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Clarice Lispector: Die Passion nach G. H. Oder: Von Wandzeichnungen, Kakerlaken und dem Salz der Geduld

Ein erzählendes Ich, welches seine »[…] Hoffnung auf Liebe Liebe nannte […]« (S. 105) – wie wir alle wohl sagen müssten, wären wir ehrlich –, dieses erzählende Ich nimmt uns mit auf seine Reise aus sich selbst hinaus und gleichsam zu sich selbst zurück. Eine Reise, die unvermutet und unwillkommen beginnt, als es die Kammer des schwarzafrikanischen Hausmädchens Janair betritt, das überraschend am Tag davor kündigte, was das Ich, eine arrivierte Bildhauerin, nicht allzu sehr verärgerte. Im Gegenteil: ein Leben ohne Hausangestellte schaffe Freiräume, sagt es sich. Ruhe im eigenen Heim sei endlich wieder möglich, werde man doch selbst erneut zur Herrscherin über Raum und Zeit (Vgl.: S. 38). Und da das Ich sich selbst sagt, »[…] Aufräumen heißt die beste Form finden […]« (S. 38), will es sogleich damit anfangen, suggeriert sich selbst, dass es in einem anderen Leben vielleicht genau das geworden wäre, eine Aufräumen, denn was sei befriedigender als Ordnung, die eigenhändig geschaffen werde? In der besagten Kammer, damit rechnet das Ich, warte jedenfalls eine Menge Gerümpel und Altpapier. Doch als es die Türe öffnet, findet es nichts als Licht: hell und gleißend. Ein Licht, welches im lebhaften Kontrast zur restlichen Wohnung steht, die stets abgedunkelt wird, um der kraftvollen Sonne Rio de Janeiros zu wehren.

Es findet Licht, »[…] das Sonnenlicht […], das alles offenbart, es offenbart sogar das Mögliche […]« (S. 115) und gerät durch diese Überraschung aus dem Takt, stolpert. Und wir denken sogleich an Proust, natürlich, und wissen, was uns erwarten wird: ein Fallen aus der Zeit!

Doch wird in Lispectors »Passion nach G. H.« nicht nur in die Vergangenheit gestolpert, die Erinnerung, die ausgelöst wird, ist nicht ausschließlich eine Erinnerung, sondern vielmehr eine Empfindung, die sich beide in der Gegenwart situieren und die im Jetzt einen vollkommen Wandel mit sich bringt. Sehen wir uns das etwas genauer an: 

Das Ich stolpert mitten hinein in die Reinheit der Leere: Außer einem Kasten und einer Strohmatratze auf dem Bett ist nichts zu sehen. Kein Staub, kein Haar, nichts. Nur dem Bett gegenüber eine unbekannte Wandzeichnung, mit Kohlestift, ungelenk, die Umrisse eines Mannes, einer Frau, eines Hundes: Janair, so schließt das Ich daraus, müsse sie abgrundtief gehasst haben, um dieses reduzierte Abbild ihres Miteinanders an der Wand zu erschaffen. Auf der Suche nach einem Beweis für diese Empfindung, befragt es die Erinnerungen, doch das Gesicht Janairs verschwimmt ihr stets, die Bedienstete, die in ihrer Wohnung lebte und arbeitete, war und ist dem Ich unsichtbar. Hieraus entsteht der Verdacht, dass die emotionale Verquickung vielleicht eine andere sei, als zuerst vermutet:

»Ich fragte mich, ob tatsächlich Janair mich gehasst – oder ob nicht vielmehr ich sie gehasst hatte, ohne sie auch nur angesehen zu haben. So wie ich jetzt mit Verärgerung entdeckte, dass mich die Kammer nicht nur ärgerte, ich verabscheute sie geradezu, diesen Verschlag aus nichts als Oberflächen: Seine Eingeweide waren ausgedörrt.« (S. 51)

