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Von Kaffeeröstern, Bitternis und Familienzoff oder: Was tun, wenn die erwachsenen Kinder um das Erbe streiten?

Zugegeben, als ich die Lektüre begann, war ich skeptisch. Nicht ob der Romanhandlung oder -sprache, sondern wegen des unter dem ersten Kapiteltitel vorangestellten Zitats George Bernhard Shaws:

»Nur wer über sich und seine Zeit schreibt, schreibt über alle Menschen und alle Zeiten.«

Meine Mitleser*innen können sich wohl denken, was ich sogleich befürchtete: Nicht schon wieder so eine Selbstbespiegelungs-Autofiktionsliteratur! Ich kann sie nicht mehr sehen, will sie nicht mehr lesen, all dieses (und uns als das einzig Wahre verkaufte) ›Über-mich-selbst‹! – Starrte auf das Cover, welches eine relativ zeitlose nordamerikanische Straßenszene zeigt. Aber da war ja im Zitat auch von ›seiner Zeit‹ die Rede gewesen, und vielleicht tat ich Kollegin Fogel unrecht? Öffnete den Roman also erneut: Ihre Chance sollte sie haben, trotz Shaw-Zitat, meinem Verdacht und Comic-Tönen in den ersten Textzeilen …

Folglich las ich weiter. Holperte dahin. Tauchte nach wenigen Seiten ein – und genoss!

Denn »Hertzmann’s Coffee« ist klug konstruiert, die Strukturmittel sind dezent und der inneren Werklogik folgend eingesetzt, der Figurenduktus lebendig und authentisch ausgestaltet. Gute Handwerkskunst! Und die erzählte Geschichte? Hat Witz, Charme und Schmackes. Oder um Tacheles zu reden: Sie lebt von Yankele Hertzmann und seiner Frau Dora, zwei Protagonist*innen, die man nach wenigen Seiten schon lieb gewonnen hat, selbst wenn sie so ganz und gar nicht in unsere Gegenwart passen mögen. Oder wohl gerade deshalb!

 

Beide sind sie Überlebende des Holocaust, die einander im Lager für Displaced Persons kennen und lieben lernten. Ende der 1940er-Jahre begann Yankele Handel zu treiben, zuerst mit diversen Waren, alsbald spezialisierte er sich auf Kaffee: Die Auswahl der Bohnen, die Kunst des Röstens, das Mischen der Sorten, all das ist seit Jahrzehnten schon nicht mehr Angelegenheit der kleinen Pfanne in innerhäusiger Küche, der Handel seit ewig nicht mehr bloß auf Mitteleuropa begrenzt. Nein, nach und nach etablierte sich Yankele ein wahres Kaffee-Imperium, welches der alte Herr geschickt durch schwierige Zeiten lotste, vor allem auf einem beharrend: der Qualität.

Neben dieser Passion für exzellenten Kaffee und dem Wissen, dass jede Situation im Leben eine andere Zubereitungsmethode erfordere, da ein Tag nach der beruhigenden Süße eines cafe cubano verlange, während ein anderer einen Mokka mit geschäumter Kakao-Milch oder mit einem Schuss Cognac benötige, teilen Dora und Yankele noch eine weitere Lebenspassion miteinander: Die beiden sind ein innig verbundenes Paar, denen ihr Miteinander in einer Zeit Halt gibt, die sie weder verstehen können noch wollen.

So ist ihnen absolut schleierhaft, weshalb die erwachsenen Kinder, in alle Länder verstreut, denen es nie an irgendetwas Essentiellem fehlte, in einer Tour miteinander im Clinch liegen: Sie verhalten sich, als wären sie  irgendwo im Alter von 7+ steckengeblieben und niemals erwachsen geworden.

