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Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott. Oder: Vom Einholen des Horizonts, groß wie ein Fischernetz.

Am Beginn steht eine Rückkehr: Janie, Mitte 40, kehrt gegen Ende der 1920er-Jahre nach Westflorida zurück, in jenen Ort, in dem sie bei ihrer Großmutter aufwuchs. Sie bezieht erneut das ewig leere Haus ihres verstorbenen Ehemannes, das nun das ihre ist. Die Nachbar*innen zerreißen sich sogleich das Maul über sie, stellen Vermutungen an, weshalb Janie in Arbeitslatzhosen auftauche – ihr letzter Mann habe wohl all ihr Geld verprasst, sei mit einer jüngeren auf und davon … – und all diese Gerüchte, die mehr über die Maulzerreißer*innen aussagen als über Janies Leben, atmen mangelnde Empathie und Missgunst:

»Wie sie die Frau so daherkommen sahen, stieß ihnen der ganze Neid wieder auf, den sie von ehedem angesammelt hatten […]. Aus Fragen wurden brennende Urteile und aus Lachern Mordwerkzeuge. Es war die reine Herdengrausamkeit. Wiedererwachter Groll. Herrenlos ziehende Worte, alle gestimmt auf die gleiche Tonart, wie in einem Lied.« (S. 30)

Insbesondere die Frauen wollen sie, die mit leisem Gruß und hochgehobenen Hauptes daherkommt, »auf das Maß der anderen […]« (S. 31) zurechtstutzen, was Janie ihnen nicht übel nimmt, denn dies kennt sie von Kindheit an und weiß: »Neidisch Herz macht tückisch Ohr. Die haben dann genau die Sachen über dich ›gehört‹, die sie gern gehört hätten.« (S. 35)

So kommentiert sie es ihrer ehemals besten Freundin Phoeby gegenüber, als diese neben ihr auf den Stufen des Hintereingangs Platz nimmt, um Janie willkommen zu heißen. Und Phoeby trägt ihren eigenen trockenen Humor zur Geschichte bei: Die Nachbar*innen würden sich nicht derart anstrengen, jeden Sonntag in die Messe laufen, um gut zu sein, sondern um am jüngsten Tag dabei zu sein, denn keine*r wolle es sich entgehen lassen, wenn endlich die Geheimnisse aller aufgedeckt würden (Vgl.: S. 36).

Just dies tut Janie nun, sie deckt auf und erzählt Phoeby in einer Nacht all die Lebensjahre, welche die Freundin versäumte, damit sie die Neugier der anderen nach eigenem Gutdünken befriedige, und so setzen auch wir uns in diesen Hinterhof und lauschen …

Janie wuchs bei der Großmutter auf, die Nanny bei den Weißen war, und weil die anderen Kinder sie ›Nanny‹ riefen, tat Janie dies ebenso. Eines Tages kam ein Photograph, verfertigte ein Bild der Kinder, und als sie dieses danach betrachten, kann Janie nicht umhin zu fragen, wo denn bitte sie darauf zu sehen sei. Erst als diese ihr sagen, dass sie das dunkle Gesicht dort wäre, begreift sie zum ersten Mal sich selbst als Farbige (Vgl.: S. 40). Und erkennt sich trotzdem nicht, denn zwischen ihr und den anderen afroamerikanischen Kindern des Städtchens herrscht eine tiefe Kluft: Sie lebe ja in besseren Verhältnissen, in einem Hinterhaus, bei Weißen, trägt die zu klein gewordenen Kleider von deren Kinder auf und hat hellere Haut als jene. Da ihre Mutter auf und davon sei und sie ihren Vater nicht kenne, sei sie anders und erhält den Spitznamen Alphabet. Nur zu gerne malen ihr deshalb die anderen Kinder eine gruselige Vergangenheit ihrer Eltern, zu der ihre Großmutter schweigt, pinseln aus Halbwahrheiten eine Geschichte, wie diejenige, dass ihre Großmutter den Vater mit Bluthunden verjagt hätte, weil er ihrer Mutter etwas ›angetan‹ habe und sie erst ›danach‹ hätte heiraten wollen. Was genau jenes ›Davor‹, ›Danach‹ sei, darüber schweigen vorerst alle.

