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Erinnerungen sind geifernde Hunde. Sie beißen, gibt man nicht Acht. (Thomas Bernhard: »Frost« I)

Arbeiten von Schüler*innen, Gymnasium der Franziskanerinnen, Wels
Arbeiten von Schüler*innen, Gymnasium der Franziskanerinnen, Wels

Wenn ich mich in Wels als Stadtschreiberin nicht ins Kulturleben mische, Auftritte und Werkdialoge bestreite, meine Kolumne verfasse, über Fragen zu Erinnerungen staune, korrigiere ich meinen nächsten Roman mit dem Arbeitstitel »Darob« und lese parallel dazu »Frost« ein weiteres Mal. Eine meiner Macken … Denn das Schreiben bedarf mir eines instinktiv gewählten Pendants aus meinen Bücherschränken: Ein Werk, welches zu den jeweils zu gestaltenden, erzählenden Hauptfiguren passt und deren Sprechen nicht stören wird. Bernhards Kunstmaler Strauch, unter der Beobachtung eines Medizinstudents, der im Auftrag von Stauchs Bruder, einem Chirurgen, agiert, schien mir instinktiv passend, um meinem Erzähler namens Viktor in die Hände gelegt zu werden. Weit bin ich in der Lektüre dieses ersten Romans Thomas Bernhards dennoch nicht gekommen, wiewohl ich vor meinem Schreibakt tagtäglich einige Minuten in »Frost« lese. Um das Hirn zu säubern, abzurücken von dem, was in jenen Momenten in mir ist. Um meine Sprache in Fluss zu bringen, noch bevor der erste Satz des Tages geschrieben wird. Weit bin ich nicht gekommen, weil sich ereignet, was ein grandioses Werk der Weltliteratur stets evoziert: Lektüre, Sein und Schreiben treten in einen Dialog miteinander. Ich nenne dieses Phänomen gerne ›die Spiegelsäle der Literatur‹. Erstmals fiel es mir bei der Lektüre von Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« auf. Ein monumentales Werk, in dem man lesend nicht bloß diese Geschichte aufnimmt, sondern sich in ihr alles Mögliche zu spiegeln beginnt. Als stünde die eigene Seele in einem Spiegelsaal …

Das Alleinsein an einem fremden Ort verquickt sich in der Reflexion mit Lektüre und forcierter Erinnerung, weil ich lese wie Thomas Bernhards Kunstmaler-Protagonist vor einer Verselbstständigung der rückwärtsgewandten Haltung warnt: »Die Erinnerung macht krank. Ein Wort taucht auf, das Stadtbezirke aufreißt. Eine fürchterliche Architektur […].« (»Frost«, S. 45). Kaum schaue man hinein, in diese Architektur, die sich obendrein in rasender Eile ausbreite, sei der Tag schon erloschen. Die Gegenwart gehe darin verlustig.

Eine wunderbare literarische Darstellung dessen, was der Fokus auf Vergangenheiten mit sich bringen kann, finden Sie nicht? Und wie oft haben Sie in diesem Monat gehört, gelesen, gesagt oder gedacht: carpe diem, lebe in der Gegenwart, erstarre nicht im Frost der Vergangenheiten, werde nicht zur Salzsäule wie Lots Frau im Blick ›Zurück‹?

Und dennoch leben wir in einer Zeit, in der das Publikum die Anekdote, den Einblick in das Private weitaus mehr zu lieben scheint als die Auseinandersetzung mit einem Werk. Leben in einer Zeit, in der das literarische Selfie als ›neuer Roman‹ fulminant gefeiert wird. Ungeachtet (oder gerade wegen?) seiner innewohnenden narzisstischen Egomanie. Und das beschaute Ich von Dus umgeben, die bloßgestellt zu werden haben, damit auch hierin der Zeitgeist befriedigt werde und die Sensationsgier angestachelt. Meines Erachtens eine absolute Unkultur in der heutigen literarischen Landschaft. Irgendwann vor Knausgård ging der liebevolle Blick verloren; der durchaus auch entlarvend sein konnte, wie Bernhards Werk genial zeigt. Aber er verfolgte zur Selbsterhöhung kein zerstörerisches Ziel. Macken oder wahrhaftige Bedenklichkeiten wurden als ein Element eines fiktiven Protagonisten verfremdet dargestellt, um etwas über das einzelne Individuum Hinausgehendes, Allgemeingültiges mitzuteilen. Und nicht um Individuen an den Pranger zu stellen, auf dass sich Häme über sie ergieße.