Mit ungeahnter Zerstörungswut reagiert das Ich auf diese Entdeckung: Es will das Zimmer verwüsten, das sich diesem Wunsch jedoch durch seine extreme Leere entzieht. Das Ich öffnet den Kasten, um zumindest etwas Vergessenes zu finden, dass einen Vorwurf der Pflichtverletzung gestatten würde – nichts. Da schleicht eine Kakerlake hervor, ein großes, altes Tier jener Gattung, die dem Ich Sinnbild für erlebte Kindheit in Armut sind: Aufgewachsen mit Mäusen, Ratten, Kakerlaken empfindet es bis heute übermäßigen Ekel, sodass es dem herbeikriechenden Tier im Affekt die Tür zuschlägt und den Körper in zwei Teile trennt. Nach dem Schrei, der sich nicht Laut schafft, hält uns das Ich, gelähmt im Ekel, die Zeit an: Die Kakerlake steckt, eingeklemmt zwischen den beiden Kastentürflügeln, aus der Verletzung quillt Weißliches. In ihrer extremen Langsamkeit sei »[…] die Wachsamkeit zu leben, untrennbar verbunden mit ihrem Körper […]« (S. 60).

Kakerlaken, diese Bräute aus schwarzen Edelsteinen, wie das Ich sie nennt, die seit Jahrtausenden und jeder Umweltkatastrophe zum Trotz alles überleben, werden also in diesem Roman durch den Kleiderkasten erledigt, Sinnbild für Zivilisation und Ordnung.

Um der Empfindung des Ekels zu entkommen, will das Ich die Kakerlake endgültig morden, doch da sieht das erzählende Ich ihr Gesicht: Es realisiert der Kakerlake Augen, die beiden Antennen, die sich noch immer bewegen. Mit diesem Sehen, das ein Wahrnehmen ist, wird es dem Ich unmöglich, nochmals – und dieses Mal zum bewussten Töten – auf den sterbenden Körper einzuschlagen, aus dem weiterhin jene weißliche gallertartige Substanz quillt, dabei wäre der finale Schlag ein Akt der Gnade.

Hierzu ist das Ich unfähig.

Reglos hocken beide einander gegenüber. Und das Ich beginnt, einem Du zu erzählen, einem Du, das sich seitenweise ändert, während das Ich miteinander geteilte Erinnerungen beschwört: »[…] ich erinnerte mich daran, dass ich da das Salz im Mund geschmeckt hatte und dass das Salz von Tränen in deinen Augen meine Liebe zu dir war. Aber was mich am meisten gebunden hatte in einem Schrecken aus Liebe, war in der tiefsten Tiefe des Salzes deine Substanz, salzlos und unschuldig und kindlich: Bei meinem Kuss wurde mir dein Leben in seiner tiefsten Fadheit geschenkt, und dein Gesicht zu küssen, war eine salzlose und emsige, geduldige Liebesarbeit, war eine Frau beim Weben eines Mannes, so wie du mich gewoben hattest, neutrales Handwerk des Lebens.« (S. 106)

Aus diesem angesprochene Du, dessen Träne das Ich einst wegküsste und der dennoch kein lebendiges Leben teilen konnte, wird das Du der eigenen Mutter, das Du eines anderen geliebten Mannes, das Du des Arztes, der das Kind im Ich abtrieb, bevor es das Du des Mannes wird, »[…] der zart war mit den Dingen und mit der Zeit […]« (S. 188).

Das Ich ist sich seiner Schuld gegenüber der Kakerlake als Lebewesen bewusst. Dennoch vermag es zu sagen: »Die Freiheit ist ein Geheimnis. Auch wenn ich weiß, dass die Freiheit, selbst wenn sie geheim ist, die Schuld nicht auflöst. Aber man muss größer sein als die Schuld. Mein winziger Teil Göttliches ist größer als meine Schuld als Mensch. Der Gott ist größer als meine wesenhafte Schuld. Also ist mir der Gott lieber als meine Schuld. Nicht, um mich zu entschuldigen und zu fliehen, sondern weil die Schuld mich kleinlich macht. Ich wollte nichts mehr tun für die Kakerlake.« (S. 104)

Der Weg des Ichs führt vom Ekel über »[…] die Angst, zu sehen, was Gott ist […]« (S. 117) zum Frohlocken und weiter zur Gleichgültigkeit »[…] in die Wüste […]« (S. 159) – und währenddessen kehrt sich alles um, Zeit wird obsolet, des Ichs Lebenszeit währt Jahrtausende und Freude wird Hölle. 