Diese alte Geschichte ist aber wesentlich, um das Agieren der Großmutter zu verstehen: Als sie ihre sechzehnjährige Enkelin dabei ertappt, dass sie sich an den Zaun gelehnt von einem Jungen küssen lässt, drängt sie auf Heirat – nicht mit dem Dahergelaufenen, sondern mit einem Mann, den sie bereits für ihre Enkelin ins Auge gefasste hat: Land besitze er, ein gutes Haus habe er, es werde für sie gesorgt sein, was wichtig sei, ewig leben werde die Großmutter auch nicht und das Mädchen solle es einmal besser haben als sie, diese Ehe wäre ein Aufstieg und böte Sicherheit. Janie ist skeptisch, denn Logan ist in ihren Augen ein alter Mann. 

Ein Kuss und der frühere Plan der Großmutter, Aufstieg durch Bildung, wird obsolet. Ein Kuss und die Offenbarung, welche Janie wenige tage zuvor erfuhr, ist verloren: Da lag sie unter einem blühenden Birnbaum, versunken in seine Pracht. »Die Rose der Welt atmete Duft aus« (S. 42), heißt es, einen Duft, der Janie einhüllt, sie zugleich betäubt und hellwach werden lässt, während sie das emsige Treiben der Bienen wahrnimmt: »Das also hieß heiraten! Freien und sich freien lassen! Sie war geladen worden, eine Offenbarung zu schauen.« (S. 43)

Ein Kuss und die alte Frau enthüllt zum ersten Mal die Tragödie ihrer Tochter: Es geschah, als sie selbst noch Sklavin bei Master Robert gewesen war. Dieser schwängerte sie, und das Kind erbte seine blonden Haare und seine grauen Augen. Eine Woche nach der Geburt zog Master Robert jedoch in den aufflammenden Krieg der Nordstaaten gegen den Süden, weshalb seine Frau das Regiment übernahm. Sie drohte der Wöchnerin mit Auspeitschen, sobald sie aus dem Kindbett aufstehe und das Kind werde, wenn es einen Monat alt sei, verkauft (Vgl.: S. 52–53). Deshalb floh die Großmutter mit ihrem Baby in den Sumpf, wartete das Ende des Krieges ab, der auch das Ende der Sklavenschaft bedeutete. Sie zog weiter nach Westflorida, wo sie »[…] gute Weiße […]« (S. 54) kennenlernte, bei denen sie in Stellung ging. Das ermöglichte es ihr, sich für den Aufstieg der Tochter einzusetzen. Lehrerin solle diese werden. Doch eines Nachmittags kommt die siebzehnjährige Tochter nicht nach Hause. Erst am nächsten Morgen, verwundet und geschunden. Der Lehrer hatte sie im Wald festgehalten, sie mehrfach vergewaltigt. Das Kind, das aus jenem verbrechen geboren wird, ist Janie, und die Mutter, gezeichnet für das Leben, sucht Vergessen im Alkohol, lebt ruhelos, immer irgendwo (Vgl.: S. 55).

Das alles solle Janie durch eine Ehe mit Logan erspart bleiben, und unter dem Eindruck dieser Erzählung stimmt dem Vorhaben der Großmutter zu, die ihr versichert, Liebe oder etwas Ähnliches werde sich dann schon einstellen.

