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»Zwischen neun und neun« kann alles oder nichts geschehen. Oder: Leo Perutz und der phantastische Roman

Alles beginnt damit, dass die Greißlerin Frau Püchl einen Kunden, der sich höchst sonderbar gebärdet hat. Und das sogleich in der Früh um neun! Stanislaus Demba ordert, aber nimmt die Päckchen nicht an sich. Erst als Frau Püchl den Laden für wenige Minuten verlässt, verschwindet der auffallende Kunde. Abgezählt liegen danach die Münzen am Tresen.

Wer nun meint, einen Roman über kleine Gemischtwarenläden zu lesen, wird im zweiten Kapitel erkennen, dass der Herr auf der Bank, dessen absonderliches Verhalten die beiden Professoren irritiert, kein anderer als der Kauz Stanislaus Demba ist, der ebenda mit erstandenem Einkauf aus Wurst und Brot Platz genommen hat und erfolglos versucht, sein Gabelfrühstück gegen des Professors Hund zu verteidigen.

Spätestens mit Ende des zweiten Kapitels erhalten wir den Eindruck, Demba – sei nicht wie der Professor meinte: ein Haschischraucher, der wechselhaften Stimmungen wegen – sondern vielmehr eine tickende Zeitbombe. Bald schon, bald wird die Katastrophe, die kommen muss, ihre Klimax erreichen!

Die Personale, die während der ersten Kapitel stets den Blickwinkel der zufälligen Passant*innen einnimmt, macht es möglich, dass wir die Bedrohung, die von Demba ausgeht, bemerken, sie aber – angewiesen, auf deren Erkenntnisse und Wahrnehmungen – nicht fassen können.

Im vierten Erzählabschnitt befinden wir uns im Bureau einer Firma für Modewestenstoffe en gros. Während des Gabelfrühstücks der Angestellten taucht Demba auf. Wir erleben nicht nur seine hilflose Wut, sondern erfahren nun auch erste Hintergründe seiner nervösen Anspannung – oder meinen, sie erfahren zu haben, denn wer sagt uns, dass wir der Angestellten namens Sonja trauen dürfen, die behauptet, den Studenten Demba vor einem Vierteljahr verlassen zu haben, um nun mit Georg befreundet zu sein. Wir verstehen nur, dass offenbar weder das eine noch das andere in Dembas Bewusstsein angekommen ist. Dennoch schürt Sonja unser Misstrauen gegen ihn – wild und unberechenbar sei er, deswegen habe sie sich von Demba getrennt –, einen Revolver habe er, einen Revolver unter seinem Mantel, denkt sie und ändert ihre Taktik: Alle Ablehnung ist verschwunden, sie schmeichelt, stimmt zu, beruhigt: Ja, falls Demba das Geld für die ersehnte Reise in den Süden auftreiben könne, dann fahre sie mit ihm und nicht mit Georg, natürlich! Demba stürmt davon. Er hat es sich fest vorgenommen, das Geld bis zum Morgen aufzutreiben. Und wir atmen auf. Wir glauben ihrer Wahrnehmung eines Revolvers, unser Eindruck verdichtet sich durch sein sonderbares Verhalten ebenso wie die Wortwahl Dembas unsere Einschätzung einer Bedrohung nährt: Jener Georg habe ihm Sonja gestohlen. Als Dembas Mitbewohner ihn darauf hinweist, Sonja sei doch frei, ignoriert er dessen Einwurf. Cholerisch und halsstarrig, so erlebten wir ihn bislang, und er wird uns nun wirklich und wahrhaftig gänzlich unverständlich, wenn wenig später ein Briefträger eintrifft, der Demba sein Übersetzungshonorar ausbezahlen möchte, und der Tölpel nichts anderes zu tun hat, als den Geldbriefträger anzufahren, keineswegs werde er den Empfang des Geldes quittieren, erpresst fühle er sich, verlange der Beamte eine Unterschrift, unverschämt sei das, und erpressen lasse er sich nicht. Und fortwährend tickt die Uhr im Hintergrund.

