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Elif Shafak »Das Flüstern der Feigenbäume«. Oder von Lebensirrtümern und Teenagern.

Im Mittelpunkt des Erzählstrangs in erzählerischer Gegenwart steht Ada, 16 Jahre, wohnhaft in London, die an ihrem letzten Schultag vor den Ferien die Contenance verliert, da ihre Geschichtslehrerin beharrlich fragt, ob es in Adas Familie auch Erbstücke gäbe, die von Generation zu Generation weitergegeben würden und der Familie daher mittlerweile weitaus mehr bedeuten als ihr realer Wert je ausmachte. Eine etwas unsensible Frage, könnte man meinen, da sie den Hintergrund des Mädchens ignoriert. Ein Eklat ist die Folge.

Kaum zu Hause eröffnet ihr der Vater, dass er sie wegen dieses Vorfalls keineswegs von der Schule nehmen werde, sie solle sich der Situation stellen – von den gehässigen Kommentaren und dem Gelächter der anderen Schüler*innen hat er ebenso wenig eine Ahnung wie davon, dass ein Video der schreienden Ada viral ging. Zu sehr ist er in seine Trauer um Adas Mutter verstrickt, die vor elf Monaten verstarb, um die Ereignisse in ihrer ganzen Bandbreite wahrzunehmen. Da Ada glaubt, sie dürfe ihrem Vater keinen weiteren Schmerz zumuten, verschließt sie all die schwierigen Erfahrungen in sich, denn eines ihrer Talente sei, so sagt sie über sich, die Traurigkeit anderer Menschen ungefiltert mitzuerleben, »[…] so wie ein Tier Artgenossen aus zwei Kilometern Entfernung riecht […]« (S 23).

Hinzu kommt die Mitteilung des Vaters, dass ihre Tante Meryem erstmals ihr Gast sein werde. Ada ist darüber wenig erfreut, trägt allen Verwandten nach, dass sie bislang nie zu Besuch kamen, aus Ärger über die Beziehung der Eltern, die ihnen aus politischen Gründen ein Dorn im Auge war, bloß weil die eine Seite türkisch, die andere griechisch sei. Und der Bürgerkrieg seit über 50 Jahren Geschichte! Nun aber auf heile Familie machen, weil Mutter und Großmutter tot? Niemals spiele sie, Ada, da mit, überhaupt spreche sie weder die eine noch die andere Sprache, sei Britin, was habe sie mit den Verwandten zu schaffen …?

So beginnt dieser Roman, doch was daraus wächst, ist mehr als Lesende zu jenem Zeitpunkt glauben, selbst wenn sie versucht sein sollten, die Zielgruppe auf 17-30-jährige zu beziffern.

Es dauert, bis Meryem eine Annäherung gelingt, und es dauert noch länger, bis Ada etwas Ähnliches wie Vertrauen zu ihr fasst – vielleicht glückt dies, weil Meryem so gänzlich anders als ihre Mutter ist, abergläubisch zum Beispiel. »Aberglaube ist der Schatten verborgener Angst« (S. 252), wird dies wiederaufgenommen und im zweiten dominanten Erzählstrang weitergeführt, den ein Feigenbaum bestreitet.

Über ihre Mutter weiß Ada jedenfalls nichts Gutes zu berichten: Sie sei Alkoholikerin gewesen, habe sich selbst umgebracht, und selbst wenn keiner der Erwachsenen dies so sehe, sie sei und bleibe davon überzeugt: Wer bitte nehme sonst eine tödliche Mischung aus Alkohol und Tabletten? Noch dazu in dem Wissen, dass die einzige Person, die einen finden könne, die eigene Tochter sei …?

Um Ada Gerechtigkeit Wiederfahren zu lassen: Es war das Beharren der Mutter, sie wollte unbedingt alle Vergangenheit von der Tochter fern halten, damit dieser nationale Konflikt und all seine Konsequenzen Ada sicher nicht belaste – und machte es just damit der Tochter besonders schwer.

Der dritte Handlungsstrang führt in die Vergangenheit der Familie. Er folgt dem Vater Kostas, der sich 1974 in seiner Heimatstadt Nikosia Hals über Kopf in die junge lebensfrohe Defne verliebt, eine Beziehung, die beide geheim halten, wissend um den Aufruhr, den sie sonst verursachen würden. Einzig ihre Freunde Yiorgos und Yusuf wissen Bescheid, auch weil jenes Paar eine vergleichbare Erfahrung kennt: Aus beiden Kulturen stammend sind sie ob ihrer Liebe als homosexuelles Paar doppelt gefährdet. Ungeachtet dessen schützen sie Zuneigung und Sehnsucht von Kostas und Defne, verschaffen ihnen im Hinterzimmer ihrer Taverne einen sicheren Ort und bezahlen letztlich dafür mit ihren beiden Leben.

Auch in Kostas und Defnes Familie spitzt sich der Konflikt konstant zu, die Politik zieht scharfe Trennlinien, fordert erste Todesopfer.

Und Kostas und Defne? Sie trenne sich, treffen erneut aufeinander, wollen nicht voneinander lassen, beschließen, allen Widerständen zum Trotz, miteinander die Insel, die sie lieben, zu verlassen, mit leichten Gepäck. Aus der Heimat, die keine mehr ist, nimmt Kostas einzig einen Stecklingszweig mit. Er stammt von jenem Feigenbaum aus der Taverne ihrer Freunde, da in seinem Schatten ihre Beziehung begann und der Vater dem nunmehrigen Sterben des einst prächtigen Baumes nicht zusehen mag.

Wie schon erwähnt erzählt auch der Steckling, nunmehr zu einem Baum gewachsen, seine Geschichte. Es ist eine Erzählung von Mangel, Gefahr und Krankheit, von Hoffnung und Hilfe, von Insekten, Mäusen und Menschen, die einst in seinem Schatten saßen, vor allem aber von seiner Sicht auf die Welt, und das klingt dann so:

»Bei allem Respekt für die Gläubigen: Es ist schlicht absurd anzunehmen, der erste Mann und die erste Frau wären zur Sünde verleitet worden, indem sie einen langweiligen Apfel verspeisten, hätten daraufhin nackt, frierend, schamerfüllt und trotz der Furcht, jeden Moment von Gott erwischt zu werden, einen langen Spaziergang durch den Zaubergarten unternommen und wären auf einen Feigenbaum gestoßen, mit dessen Blättern sie ihre Blöße bedeckten. Eine interessante Geschichte, an der aber etwas nicht stimmt – meine Rolle! Denn es ging von Anfang an um mich, den Baum des Guten und des Bösen, das Lichts unter der Dunkelheit, des Lebens und des Todes, der Liebe und des Liebeskummers.« (S. 51)

Spätestens an dieser Stelle erinnern wir uns an Kostas’ Begraben des Feigenbaumes zu Beginn des Romans, um sein empfindsames Wesen vor den Stürmen und den britischen Frostnächten zu schützen. Wir denken an Meryem und ihr Totenritual für die verstorbene Schwester, und wir ahnen, dass der erzählende Feigenbaum – trotz aller Skepsis gegenüber volkstümlichem Denken –, diesem vielleicht in der Frau, die in ihm weiterlebt, näher ist als er es je zugeben würde.

 

 

Shafak, Elif: Das Flüstern der Feigenbäume. Aus dem Englischen von Michaela Grabringer. Zürich, Berlin: Kein & Aber 2023.