Österreichische Literatur – von der Moderne bis heute

Elisabeth R. Hagers Roman erzählt auf berührende Art und Weise von »5 Tagen im Mai«. Nicht von aufeinander folgenden, denn dazwischen liegen oft mehrere Jahre als eine Hand Finger hat. Immer aber spielen zwei Figuren eine entscheidende Rolle, Illy, eine jugendliche Suchende, und ihr Urgroßvater, Tat’ka genannt, sowie das grundsätzliche Thema ›Verantwortung‹.
Raoul Schrotts »Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal« überzeugt auf beinahe jeder Seite und amüsiert zudem. Wer Geschichten über Entdeckerinnen und Entdeckern liebt, die einen in die Psyche dieser wagemutigen Waghalsigen eintauchen lassen, wird diesen Roman schätzen!
Meiner Namensvetterin Marlen Haushoher, der ich diese Kurzform zu Maria Helena verdanke, wäre am 11. April 100 Jahre geworden, hätte der Krebs sie nicht 1970 – mit gerade mal 50 – zum Sterben verurteilt. Eine Literatin, die ich seit meiner Kindheit schätze, weil sie hinter Fassaden blickte und Scheinwelten entlarvte, und deren Werk noch immer verkannt, abgewertet, heruntergespielt wird; wohl auch weil es das miefige österreichische Bürgertum der 1950er– und 1960er-Jahre fokussiert.
Oder über die Erfahrung, wie sich eine Erzählung mit eigenem Sein verquicken kann, wenn sie ihm zum Spiegel wird.
In seinem ersten Roman »Frost« verweist Thomas Bernhard neben Blaise Pascals »Gedanken« wiederholt auf ›ein Werk von Henry James‹: Ein infames Suchspiel, denn der Titel wird nie genannt, die Handlungselemente passen höchstens an den Haaren herbeigezogen. Einblicke in die Geschichte einer noch nicht abgeschlossenen Entschlüsselung. Oder sollten wir Thomas Bernhard lieber verfluchen?
Wie Verhältnisse lähmen und jedes Leben vergiften: Maria Lazars fulminanter Debütroman »Die Vergiftung« erschien erstmals 1920 im Verlag Tal. »Reicher Einfall und behende Kraft im Figuralen« bescheinigte ihr damals Robert Musil. Dennoch wurde diese Literatin eineinhalb Jahrzehnte später im deutschsprachigen Raum ausgelöscht, alsdann vergessen: Frau, jüdische Herkunft, unbequeme Autorin und innovativer Kopf – das waren vier Argumente zu viel gegen sie.
Wer als Stadtschreiber*in engagiert ist, wird befragt, und wenn bekannt wird, dass er oder sie nicht erstmals an jenem Ort wohnt, sondern zurückgekehrt ist, um so mehr. Unweigerlich wird man mit Erkundigungen zu ›Erinnerungen‹ konfrontiert; den eigenen – oder bleiben diese aus: den ihren. Ich habe nichts gegen Anekdoten einzuwenden, sie können mit ihrer Erheiterung den Dialog bereichern und eine Begegnung ermöglichen. Dominieren sie jedoch die Literatur, wird es bedenklich.
Renate Welshs »Kieselsteine« sind eine wunderbar facettenreiche Sammlung kleiner Kostbarkeiten einer Kindheit. Wer dieser Autorin persönlich begegnen möchte, hat bei der Buchpräsentation der »Kieselsteine« am 17. September im Wiener Literaturhaus die Möglichkeit dazu.
Über verschüttete Milch heult man nicht, besagt das Sprichwort, welches Barbara Frischmuth sich als Titel für ihren jüngsten Roman wählte. Wobei sich hier sogleich die Frage stellt, ob dieses Werk ein Roman sei; zumindest keiner der klassischen Art. Weshalb ich sie zum Interview bat. Der Inhalt des Romans knapp paraphrasiert könnte ›Kindheitserinnerungen beim Betrachten alter Photos‹ lauten; und würde trotzdem das Wesen dieses Werkes in keiner Weise wiedergeben.
Robert Seethalers »Das Feld« macht es einem nicht leicht. Das Werk ist eine Sammlung von dreißig Miniaturen, die nur mittels eines Ortes verbunden sind – dem Paulstädter Friedhof, den einer der Protagonist*innen gerne besucht und auf dem die anderen begraben liegen. Ein faszinierendes Setting? Wäre es, wenn nicht …

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