Was die Großmutter verhindern wollte – »[…] ich will nicht, dass so ein lumpiger Nigger, so’ ne halbe Portion wie Johnny Taylor sich an deinem Körper die Füße abtritt.« (S. 45) – geschieht dennoch, wiewohl anders: Logan hat zwar Land und Haus, ihr Tätigkeitsfeld lautet Haus- und Hofarbeit, aber Janie spürt nichts, ist sie bei ihm: »Sie wusste jetzt, dass aus der Ehe keine Liebe folgte. Janies erster Traum war tot, damit wurde sie zur Frau.« (S. 63) Vor allem aber ist sie unsagbar einsam und enttäuscht vom Leben. Die »[…] süßere Beere […]« (S. 46), die Janie sich laut der Großmutter pflücken sollte, schmeckt bitter. Da kommt ein Wichtigtuer, ein selbstverliebter Quassler gerade recht. Wir durchschauen ihn und können dennoch nichts tun, nur hoffen. Dieser Mann, Joe Starks, sagt, er werde Bürgermeister der schwarzen Gemeinde Eatonville, die er aus dem Nichts einiger Hütten gestalten wolle, er werde Janie auf einen Thron setzen, deine in Bürgermeister brauche solch eine Frau wie sie! Und sie glaubt ihm, hält mitten im Kochen inne und folgt ihm (S. 72). Seine Reden setzt er zwar zu unserem Erstaunen in die Tat um, aber seine wichtigtuerische Art, sein Narzissmuss bewirkt, dass er Janie ständig vor allen anderen herabsetzt, seinen Ärger handgreiflich an ihr abreagiert. Was die Großmutter immer schon sagte – »[…] die Niggerfrau [ist] der Muli der Welt […]« (S. 48), der Weiße demütigt den schwarzen Mann und der demütigt seine schwarze Frau – wird Janies Lebensrealität. Sie bleibt dennoch, aber das erste innere Sterben, das sie an Logans Seite erfuhr, setzt sich fort. Ihre Seele versteckt sich in ihr. Kein Wunder, erfährt sie doch ständig Abwertung: »Jemand muss einfach für Frauen und Kinder für Hühner und Kühe denken. Igott, von selber denkt ihr doch im Leben nichts« (S. 126), das ist einer seiner typischen Sätze, und da Joe sie wegen Kleinigkeiten wie einem misslungenen Essen schlägt, ist sie bald schon »[…] nicht mehr blütenoffen mit ihm.« (S. 126) Mehr noch: Sie beginnt, ihn zu verachten: »Ihr Standbild […] war gestürzt und zerbrochen.« (S. 127) Janie übernimmt aber auch seine Rede, z. B. wenn sie widerspricht und sagt, »[…] [e]s ist echt billig, hier den Allmächtigen zu spielen, wenn es nur gegen Frauen und Hühner geht.« (S. 132).

Dieser Widerstand, den sie ih entgegensetzt, sichert aber auch ihr inneres Sein: »Sie war ein ausgefahrenes Stück Straße. Reichlich Leben unter der Oberfläche, aber die Räder walzten es ständig platt.« (S. 133) Sie separiert sich in sich, sieht sich selbst beim Leben zu und nennt den Teil, der vor aller Augen agiert Schatten: »Eines Tages setzte sie sich und beobachtete ihren Schatten dabei, wie er geschäftig den Laden besorgte und sich vor Jody [Joes Spitzname] erniedrigte, während sie selbst dabei die ganze Zeit unter einem schattigen Baum saß und sich den Wind durch Haare und Kleider pusten ließ. Eine, die sich fast rein aus der Einsamkeit einen Sommer baute.« (S. 134)

Es wird ihr Glück, dass Joe früh stirbt, weil er, statt Ärzte zu konsultieren, lieber auf einen Prediger hörte, der ihm einredet, er sei nicht krank, sondern Janie habe ihn verhext.

Erst als Joe im Sterben liegt, macht Janie reinen Tisch und sagt ihm, was sie von ihm hält: »Ich bin mit dir durchgebrannt, damit ich mit dir ‘ne Ehe führe, die wunderschön ist. Aber du warst nicht zufrieden mit mir, so wie ich war. Kein bisschen! Ich musste aus mir selbst rausgedrängt und -geekelt werden, damit in mir Platz war für dich.« (S. 146)

Eine bessere Darstellung der Auswirkungen einer Beziehung mit Narzissten habe ich noch in keinem Roman gefunden!

Als Joe wenig später tot ist, reagiert sie mit »Weinen und Wehklagen außen. Innen unter der teuren schwarzen Draperie Auferstehung und Leben.« (S. 149)

Nun ist Janie eine wohlhabende Frau, besitzt ein Haus, einen Laden, und ist von den Menschen derart enttäuscht, dass sie klug genug ist, auf das Werben der Männer, die plötzlich allüberall auftauchen, von nah und von fern, nicht mehr zu hören. 

Bis Tea Cake im Laden auftaucht. Ein Wanderarbeiter, 12 Jahre jünger als sie, ein Spieler, ein Sänger, und wir ahnen bereits, was kommen muss: Sie lässt sich auf ihn ein. 