Niemand müsse sich ja in jenes Schreibfeld begeben, jedem das Seine, könnte man sagen. Das ist schön und gut, aber es lässt in seiner entspannten Nonchalance eine wichtige Dynamik des Literaturmarktes außer Acht: Was sich verkauft, ist gewollt und wird solange gewünscht wie es über den Ladentisch wandert; davon will das verlegerische Ich folglich immer mehr und mehr haben. Damit die Kasse sich fülle. Schließlich ist ein Verlag ein kaufmännisches Unternehmen. Wer sich unter den Geschwistern der literarischen Mischpoche öffentlicher Nabelschau samt Stocherakt verweigert, lebt folglich in mageren Zeiten.

»Meine Familie, die Eltern, alles, die ganze Welt, an der ich mich hätte anhalten können und an der ich mich immer anzuhalten versucht habe, hat sich für mich schon früh in Dunkelheit aufgelöst, war einfach über Nacht in Dunkelheit verschwunden, hatte sich meinen Blicken entzogen, oder ich hatte mich von ihr entfernt, in Dunkelheit verzogen. Ich weiß es nicht genau«, legt Bernhard seinem Maler in den Mund und verweist damit auf die Verquickung eines Prozesses dessen Urheberschaft sekundär ist. »Jedenfalls«, lässt er den Kunstmaler weiter erzählen, »war ich früh allein gewesen. Das Alleinsein beschäftigte mich, soweit ich zurückdenken kann. Auch der Begriff des Alleinseins. Des Eingeschlossenseins in sich selbst«, lässt Bernhard den Maler erzählen (S. 30). Und wenige Seiten danach: »Seine ganze Kindheit sei aus Gerüchen zusammengesetzt, zusammengeschoben hätten sie sich zu seiner Kindheit.« (S. 33) Spätestens an dieser Stelle der Lektüre tauchen sie im Spiegelsaal des Nachsinnens über jene Zeilen allesamt auf: der Geruch in Großvaters Tischler-Werkstatt, dieser olfaktorische Genuss aus frisch gesägtem Holz, Sägespäne und Leim; die versunkene Stille, staubbedeckt, darin. Meine stille Versunkenheit im umgebenden Garten, dessen Üppigkeit einem Kinderleib Verstecke bot. Der Geruch von Bratapfel, die Gerüche, welche aus Großvaters Sonderbarkeiten entstehen – seine Wäsche mit Stößel und Schleuder zu waschen zum Beispiel. Oder jedwede andere für ihn so typische Verweigerung ›neumodischer Unsinnigkeiten‹, die kein Mensch benötige, sein ›Wozu?‹ ihnen entgegen gesetzt: Besser man spare in der Zeit, dann habe man in der Not. Aber keineswegs Geld – einmal zu erleben, wie es von heute auf morgen allen Wert verlor, genügte ihm. Lieber sparen und horten; Zucker, Papier, Druckwerke …

Schon stehen wir mitten im Spiegelsaal der Literatur, das Tanzparkett ist eröffnet, ebenso wie die hinausposaunte Frage: Und woran erinnern Sie sich, denken Sie an Kinheitstage?

Weit bin ich in meiner Lektüre nicht gekommen, dem ist Bernhard vor, steckt doch in jedem Satz ein Universum, will bedacht und – ob Wortkunst – im Notizbuch notiert und analysiert werden. Allein schon die obig zitierten phantastischen Passagen zu Beginn des Werkes über die Erinnerungen! Sie verquicken sich mit den Fragen der Welser*innen an ihre Stadtschreiberin, ob ich mich erinnere, und an was, und ob ich darüber schreiben würde, an was ich mich erinnere, würde ich mich erinnern, oder ob ich eher vorhätte, das Heute zum Thema zu machen, und es habe sich doch verändert, dieses Wels, in den dreißig Jahren meines Fernseins? Ich bin irritiert, denn ich frage mich, was das überhaupt sein möge, die Erinnerungen, Großvaters ›Wozu?‹ stellt sich sogleich an die Seite ihrer Erkundigungen. Weshalb sich um »[…] diese Fetzen von Merkwürdigkeiten [bemühen], die man nicht mehr verstehe. Die Erinnerung bleibe zurück und führe immerfort, unendlich sich selbst auf, in derselben Weise, in der man sie, als sie noch nicht Erinnerung gewesen sei, verlassen habe. Wie auf einer Bühne entzögen sich die Menschen. Entzögen sich scheinbar immer auf ein und derselben Ebene. Seine Heimsatt sei wohl der Schnürboden der Unendlichkeit. […] Vergangenheit: Kindheit, Jugend, Schmerz, der längst tot ist, nicht tot, ein Stück Frühling, ein Stück Winter, vom Sommer - von welchem? – das, was einem am liebsten gewesen ist.« (S. 46)

