

 

Betrug, es geht um nichts anderes als Betrug in diesem Roman.

 

Mit diesem Handlungsstrang wandelt sich auch der dezent sozialkritische Roman, den wir bislang lasen und der uns nebenher das Leben von Schlafgeherinnen vermittelte oder die Auswirkung der Straßenbahnpreise auf die Arbeitssuche. Wir finden uns in einem Spannungsroman wieder, der um das Thema Betrug zu kreisen beginnt. Friedels Geschlechtertausch ist darin noch das harmloseste Manöver: Wir erfahren, wie der Vormund einst Friedel um ihr Erbe betrog, wir erfahren auch, wie Miss Wellington und ihre Komplizen bereits mehrfach reiche Hotelgäste abzockten oder Schmuckstücke stahlen, erleben mit, wie Miss Welington es bei Dahlen versucht. Zu den Betrügern zählen aber auch die Herren des Hotels, Baron und Graf, die vorgeben, reich oder auch nur interessiert zu sein, in Wahrheit jedoch Überleben bzw. Abwechslung suchen. Und noch ein Betrug ist im Hintergrund Thema: derjenige, den die Zeit im Kleid der Weltwirtschaftskrise an jungen Menschen vollführt und sie ihres Optimismus, ihrer Jugend beraubt. Friedel, als unangefochtene Heldin, behauptet sich dennoch.

Friedel und einem Detektiv namens Claudin ist es zu verdanken, dass alsbald Miss Wellington ebenso wie der Hehler, mit dem sie zusammenarbeitet, bald schon Handschellen angelegt werden. In Wahrheit heißt Miss Wellington übrigens Anna Saycek und spricht wie ein Wiener Vorstadtmädel. Und ihre so genannte Mutter, angebliche vermögende Besitzerin eines Bergwerks aus Texas, stammt in Wahrheit aus Budapest und ist eine herabgekommene Dame der Gesellschaft. Und so wird durch Friedel der angehimmelte Herr von Dahlen vor törichter Heirat mit der angeblichen Amerikanerin bewahrt.

Zum Dank überredet Dahlen den Hoteldirektor Friedel einige Erholungszeit bei ihm auf dem Land zu gönnen (S. 171). Später erfahren wir von seinen Dienstboten, dass er das bereits öfter tat, ein Menschenfreund eben. Doch dieses Mal ist sein Motiv zweischichtiger: Er hat länger schon den Verdacht, dass auch Friedel nicht ist, wer sie vorgibt zu sein. Als Friedel ihm dies eingesteht, schließt er die Unterredung mit folgenden Gedanken: »Solche Schicksale gab's früher nicht, die hat der verlorene Krieg heraufbeschworen.« (S. 185)

Im Kosmos ›Hotel‹ jedenfalls stehen reiche Damen oder Frauen, die wie Miss Wellington vorgeben, eine Dame von Welt zu sein, primär dazu da, Geld auszugeben, das ihnen so oder so nicht gehört. Oder wie Friedel es vernichtend im Nachdenken über ihre Tante bezeichnet, die dem gleichen Typus angehört: Solche Frauen seien tagtäglich »auf der Hetzjagd ihre[r] gesellschaftlichen Verpflichtungen« (S. 189), ihr Lebensziel bestehe einzig in der Bindung eines reichen Mannes, dessen Geld sie alsdann nutzen, um der Außenwelt ihren Status mitzuteilen und die noch immer nicht verstanden haben, was ›Weltwirtschaftskrise‹ meint, da sie sich weigern, die Zeichen der Zeit zu sehen.

Und wiewohl der Roman natürlich auch für Friedel mit angedeuteten Hochzeitsglocken enden wird, sonst wäre er ja kein Unterhaltungsroman, betont die Erzählerin dennoch fortwährend, dass wir es bei unserer Identifikationsfigur und Heldin mit einem anderen Typ Frau zu tun haben. Nicht nur, weil sie moralisch aufrecht ist, sondern auch weil ihre Lebenspläne nicht primär ›Ehemann‹ lauten. Sie wollte einst aus dem Gut ihrer Kindheit, das sie hätte erben sollen, eine Musterwirtschaft machen (S. 191), nunmehr will sie vor allem beruflich reüssieren, kennt auch ihre eigene Kraft: »Ich habe gern gekämpft, Herr von Dahlen, und ich werde weiterkämpfen«, sagt sie final (S. 187). Natürlich bevor er zu erkennen gibt, dass er sie gerne heiraten würde, denn der Hafen ›Ehe‹ muss sein. Sonst hätten wir keine Unterhaltung in den frühen 1930er Jahren.

 

Maria Peteani, 1888 in Prag geboren, ist heute weitgehend eine Unbekannte. Dabei publizierte sie zwischen 1920 und 1940 17 Romane, einige Bestseller darunter, u.a. dieser Roman über den Pagen, der sein Glück macht, weil er sich als Junge ausgibt. Im Gegensatz zu anderen Hotel-Romanen jener Zeit ist »Der Page« auch deshalb heute noch interessant, weil darin das Leben der Angestellten Raum einnimmt. Ihnen gilt das Augenmerk, nicht den reichen Gästen.

Das Publikationsverbot, welches die Nazis 1940 über Peteani verhängten, (S. 212) beendete ihre Kariere. Ein Andocken an diese Erfolge im Nachher gelang ihr nicht.

Kehren wir zur Eingangs gestellten Frage zurück, ob es sich lohnt, diesen Roman heute zu lesen. Meine Antwort: ein eindeutiges Jein. Er ist unterhaltsam, sicherlich, er liest sich spritzig und hat auch Esprit. Mit Sicherheit außerdem mehr Tiefgang als unzählige heute publizierte U-Romane, die sich zwischen Love Interest One und Love Interest Two situieren. Warum also haftet Peteani nach wie vor das Mindere an? An den zwei, drei schwülstigen Sätzen wird es nicht liegen!

Peter Zimmermann äußert in seinem Nachwort den Verdacht, dass Peteanis Romane  nach 1945 als Trivialromane galten, denen man jeder Literarizität absprach, weil sie eine weibliche Perspektive einnahmen und diese selbstbewusst ins Zentrum des Erzählens rückten (Vgl.: S. 225). Mir erscheint das durchaus denkbar!

 

Peteani, Maria: Der Page vom Dalmasse Hotel. Wien: Milena Verlag 2024.

 

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