Alois Brandstetter »Zu Lasten« usw. usf. Oder: Was in die Vergangenheit weichen darf.

Wer sich wahrhaftig daran erinnern will, wie misogyn der Männerwitz der 1970er-Jahren war, der oder die lese „Zu Lasten der Briefträger«. Für alle anderen denkenden Menschen, die grundsätzlich keinen Widerspruch zwischen Humor und dennoch zu erwartenden Tiefgang eines Werkes sehen, gilt eher der weite Bogen: Den mache man höchstfreiwillig um dieses Werk. Die latente Frauenfeindlichkeit darin ist unerträglich, und das vermeintlich Komische, in das sie sich kleidet, macht sie noch unerträglicher. Alte Vulven, um deren (gynäkologische) Betrachtung keiner zu beneiden sei (S. 12), funktionsuntüchtige Räder sind ›Damenräder‹ (S. 97), die Bahn sei schlimmer als die launischste Frau, denn Mann wisse nie, woran man sei, weder bei der einen noch bei der anderen (S. 212) usw. usf.

Davon abgesehen werden zahlreiche weitere Vor- und Pauschalurteile ohne zu hinterfragen wiederholt – fette Menschen seien faule Menschen usw. usf.

Das Argument, dieses Geschreibsel habe eine andere Qualität – nämlich die Entlarvung gesellschaftlicher Missstände im zügig lesbaren Plauderton –, dem sei an dieser Stelle eine Absage erteilt: Den Tonfall des verbalen Schlagabtauschs (sage ich, sagt er, sage ich) hat man nach einer Seite verstanden, dazu bedarf es keines sich titulierenden ›Romans‹.

Neben diesem Werk erbte ich obendrein noch einige weitere des gleichen Autors und bettete auch sie, mit guten Wünschen für ihre Vergänglichkeit, ruhigen Gewissens in die große Kiste ›Vergangenheit!‹.

 

Brandstetter, Alois: Zu Lasten der Briefträger. Wien: Kremayr & Scheriau 1974.