»Er sah aus, wie sich Frauen die Liebe vorstellen. Er konnte die Biene zu einer Blüte sein – einer Birnenblüte im Frühling. Es war, als ob er mit seinen Schritten der Welt Düfte auspresste. Als ob er mit jedem Schritt, den er tat, aromatische Kräuter zertrat. Würzgerüche umdufteren ihn. Er war ein Lichtblick von Gott.« (S. 173)

Als eines Morgens, wenige Tage nach der Hochzeit, Tea Cake und jene 200 Dollar, die Janie auf Phoebys Rat in ihrer Wäsche verbarg, verschwinden, fürchten wir das Schlimmste. Doch es kommt anders! Er, der charmante Lebemann, der sie fortwährend zum Lachen bringt, überrascht uns – wie das sei hier nicht verraten, jede und jeder soll es in der Lektüre selbst erfahren.

Noch ein Wort zu Zora Neale Hurstons Sprache: Großartig gelingt es der Autorin, die Lebendigkeit ihrer Figuren in direkten Reden in authentischem Dialekt einzufangen. Das klingt dann zum Beispiel so: »Die [Indianer] wissen auch nicht immer alles. Die Inschepuper blicken im Grunde rein gar nichts, will ich dir mal sagen. Sonst würde ihnen das Land hier doch gehören. Die Weißen gehen nirgends hin. Die müssten’s doch wissen, wenn es wirklich gefährlich wär.« (S. 239) 

Rassismus ist in diesem Werk zwar Thema, aber es bleibt im Hintergrund, gestaltet sich vor allem an Mrs. Turner, einer hellhäutigen Afroamerikanerin: »Jeder, der weißrassiger aussah als sie, war nach ihren Wertmaßstäben besser als sie und daher im Recht, wenn er gelegentlich grob zu ihr war, so wie sie ihrerseits zu denen grob war, die negeriger waren als sie, und zwar im direkten Verhältnis zu ihrer Negerigkeit.« (225)

Zora Neale Hurston nutzt auch regionale Sprichwörter – wie zum Beispiel: »Wer mit seinem Schuh mitläuft statt sein Schuh mit ihm, der hat’s nicht leicht.« (S. 207) – und nutzt sie, um den Humor der direkten Reden zu stützen. Diese Ebene verwebt sie außerdem mit witzigem Geplänkel und pointiertem Schlagabtausch. Darin fließt obendrein viel Wissen ein, dass die Autorin als studierte Ethnologin, die sich der Erforschung der afroamerikanischen Gemeinden widmete, sammelte.

An die Seite dieser sehr lebendigen Erzählebene stellt sie eine gänzlich andere Erzählsprache, die durch ihre eigenständige Bildsprache besticht. Da ist zum Beispiel die Rede von der »[…] kalten Schulter der Zeit […]« (S. 29), oder das Gerücht, »[…] dieser flügellos fliegende Vogel […]« (S. 143) wirft seinen Schatten, um nur zwei aus unzähligen, die man entdecken kann, herauszupicken.

Noch ein Wort zum Titel des Buches, den man sonst vielleicht fehlinterpretiert: Er zitiert eine Buchstelle, als Tea Cake und Janie sich mit einem heraufziehenden Hurrikan konfrontieren müssen, der einen See zur Wassermasse auftürmt: »Sie schienen auf das Dunkel zu starren, doch vor ihren Augen sahen sie Gott.« (244)

Abschließend sei all jenen gesagt, die nun befürchten, ein deprimierender Roman erwarte sie, dass sie sich irren. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur deshalb, weil »[w]enn du am Morgen einmal das Licht gesehen hast, dann macht dir’s nichts aus, am Abend zu sterben. Wie viele Leute sehen das Licht ihr Leben lang nicht. Ich bin blind umhergeirrt, und Gott hat mir die Tür geöffnet.« (S. 243), wie Janie nach zwei Jahren mit Tea Cake einmal sagt. Von diesem kleinen Türspalt aus bewegen wir uns auf das Ende zu: »Der Kuss der Erinnerung […] malte Bilder von Liebe und Licht an die Wand. Hier war Friede. Sie holte ihren Horizont ein wie ein großes Fischnetz. Holte ihn ein vom Bund der Welt und warf ihn sich über die Schulter. So viel Leben in seinen Maschen! Sie rief ihre Seele, schauen zu kommen.« (S. 288)

Und wer sich nicht mit Phoeby und Janie in den Hinterhof setzt und lauscht, der oder die ist selber dafür verantwortlich, sich ein großartiges Werk entgehen zu lassen!

 

Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Hans-Ulrich Möhring. Mit einem Vorwort von Zadie Smith. Zürich: Kampa Verlag 2022.