Österreichische Literatur – von der Moderne bis heute

Ein Muss für alle Schreibenden, seien sie Bernhard-Fans oder solche, die es erst werden wollen: Stefano Apostolos kluge Analyse des bernhardschen Frühwerks
Wer verstehen möchte, wie man über die Entstehungsgeschichte eines Werks und über den Entwicklungsprozess eines Autors mit Gewinn nachdenken kann, der greife unbedingt zu diesem famos interessantem Buch im »Korrektur Verlag«.
Von Großvätern und Helden, die nichts von beidem sind
Paulus Hochgatterer erzählt uns in »Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war« eine gar unglaubwürdige Geschichte, die um zahlreiche unerhörte Ereignisse kreist; fünf sind es mindestens. Was bitte sehr noch kein Negativum bedeutet – an und für sich. Eine Novelle? Mit einem Falken obendrein? Würde dieses Etikett aus Hochgatterers schmaler Erzählung anderes machen? Mitnichten.
Wiederentdeckt: Marta Karlweis. Oder: Wenn einem der Expressionismus Schwindel verursacht.
Ungemein erfreulich ist es, dass Werke des österreichischen Expressionismus endlich wieder aufgelegt und somit den Lesenden erneut zugänglich gemacht werden. Albert Eibl vom Verlag »Das vergessene Buch« sei Dank. Wer sich zum ersten Mal lesend in einen Roman dieser Epoche wagt, hat zwar auf den ersten Seiten eine kleinere (Sprach-)Hürde zu bewältigen, wird aber, sobald man sich an den anderen Duktus gewöhnt hat, mit erstaunlichem Genuss belohnt.
Während draußen der Lavendel drauf und dran ist, auch dieses Jahr wieder zu erblühen, lese ich Elke Laznias »Lavendellied«, tauche in erzählerische Landschaften ein und genieße den Sprachfluss der gewährten Einblicke.
In seinem Werk »Aufruhr« exemplifiziert Michael Scharang ein Österreich im Interregnum des fröhlichen Kampfes. Doch der Roman scheitert an der Lust des Autors, alles zu erklären.
Elisabeth R. Hagers Roman erzählt auf berührende Art und Weise von »5 Tagen im Mai«. Nicht von aufeinander folgenden, denn dazwischen liegen oft mehrere Jahre als eine Hand Finger hat. Immer aber spielen zwei Figuren eine entscheidende Rolle, Illy, eine jugendliche Suchende, und ihr Urgroßvater, Tat’ka genannt, sowie das grundsätzliche Thema ›Verantwortung‹.
Raoul Schrotts »Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal« überzeugt auf beinahe jeder Seite und amüsiert zudem. Wer Geschichten über Entdeckerinnen und Entdeckern liebt, die einen in die Psyche dieser wagemutigen Waghalsigen eintauchen lassen, wird diesen Roman schätzen!
Meiner Namensvetterin Marlen Haushoher, der ich diese Kurzform zu Maria Helena verdanke, wäre am 11. April 100 Jahre geworden, hätte der Krebs sie nicht 1970 – mit gerade mal 50 – zum Sterben verurteilt. Eine Literatin, die ich seit meiner Kindheit schätze, weil sie hinter Fassaden blickte und Scheinwelten entlarvte, und deren Werk noch immer verkannt, abgewertet, heruntergespielt wird; wohl auch weil es das miefige österreichische Bürgertum der 1950er– und 1960er-Jahre fokussiert.
Oder über die Erfahrung, wie sich eine Erzählung mit eigenem Sein verquicken kann, wenn sie ihm zum Spiegel wird.
In seinem ersten Roman »Frost« verweist Thomas Bernhard neben Blaise Pascals »Gedanken« wiederholt auf ›ein Werk von Henry James‹: Ein infames Suchspiel, denn der Titel wird nie genannt, die Handlungselemente passen höchstens an den Haaren herbeigezogen. Einblicke in die Geschichte einer noch nicht abgeschlossenen Entschlüsselung. Oder sollten wir Thomas Bernhard lieber verfluchen?

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