Die Situation eskaliert, als Yankele sich entschließt, einem von ihnen die Firmenleitung zu übertragen; dafür wählt er just den einzigen seiner nervigen Sippe, der die Leitung offenbar nicht einmal haben möchte. Als die Geschwisterrivalität dazu führt, dass Yankele im allgemeinen Tohuwabohu eines Familienfestes der Arm gebrochen wird, reicht es Yankele und Dora Hertzmann. Sie räumen das Feld. Ruhe aber findet Yankele nicht. Besonders die Nächte sind schlaflos geworden.

 

Mit Hilfe eines jungen Verkäufers aus dem Technikladen, der Yankele nicht bloß eine Video-Kamera verkauft, sondern ihm auch völlig Unverständliches von einem eigenen TV-Kanal mitzuteilen versucht, der in Yankeles Computer schlummere, schreitet der alte Herr zur Tat. Nachts, wenn er aus Sorge um die letzte und die nächste Finte der ›Kinder‹ kein Auge schließen kann, erzählt er der Kameralinse seine Lebensgeschichte; damit bricht er zwar jenen Pakt, den er einst auf Doras Wunsch mit ihr schloss, dass über die Vergangenheit des Krieges nie mehr gesprochen werden solle, um die ›Kinder‹ zu schonen, aber wenigstens bringt es  ihm gegenwärtig Frieden.

Und langsam setzt sich auch der Floh des Verkäufers fest: Wer weiß schon, was mit seinem Erzählen geschieht, in diesen dubios-schläfrigen Kanälen im Internet  …? Vielleicht hören ihm ja auch seine Kinder endlich einmal zu?

So spricht Yankele davon, wie bitter es sei, die Mischpoche zu verlieren, einem selbst relevante Bezüge zerbrechen zu sehen, und er erzählt von seiner jüngsten Schwester, einzige weitere Überlebende seiner Herkunftsfamilie, die irgendwo in Südamerika lebt und nichts von ihm wissen will. 

 

Wen seine Botschaft erreicht, das erfährt Yankele eher durch Zufall, vorerst ohne es zu begreifen (und für mich persönlich eine der grandios erheiternden Passagen dieses Romans): Eine Passantin stellt sich auf der Straße Yankele in den Weg, weil sie in ihm den Erzähler seines Lebens wiedererkennt. Während er, ganz Gentleman, geduldig ihrer Tirade lauscht – über die heutige Notwendigkeit der Selbstdarstellung zur eigenen Rechtfertigung vor aller Welt, die würde sonst ja ihr Urteil über einen fällen, und wer nicht Position beziehe, habe schon verloren … – überlegt Yankele die ganze Zeit, woher er sie womöglich kenne und wagt es nicht, ihr zu sagen, dass er sich bedauerlicherweise überhaupt nicht an sie erinnere, obendrein kein Wort von ihrem Gebrabbel verstehe, bevor er schließlich unter unverbindlichem Gemurmel dieser ihm peinlichen Situation entflieht.

 

Warum und wie Yankele ungewollt zum YouTube-Star wird, was all dies in Kindern und Enkelkindern bewirkt, ob die List final gelingt oder nicht, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Vanessa F. Fogel ist klug genug, uns kein dummes Happy End an den Haaren herbeizuziehen, und dennoch Yankeles Geschichte zu einem guten Ende zu führen – aus Leser*innen-, wie aus Literat*innen-Sicht.

Ein schlanker Familien-Roman, der famos unterhält, mit einer berührenden und facettenreichen Geschichte, die nicht bloß Kaffeeliebhaber*innen (wie ich eine bin) gefallen wird. Selbst wenn an diesem Werk nichts künstlerisch innovativ Neues sein mag: Dieser Roman ist gutes Handwerk, gelungene Erzählkunst vom Feinsten. Und das dünkt mir heute schon eine Menge, in all der Flut an Unsinnigkeiten, welche die deutschsprachigen Buchhandlungen stürmen! 

 

Quelle:

Fogel, Vanessa F.: Hertzmann’s Coffee. Frankfurt a. M.: Weissbooks 2019.