»Mutter: Ich habe ein Leben getötet, und es gibt keine Arme, die mich aufnähmen, jetzt und in der Stunde unserer Wüste, Amen. Mutter, alles ist jetzt zu hartem Gold geworden. Ich habe ein organisiertes Ding unterbrochen, Mutter, und das ist schlimmer als töten, es hat mich dazu gebracht, durch eine Bresche zu treten, die mir gezeigt hat, schlimmer noch als der Tod, mir gezeigt hat, wie das zähflüssige, neutrale Leben vergilbt.« (S.112)

Denken, »diese Stunde zwischen Gewissensbissen und Gebell« (S. 153), wird vom Pferd gelernt, doch selbst wer fragen kann, muss noch nicht unbedingt fähig sein, die Antworten zu hören (Vgl.: S. 160). »Menschlich zu sein«, heißt es an einer Stelle, »sollte kein Ideal sein für den Menschen, dessen Los das sowieso ist; menschlich zu sein muss die Form sein, wie ich, lebendiges Ding, aus Freiheit dem Weg des Lebendigen gehorche und menschlich bin.« (S. 149)

Als Buße quasi und damit sich der Körper wieder mit der Seele vereine, befielt sich das Ich den milchigen Brei der Kakerlake zu essen. Vor Ekel bricht dem Ich dabei der Schweiß aus, ein anderer Schweiß, ein ursprünglicher. Es erbricht sich, bevor ihm gelingt, sich selbst soweit zu automatisieren, dass dieses Vorhaben umgesetzt werden kann, ohne wirklich zu wissen, dass man es getan hat.

Clarice Lispector nutzt in diesem durchaus verstörenden Erzählen einer ausgelösten Veränderung ein Erzählen, das obsessiv kreist, manchmal dabei neue Begriffe findet oder bestehende Termini umwidmet. Sie organisiert dies in so eigenwilligen und großartigen Sprachbildern, die am Ende nicht einmal zu irgendeiner Überzeugung finden müssen. Ihre Sätze stehen oftmals verbindungslos nebeneinander, zeigen uns die kalte Schalter, um uns zu begeistern, zu verwirren auch, doch niemals um uns kalt zu lassen. Dieses Erzählen, so scheint es, braucht uns nicht, es erzählt sich selbst fort und jedes Kapitel setzt dabei Satz um Satz Schritte, die sich auf einen finalen Satz zu bewegen: »Vergebung ist ein Attribut der lebenden Materie.« (S. 79) lautet einer. Oder: »Das vormenschliche göttliche Leben ist von einer Aktualität, die brennt.« (S. 122) Diese fassen die Erkenntnis der Empfindungen nochmals pointiert zusammen, um damit im ersten Satz des nächsten Kapitels den Grundstein für weitere Gedanken zu legen, was das Kreisen des Erzählens nochmals unterstreicht.

Ein Erzählen, das uns manchmal ratlos zurücklassen würde, wäre da nicht dieser Satz des Ichs: »[…] nur wenn ich irre, trete ich aus dem heraus, was ich kenne und verstehe. Wenn die ›Wahrheit‹ das wäre, was ich verstehen kann – wäre sie am Ende nur eine kleine Wahrheit, eine von meinem Format.« (S. 131)

Denn: »[…] die Wirklichkeit existiert vor meiner Sprache als ein Gedanke, der nicht gedacht wird, aber ich war und bin schicksalhaft dazu aufgerufen, wissen zu müssen, was der Gedanke denkt. Die Wirklichkeit geht der Stimme, die sie sucht, voraus, aber wie die Erde dem Baum vorausgeht, das Leben der Liebe vorausgeht, und ihrerseits die Sprache eines Tages der Inbesitznahme der Stille vorausgegangen sein wird.« (S. 211)

Spätestens dann erinnern wir uns vielleicht an die ersten Zeilen, die diesem frappierenden Werk vorangestellt sind: Die möglichen Leser dieser Passion sollten solche sein, »die wissen, dass die Annäherung, an was auch immer, schrittweise und mühselig erfolgt – und sogar durch das Gegenteil dessen hindurchführe, dem man sich annähern will.« (S. 5) Oder wir könnten auch sagen: Bei dieser Passion ist sich wiederholende Lektüre Programm.

 

Clarice Lispector: Die Passion nach G. H. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby. München: Pinguin Verlag 1964.