Mir drängt sich in dieser Stadt und durch diese Lektüre vor allem ein solches sich entziehendes Gesicht auf, an dem ich Sie in diesem Essay teilhaben lassen will, weil mir die Narration rundum auf mehr verweist als bloß auf einen Menschen und seine Eigenheiten. Weil darin auch implizit allgemeine Aussagen verborgen liegen.

Nebulos ist es, dies Menschengesicht, aber nicht die Jahreszeit, die Atmosphäre, die Gerüche – eisiger Winter, schneereich. Keine Fahrt mit dem Rad zur Schule möglich. Stattdessen Fußmarsch und Postbus. Manchentags hatte ich zeitgleich Schulschluss mit einem Jungen, wohl gleich alt wie ich oder ein Jahr älter, vielleicht zwei. Während der Busfahrt kein Wort, wir saßen beide irgendwo zwischen all den anderen, die redeten und lachten, hatten unsere Nasen in unsere jeweiligen Bücher gesteckt. Zwei junge Sonderlinge, die trotz Rütteln des Busses und Lärmen rundum konzentriert Seite um Seite lasen, bis es an der Zeit war, auszusteigen, nach Hause zu stapfen. Irgendwann sprach einer den anderen während des Gehens auf diesem verschneiten Winterweg an: Über das Gelesene und was davon noch im Kopf spuke. Mir der eben entdeckte Sartre, Hesses Lyrik im Rücken, er über Bernhard und Bernhard und noch einmal Bernhard, den müsse ich lesen, unbedingt, er sei der einzig wahre Autor, das Licht am Horizont, gerade eben erschienen »Die Auslöschung«. Vergiss Hesse, vergiss Sartre, vergiss Hemingway, vergiss Foster und Bachmann, Rinser, Fleischer! Und mein Mitgeher zitierte sich durch Bernhards Werk, bis mich seine auffällige Begeisterung in der nächsten Freistunde in die Welser Buchhandlung Kellner trieb, um ebenda »Ursache« und »Keller«, »Auslöschung« zu erstehen … 

Jenen Buchhändler, der mir einst Bernhards Werke verkaufte, traf ich übrigens dieser Stadtschreibertage zufällig erneut: Es sei sonderbar gewesen, höchst sonderbar, erzählte er, wie plötzlich, kaum, dass Bernhards Tod bekannt geworden sei, alle in den Buchladen gekommen wären, um Werke jenes Literaten zu erstehen, den sie zuvor ignorierten oder verteufelten, der sie – solange er lebte – nicht die Bohne interessierte …

Sonderbar? Ich weiß nicht. Machen wir uns doch nichts vor. 

Hierzulande gelten wir doch erst etwas, wenn das Ausland uns freudig begrüßt. Oder uns der Tod in die Arme schließt. Sonderbar sind viel mehr solche wie der Junge aus meinem Dorf, der einen Literaten für sich entdeckt hatte und dessen Enthusiasmus sich in Sprache Luft machen musste. Über anderes als Literatur haben jener Junge und ich übrigens nie geredet, auch nicht anderswo, wenn wir einander zufällig trafen. Nicht über Schule, nicht über uns, ich weiß nicht einmal seinen Namen. Nur über die Lektüre; und welcher Rettungsanker uns die Weite der Welt in ihr war – und (mir zumindest noch immer) ist.

 

Bernhard, Thomas: Frost. S. 7-S.47. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2016.