Österreichische Literatur – von der Moderne bis heute

Oder über die Erfahrung, wie sich eine Erzählung mit eigenem Sein verquicken kann, wenn sie ihm zum Spiegel wird.
In seinem ersten Roman »Frost« verweist Thomas Bernhard neben Blaise Pascals »Gedanken« wiederholt auf ›ein Werk von Henry James‹: Ein infames Suchspiel, denn der Titel wird nie genannt, die Handlungselemente passen höchstens an den Haaren herbeigezogen. Einblicke in die Geschichte einer noch nicht abgeschlossenen Entschlüsselung. Oder sollten wir Thomas Bernhard lieber verfluchen?
Wie Verhältnisse lähmen und jedes Leben vergiften: Maria Lazars fulminanter Debütroman »Die Vergiftung« erschien erstmals 1920 im Verlag Tal. »Reicher Einfall und behende Kraft im Figuralen« bescheinigte ihr damals Robert Musil. Dennoch wurde diese Literatin eineinhalb Jahrzehnte später im deutschsprachigen Raum ausgelöscht, alsdann vergessen: Frau, jüdische Herkunft, unbequeme Autorin und innovativer Kopf – das waren vier Argumente zu viel gegen sie.
Wer als Stadtschreiber*in engagiert ist, wird befragt, und wenn bekannt wird, dass er oder sie nicht erstmals an jenem Ort wohnt, sondern zurückgekehrt ist, um so mehr. Unweigerlich wird man mit Erkundigungen zu ›Erinnerungen‹ konfrontiert; den eigenen – oder bleiben diese aus: den ihren. Ich habe nichts gegen Anekdoten einzuwenden, sie können mit ihrer Erheiterung den Dialog bereichern und eine Begegnung ermöglichen. Dominieren sie jedoch die Literatur, wird es bedenklich.
Renate Welshs »Kieselsteine« sind eine wunderbar facettenreiche Sammlung kleiner Kostbarkeiten einer Kindheit. Wer dieser Autorin persönlich begegnen möchte, hat bei der Buchpräsentation der »Kieselsteine« am 17. September im Wiener Literaturhaus die Möglichkeit dazu.
Über verschüttete Milch heult man nicht, besagt das Sprichwort, welches Barbara Frischmuth sich als Titel für ihren jüngsten Roman wählte. Wobei sich hier sogleich die Frage stellt, ob dieses Werk ein Roman sei; zumindest keiner der klassischen Art. Weshalb ich sie zum Interview bat. Der Inhalt des Romans knapp paraphrasiert könnte ›Kindheitserinnerungen beim Betrachten alter Photos‹ lauten; und würde trotzdem das Wesen dieses Werkes in keiner Weise wiedergeben.
Robert Seethalers »Das Feld« macht es einem nicht leicht. Das Werk ist eine Sammlung von dreißig Miniaturen, die nur mittels eines Ortes verbunden sind – dem Paulstädter Friedhof, den einer der Protagonist*innen gerne besucht und auf dem die anderen begraben liegen. Ein faszinierendes Setting? Wäre es, wenn nicht …
»Der Trafikant« verhalf dem Romancier R. Seethaler zum Durchbruch. Was aber ist dran an der Geschichte, an ihrer Erzählart? Was trug zu jenem erstaunlichen Echo bei, dass sie erfuhr, denn offenbar sprach und spricht dieses Werk unterschiedlichste Leser*innen gleichermaßen an, sodass mal kurzerhand auf die ansonsten so gern gesetzte Frist eines halben Jahres vergessen wird? [Als hätte Literatur selbst ein Ablaufdatum, bloß weil ›der Betrieb› so gerne im ewig bemühten ›Weiter! Weiter!‹ drängt …]