Im nachfolgenden Kapitel sechs kommt es erneut zu einem Wendepunkt, der sich bereits in den ersten Zeilen ankündigt, denn zum ersten Mal beginnt ein Kapitel nicht mit einem Passanten oder einer Passantin, die danach nie mehr wieder auftaucht, weil er oder sie an und für sich keine Rolle spielt, sondern mit einem Telefonat: Demba drängt eine uns noch unbekannte Steffi zu einem Treffen. Diese kann jedoch aus beruflichen Gründen erst zu Mittag.

Demba streunt herum, begegnet einem Bekannten und gerät in haltlose Rage, weil jener, ohne sich Gedanken zu machen, irgendwelche Floskeln in den Dialog mengt. So sind die sprichwörtlichen ›gebundenen Hände‹ für Demba Grund genug, sich zu echauffieren: »›Genug‹, schrie Demba. ›Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem Mund sind, schon wie Aas.‹« (S. 86) Na, denkt man sich als Lesende, der hat ja Grips im Kopf, offenbar auch ein gutes Ohr und Sprachgefühl – wie kann er dann derjenige sein, den wir bislang wahrgenommen haben? Dieser Kauz, dieser Tölpel, der an simplen Alltagssituationen scheitert? Was hat es damit auf sich, was steckt dahinter?

Das sei an dieser Stelle nicht verraten, denn Ihr Lektüreerlebnis würde sich dadurch verändern. Auch nicht all die anderen kleinen Hinweise, die Perutz gekonnt in dieses Erzähluniversum einstreut, das zu Recht als Perutz hintergründigster und beunruhigendster Roman gilt: Die Perspektive beginnt zu schwanken, selbst die Uhrzeit ist gegen Ende unklar geworden – ist es neun Uhr, aber morgens oder abends? Anderntags oder ist kein einziger Tag vergangen? Selbst der Ort wird zusehends diffus: denn Demba, zu Sturz gekommen, liegt im Sterben. Zwischen neun und neun kann eben viel geschehen – liegen dazwischen Stunden oder keine. Und wer erzählt hier eigentlich? Sind es wirklich wechselnde personale Perspektiven oder ist es eine Auktoriale? Spricht Demba oder spricht er nie? Imaginiert er nur, was die anderen erzählen würden? Entsteht die Spannung primär durch den gekonnten Einsatz von Wissensvorsprüngen und -defiziten oder durch den perspektivischen Wechsel zwischen Außen-und Innensicht?

Keine dieser Fragen lässt sich letztlich beantworten, sie bleiben Auslassungen in diesem Erzähluniversum, und die Beunruhigung, die man von den ersten Zeilen an empfindet, findet final kein Aufatmen. Just dies ist ein Kennzeichen der Phantastik, die durch dieses Changieren zwischen realen und phantastischen Erzählinhalten immer etwas vage Beunruhigendes hat. Stanislaus Demba ist in jenem Sinn eine phantastische Figur, dass er die Welt verzerrt wahrnimmt, ohne jedweden Boden unter den Füßen durch einen Tag driftet (oder auch nicht), ein Wien durchstreift, in dem sich hinter Harmlosigkeit Bösartigkeit verbirgt und unter Freundlichkeit der Abgrund droht. Die Welt, die wir mit ihm erleben, ist insofern nicht real, als dass sie zum Abbild seiner Ängste wird, die erst durch seinen Tod erlöschen. Die Unschlüssigkeit des implizierten Lesers, der implizierten Leserin, mit der wir bis zum Ende der Erzählhandlung allein gelassen werden, ist in der phantastischen Literatur Programm. Eine Lösung soll nicht offeriert werden. Darin ähnelt dieses Genre, dessen Wurzeln in der Romantik liegen, dem Leben.