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Else Feldmann »Der Leib der Mutter«. Oder: Drückend, ja, aber die Wahrheit.

Wien, um 1912: Absalon Laich, ein Journalist Mitte 30, der bessere Jahre kannte als jene der Gegenwart, strandet in der Stadt. Seine Reportagen über Amerika sowie über das Kulturleben in Wien erhalten gerade eben seine Existenz in einem Untermietszimmer der Fabriksarbeiterin Miczek und ihrer Familie. Als diese vor seinen Augen ihr jüngst geborenes Kind mit einer Nadel sticht, es zu ermorden versucht, wie er vermutet, kann er das eben bezogene ärmliche Zimmer nicht sogleich wieder kündigen. Sein Verdacht des Mordens bewirkt, dass er sich sehenden Auges mehr und mehr in den Alltag der Menschen des Viertels verstrickt: Da sind die Schuhmacherkinder, verwachsen, rachitisch, die nie Sonnenlicht sahen; da sind die Kinder, die am ›Mohntee‹ verblöden, sich selbst in schläfriger Dösigkeit überlassen, weil ihre Mütter arbeiten müssen; da ist jede Geburt ein möglicher Tod – und sei es nicht derjenige der Mutter, wird es derjenige des Kindes. Spätestens wenn sie erwachsen werden. Jeder Lebensweg scheint hier ausweglos vorgezeichnet, und vom Hausmädchen zur Prostituierten genügt ein falscher Schritt. Absalon erlebt dies an Miczeks ältester Tochter, Justine, und all seine Versuche, sie zu retten, scheitern – unter anderem an eigenem Elend, an mangelndem Geld.

Eine ausweglose Misere, gegen die auch das Sprichwort »Geld in der Tasche ist Freiheit für den Menschen.« (69) nichts hilft. Diese Freiheit werden die Protagonist*innen nie erleben. Sie wurden geboren, um elend zu krepieren, denn was bei der Zeugung, diesem »[…] großen Spielballs im Weltall […]«, angelegt werde, zeichne Schicksale vor: »[…] so wurden Menschen gezeugt in den Betten des Wohlstands, und der Keim enthielt Wohlstand und gutes Leben. Verbrecher zeugten mit Straßendirnen Kinder, die Mörder wurden. Aber es konnte auch vorkommen, dass ein Mensch eine große Güte in sich trug, und die senkte er in das Innere eines Weibes, das sie still aufnahm, mit singender Seele, und aus diesem Keim konnte ein Dichter werden oder ein Denker, ein Befreier für die vielen …« (93)

Und so hoffen wir mit Absalon bis zur letzten Seite, auf der ihm einer den Schädel einschlägt, aus Eifersucht und aus dem Besitzdenken der Zuhälter, das Menschen zur Ware erklärt.

Ein Roman, geprägt von düsterem Realismus, ja, aber einer von hohem Spannungsbogen auch, der uns wider alles Wissen hoffen lässt, das Blatt möge sich doch noch wenden – zumindest für irgendeinen dieser strauchelnden Menschen. Weshalb man sich damit befassen soll, wenn es doch nicht ›lustig‹, sondern derart drückend sei? Nun, an einer Stelle des Romans gibt Absalon selbst die Antwort auf diese bis heute so oft gehörte Frage:

Als seine auf dem Land lebenden, wohlgenährten Brüder und Schwestern darüber klagen, dass zeitgenössische Kunst immer so düster sei, so elend – verlauste Kinder, hässliche Mütter, Dreck und Mief, Spelunken voller Hoffnungslosigkeit –, da antwortet ihnen Absalon mit einem Satz: Weil es die Wahrheit spiegle!

Sie jedoch insistieren, rücken das eigene Ich dabei als Zentrum ihres gedanklichen Universums in den Blick: Was gebe ihnen, als Betrachtende, der Blick auf solch ein Bild?, fragen sie. »Die Wahrheit!«, wiederholt Absalon und wird ihnen darin kaum verständlicher, auch nicht als er hinzufügt: »Es gibt eine Ungerechtigkeit unter den Menschen, die nie aufhören wird. Nie wird es besser werden!« (S. 126)

Und damit hat er leider bislang recht behalten. Zumindest global betrachtet.

Else Feldmann, geboren 1884 in Wien, gehört zu den versierten sozialkritischen Literat*innen Österreichs. 1942 wurde sie im Vernichtungslagor Sobibór im besetzten Polen ermordet, nachdem die Nazis ihre literarische Stimme bereits jahrelang mit ihrer »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums« zum Verstummen verdammt hatten. Else Feldmann weiterhin zu lesen heißt daher nicht nur, sich mit der Geschichte Wiens, mit dem sozialen Elend der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts in Österreich zu befassen, sie weiterhin zu lesen heißt auch, sie diesem verordneten Vergessen zu entreißen!

 

 

Else Feldmann: Der Leib der Mutter. Mit einem Nachwort von Adolf Opel und Marino Valdéz. Wien: Milena Verlag 2025.